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Ringelschwanzprämie: Weniger statt mehr Tierwohl?

© Mühlhausen/landpixel
von , am
12.03.2015

Die Ergebnisse einer Praxistudie zum Kupieren von Schwänzen bei Schweinen sind ernüchternd. Stellen sie die Ringelschwanzprämie in Frage? Im Abschlussbericht zieht das Ministerium andere Schlüsse.

In Niedersachsen sollen bei gut 115.000 Mastschweinen die Ringelschwänze dran bleiben. © agrar-press
Die geplante "Ringelschwanzprämie", mit der das niedersächsische Landwirtschaftsministerium schon ab diesem Jahr Anreize für Schweinehalter schaffen will, die auf das Kupieren ihrer Schweine verzichten, bleibt umstritten.
 
Der Vorwurf: Ein Verzicht auf das Schwanzkürzen führe nicht zu mehr, sondern zu weniger Tierwohl. Die Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Machbarkeitsstudie  der Tierärztlichen Hochschule Hannover scheinen diese These zu stützen. In der Praxis der Versuchsbetriebe zeigte sich, dass Schwanzbeißen nicht leicht einzudämmen und auch nicht auf eindeutige Ursachen zurückzuführen sei.
 
Trotz aller Gegenmaßnahmen "verloren zwischen 50 bis 60 Prozent der Schweine ihre Schwänze", berichtete der Projektleiter der Studie, Prof. Thomas Blaha. Die Umsetzung der Ringelschwanzprämie sei dadurch jedoch nicht Frage gestellt, erklärt der Sprecher des nidersächsischen Agrarministeriums: "Die Studie wird durchaus kritisch gesehen."

Ministerium veröffentlicht Klarstellung zur Studie

Vor dem Hintergrund der geplanten Einführung der Ringelschwanzprämie sollte das Ergebnis der Machbarkeitsstudie für wenig Freude im Ministerium gesorgt haben. Diese Woche veröffentlichte der "Tierschutzplan Niedersachsen" nun eine eigens verfasste Klarstellung zur Studie mit den Worten:
 
"Die Schlussfolgerung von Herrn Prof. Blaha aus dem Projekt ist NICHT, dass das Kupieren unerlässlich ist, aber auch NICHT, dass das Kupieren einfach einzustellen ist, sondern dass wir genügend wissen, um ohne auf weitere Forschungsergebnisse warten zu müssen, sofort damit beginnen können und müssen." Desweiteren ist in dem Bericht zu lesen: "Um falsche Schlussfolgerungen zu vermeiden, wurde sich abschließend darauf verständigt, dass der vorliegende Abschlussbericht zusammen mit dem umfangreichen Fragen-Antworten-Katalog sowie der folgenden Zusammenfassung der wesentlichen Diskussionsergebnisse als Klarstellung des Gewollten veröffentlicht werden soll."

Kritikpunkte an der Machbarkeitsstudie

Laut Sprecher des Ministeriums müsse die Machbarkeitsstudie zum Schwanzkupieren unter Leitung Prof. Blahas unter anderem aus folgenden Gründen kritisch betrachtet werden:
  • Zum Einen sei auf die Reduzierung der Besatzdichten aus Kostengründen verzichtet worden.
  • Bei den Versuchsbetrieben gab es untereinander keine vergleichbaren Größen der Tierbestände.
  • Die Zusammensetzung der Ferkelgruppen wurde beim Übergang zur Mastphase verändert.
  • Zudem sei die Studie bereits 2011 von der schwarz-gelben Vorgängerregierung auf Initiative des Interessensverbands ISN in Auftrag gegeben worden.

Machbarkeitsstudie unter realistischen Praxisbedingungen

"Die Ergebnisse der Studie seien für ihn nicht überraschend gewesen", so Professor Blaha in einemTelefoninterviewmit der Internetseite www.stallbesuch.de. "Sie haben bestätigt, was 20 andere Projekte landauf, landab in Deutschland auch erbracht haben. Es geht nicht so einfach, wie wir es uns dachten". Die Studie sei jedoch als reine Machbarkeitsstudie angelegt gewesen. Das heißt, es wurde untersucht, ob es möglich sei, ohne grundlegende Veränderungen der Struktur und der entstandenen Schweinehaltungsmethoden auf das Kupieren zu verzichten.
 
Die Schweine seien in mehreren Buchten innerhalb eines größeren Stalles gehalten worden, unter Erprobung aller möglichen Dinge, wie dem Angebot von Wühlmaterial, sofortiges Herausnehmen der Tiere, die beißen oder gebissen worden seien und dem Training der Landwirte, dies auch frühzeitig zu erkennen.

