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NRW startet Initiative gegen das Schwanzkupieren bei Schweinen

© Mühlhausen/landpixel
von , am
24.06.2014

Essen - Politik und Berufsstand in Nordrhein-Westfalen wollen gemeinsam das routinemäßige Kürzen von Ferkelschwänzen eindämmen. Beratung und Information spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Das Schwanzbeißen bei Schweinen hat eine Vielzahl von Ursachen, deshalb gibt es auch keine pauschalen Lösungen. © Irene Lehmann/pixelio
In Nordrhein-Westfalen sollen zukünftig möglichst viele Schweine ihren Ringelschwanz behalten. Erreicht werden soll dies über eine organisationsübergreifende Beratungs- und Informationsinitiative, für die am vergangenen Mittwoch (18.6.) in Essen auf dem Fachsymposium "Vermeidung des Kürzens von Ringelschwänzen beim Schwein" der Startschuss fiel.
 
Bereits im Februar 2014 hatten der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV), der Rheinische Landwirtschaftsverband (RLV) und das Düsseldorfer Landwirtschaftsministerium in einer gemeinsamen Erklärung ihren Willen zum Verzicht auf das routinemäßige Schwänzekürzen zum Ausdruck gebracht und sich auf einen Maßnahmenfahrplan bis 2016 geeinigt. "Das ist für uns ein wichtiges politisches Signal, dass Landwirtschaft und Politik gemeinsam das Problem Tierschutz angehen", betonte der Staatssekretär im Düsseldorfer Agrarressort, Peter Knitsch. Er machte darauf aufmerksam, dass Nordrhein-Westfalen beim Streben nach tiergerechteren Haltungssystemen keine Insel sei. Es gebe ähnliche Entwicklungen auch in Dänemark, den Niederlanden oder in Niedersachsen. Wie Beispiele aus der Praxis zeigten, seien Langschwanzschweine "längst keine Science Fiction mehr".

Schwanzbeißen hat zahlreiche Ursachen

Dem WLV-Veredlungsexperten Dr. Bernhard Schlindwein zufolge hat das Schwanzbeißen bei Schweinen eine Vielzahl von Ursachen. Ein Königsweg gegen diese Verhaltensstörung sei noch nicht gefunden. Schlindwein bekräftigte die Bereitschaft der Landwirtschaft, an Problemlösungen aktiv mitzuwirken. "Auch der Berufsstand will Verbesserungen bei der Tiergesundheit und dem Tierwohl erreichen, denn wir wollen wegen dieser Themen keinen Akzeptanzverlust erleiden", betonte der WLV-Experte. Allerdings sei die Problematik des Schwanzkupierens "eine ganz andere Nummer" als die Kastrationsfrage, da sie mit ihren komplexen Zusammenhängen tief in die landwirtschaftliche Praxis hineinreiche. Deshalb werde man einen langen Atem benötigen und dürfe nicht nur auf die Einhaltung vorgesehener Zeitpläne achten.

Keine einfachen Lösungen

Nach Angaben von Prof. Thomas Blaha von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover wurde das Kürzen von Schweineschwänzen lange Zeit als tierfreundliche Maßnahme betrachtet, da es den Tieren Schmerzen durch kannibalistisches Verhalten erspare. Erst seit kurzem werde diese Sichtweise ethisch hinterfragt. Neben dem gesetzlichen Verbot eines routinemäßigen Eingriffs sprächen auch das Schmerzempfinden des Saugferkels und der Verlust der "physischen und mentalen Integrität" des Schweins gegen solch eine Maßnahme. "Durch das Kupieren des Schwanzes berauben wir die Tiere der Möglichkeit Signale zu senden, denn der Schwanz dient auch als Informations- und Kommunikationsmittel für das Befinden", erklärte Blaha. Dies sei in der Vergangenheit, auch bei der Tierbeobachtung im Stall, zu stark vernachlässigt worden.
 