Tierschutzplan Niedersachsen: Fazit der Studienergebnisse

  • Für unkupierte Schweine müssen optimale Lebensbedingungen geschaffen werden, da die unterschiedlichsten Defizite Schwanzbeißen auslösen.
  • Tierhalter müssen sich auf einen höheren Betreuungsaufwand einstellen: bis zu 15 Minuten mehr pro Bucht und Tag für die intensivere Tierbeobachtung und das Trennen von beißenden und gebissenen Tieren.
  • Es bestätigte sich durch das Projekt, dass Krankheiten ein "zuverlässiger" Auslöser für Schwanzbeißen sein können.
  • Für den Verzicht auf das Schwänzekupieren bedarf es mehr als die alleinige Einhaltung der tierschutzrechtlichen Mindestanforderungen.
  • Es gibt keinen für alle Betriebe allgemeingültigen Lösungsweg. Die vielfältigen Ursachen von Schwanzbeißen sind nur durch gezielte einzelbetriebliche Analysen erkennbar, d.h. jeder Schweine haltende Betrieb muss sich zunächst auf die Suche nach den seinen betriebsspezifischen "Suboptimalitäten" machen.
  • Schulung und Beratung der Schweinehalter ist notwendig: Für das Erkennen und Beseitigen der die Caudophagie auslösenden Faktoren, die intensivere Tierbeobachtung zur Früherkennung  und die dafür erforderliche Umstellung der betrieblichen Arbeitsorganisation.

Auf der Ministeriumsseite können Sie den Abschlussbericht sowie die Klarstellung herunterladen...

Die Ringelschwanzprämie kommt noch in 2015

Die sogenannten Ringelschwanzprämie soll noch dieses Jahr kommen, so der Ministeriumssprecher gegenüber agrarheute.com. Tierhalter sollen damit pro unversehrten Ringelschwanz, also pro gesundes Tier, 16 bis 18 Euro Prämie erhalten. Kritik erntete der Vorschlag jedoch dafür, dass die Prämien auch bei insgesamt 30 Prozent verletzter Tiere im Bestand ausgezahlt werden sollen. Meyer wies in dem Zusammenhang die von der Opposition geäußerte Kritik zurück, die Prämien sollten lediglich für 70 Prozent nicht-kupierte Ferkelschwänze gelten. "Das ist sachlich nicht korrekt", so der Minister. "Gezahlt wird nur, wenn keine Schwänze kupiert sind. Das sei Voraussetzung für die Teilnahme. Entscheidend sei zudem, dass in den Tierställen Bedingungen geschaffen werden, damit sich zum Beispiel Schweine wohlfühlen. "Mit Stroh, Beschäftigungsmaterialien und genügend Platz für das einzelne Tier", sagte Meyer.

Schweinemast: 10 Tipps für mehr Tierwohl im Stall

Tipp 1: Großgruppen bieten folgende Vorteile: Der Platz pro Tier ist derselbe wie in Kleingruppen, aber jedes einzelne Schwein hat mehr Raum zur Verfügung, um sich frei zu bewegen. © Hungerkamp
Tipp 2: Ein automatisches Filterverfahren kann helfen, die Luft im Stall frisch zu halten. Lüftungsklappen sorgen für frische Luft und ein optimales Stallklima. © Hungerkamp
Tipp 3: Für einen komfortablen Boden sind Kunststoff-Elemente, die eine hygienische Oberfläche besitzen eine Lösung. Sie sollen robust und leicht zu reinigen sein. © Hungerkamp
Tipp 4: Kleine Mengen an Sonnenblumenkernhülsenkönnen als Einstreu verwendet werden. Die Mastschweine spielen, suhlen und liegen in der Einstreu. © Hungerkamp
Tipp 5: Je nach Lebendgewicht trinken die Mastschweine täglich 3 bis 10 Liter Wasser. Um die Zufuhr sicher zu gewährleisten, sollen genügend Tränken im Stall verteilt sein. © Hungerkamp
Tipp 6: Schweine sind neugierige Tiere und beschäftigen sich gerne. Zur Beschäftigung können bewegliche und veränderbare Materialien im Stall aufgehängt werden. © Hungerkamp
Tipp 7: Eine weitere Beschäftigungsmöglichkeit bietet das Raufutter - am besten Heu. Zirka 90 Prozent davon wird von den Schweinen aufgefressen. © Hungerkamp
Tipp 8: Eine Schweinedusche im Stall kann zum Abkühlen oder einfach zum Spielen dienen. Die Schweine lassen sich gerne besprühen. © Hungerkamp
Tipp 9: Ein einfacher Holzstamm kann den Schweinen als Scheuerbalken dienen. Die Schweine nagen sehr gerne am Holz, vor allem,wenn noch Rinde vorhanden ist. © Hungerkamp
Tipp 10: Eine Bade- und Suhlmöglichkeit im Stall weckt und befriedigt die neugier der Schweine. Die Schweine baden, spielen und suhlen sich sehr gerne in einer Wanne. © Hungerkamp
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