Wie bisherige Forschungsarbeiten übereinstimmend zeigten, entstehe die sogenannte Caudophagie vor allem in der Aufzuchtphase der Ferkel. Jeglicher Frust bei den Tieren fördere dabei das Schwanzbeißen. Es gehe deshalb darum, "alle Grundbedürfnisse des Schweins zu erfüllen", um den gegenseitigen Kannibalismus im Stall einzudämmen, betonte der Wissenschaftler. Dazu zählten unter anderem Gesundheits- und Haltungsfragen, das Futter- und Klimamanagement sowie die Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei habe sich in der Praxis gezeigt, dass Wühlmöglichkeiten mit Stroh, Spänen oder Papier einfachen Spielzeugen wie Ketten oder Bällen überlegen seien. Laut Blaha bedarf es trotz wachsender Kenntnis über allgemeine Einflussgrößen auf das Schwanzbeißen in der Regel immer auch betriebsspezifischer Lösungen. "Was auf dem einen Betrieb funktioniert, muss nicht unbedingt auf dem nächsten funktionieren." Angesichts vieler noch ungelöster Probleme könne nicht von heute auf morgen auf das Schwanzkupieren verzichtet werden, betonte Blaha.

Probleme in der Praxis

Beim Verzicht auf das Kürzen von Schweineschwänzen treten in der Praxis nach wie vor größere Probleme auf; dies berichteten sowohl Thomas Scholz vom Versuchsgut Haus Düsse der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen als auch Schweinehalter Herrmann Wesseler aus dem Raum Osnabrück. Bei mehreren Durchgängen mit unkupierten Schweinen sei es trotz verschiedener Versuchsanordnungen und Beschäftigungsangeboten nicht gelungen, das Schwanzbeißen vollständig zu verhindern, erläuterte Scholz. Nach seinen Angaben ließ sich kein einheitlicher Verlauf oder ein einzelner Auslöser der Caudophagie feststellen. Ein allgemeingültiger Lösungsansatz sei deshalb kurzfristig nicht absehbar.
 
Ähnliche Erfahrungen machte Schweineproduzent Wesseler, der mit seinem Betrieb an einem von Tierärzten und Beratern begleiteten Praxistest teilnahm. Mit zahlreichen Maßnahmen in den Bereichen Fütterung, Tränken, Klima, Lüftung, Bestandsdichte und Beschäftigungsmöglichkeiten hätten sich zwar die Ergebnisse verbessern lassen; letzten Endes seien sie jedoch nicht zufriedenstellend gewesen, da nach wie vor Probleme mit Schwanzbeißen und Nekrosen auftraten. "Schweine sind Kannibalen", stellte Wesseler fest und berichtete von Nachahmungsverhalten im Stall, wenn die Tiere erst einmal "süßes Blut geleckt" hätten. Es stelle sich die Frage, ob nicht der Sekundenschmerz beim Kupieren tiergerechter sei als die langanhaltenden Schmerzen durch das Schwanzbeißen. Untersuchungen von Schlachtkörpern der Langschwanzschweine hätten gezeigt, dass Entzündungen in einige Tiere hineingewachsen seien, was er als Tierquälerei empfinde und als Landwirt nicht wolle. "Eine Erfolgsquote von 70 Prozent reicht nicht, wir brauchen beherrschbare Systeme", forderte Wesseler uns sprach sich für weitere Forschungsanstrengungen aus.

Arbeitsplan bis 2016

In insgesamt drei Phasen will die von den beiden nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsverbänden und dem Düsseldorfer Agrarministerium getragene Initiative das routinemäßige Kürzen der Ferkelschwänze so weit wie möglich überflüssig machen. In der nun begonnenen ersten Phase soll 2014 die Ursachenforschung für das Schwanzbeißen fortgeführt und eine Informations- und Beratungsoffensive für Betriebe und die Tierärzteschaft gestartet werden. In der sich zweiten Phase werden im kommenden Jahr betriebsindividuelle Maßnahmenpläne erstellt, die auch erste Umsetzungsschritte auf den Höfen beinhalten. Zum Abschluss dieses Projektabschnittes, noch vor Beginn der dritten Phase, soll eine Abstimmung auf Präsidenten- und Ministerebene stattfinden, um anhand von Evaluierungsergebnissen über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Für die ab 2016 beginnende dritte Stufe ist bisher die weitere Umsetzung der in der zweiten Phase eingeleiteten Schritte auf einzelbetrieblicher Ebene geplant.
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