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Haltung mit Ringelschwanz

Schweinehaltung: Im Einsatz für den Kupierverzicht

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am Montag, 27.06.2022 - 10:07 (Jetzt kommentieren)

Der Nationale Aktionsplan Kupierverzicht soll nach und nach den Anteil an Schweinen mit intaktem Ringelschwanz erhöhen. Dank eines Wissensnetzwerks sammeln immer mehr Landwirte Erfahrungen mit unkupierten Tieren.

Das Kupieren von Ferkelschwänzen ist in der EU nur im Einzelfall und mit ausdrücklicher Begründung erlaubt. Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten wird bei konventionell gehaltenen Schweinen der Ringelschwanz kupiert. Vonseiten der Kommissionsdienststellen gibt es daher seit einigen Jahren Bestrebungen, die EU-Rechtsvorschriften besser durch- und umzusetzen und somit höhere Standards in allen Mitgliedsstaaten zu gewährleisten.

Anfang 2018 wurde der Druck seitens der EU-Kommission auf die Mitgliedsstaaten noch einmal erhöht, um den Kupierverzicht voranzubringen und den Anteil der Schweine mit intaktem Ringelschwanz kontinuierlich zu erhöhen. Die deutschen Agrarminister der Bundesländer haben daher im September 2018 einstimmig den „Nationalen Aktionsplan Kupierverzicht“ auf den Weg gebracht, der am 1. Juli 2019 in Kraft getreten ist.

Kupieren nur mit Tierhaltererklärung

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Seitdem müssen Landwirte die Unerlässlichkeit des Kupierens bei ihren Schweinen auf einem genau vorgegebenen Weg dokumentieren. Dazu gehört eine Tierhaltererklärung zum Nachweis der Unerlässlichkeit des Kupierens für alle Schweine im Betrieb. Diese Erklärung kann nur abgegeben werden, wenn der Tierhalter zuvor eine Risikoanalyse erstellt hat. Damit soll der Aktionsplan eine von den Behörden akzeptierte Dokumentation dafür sein, dass Schweinehalter den langfristigen Kupierverzicht aktiv angehen.

Zwei Möglichkeiten für Tierhalter

Seit dem Inkrafttreten des Aktionsplans zum Kupierverzicht haben Schweinehalter weiterhin zwei Möglichkeiten: Sie können vorerst weiterhin kupieren oder kupierte Tiere einstallen oder sie entscheiden sich dafür, in den Kupierverzicht einzusteigen, indem sie bei einer kleinen Gruppe unkupierter Tiere Erfahrungen sammeln.

Wer vorerst weiterhin ausschließlich kupierte Tiere halten möchte, muss eine Risikoanalyse in seinem Betrieb durchführen. Sie umfasst das Bewerten des Stallklimas, des Beschäftigungsmaterials, der Gesundheit und Fitness der Tiere sowie der Futter- und Wasserversorgung. Außerdem werden die Struktur und die Sauberkeit in den Buchten berücksichtigt. Zusätzlich müssen Schweinehalter Schwanz- und Ohrverletzungen dokumentieren. Auch Schlachtbefunde können in die Beurteilung mit einfließen.

Auch Betriebe, die mit einer kleinen Gruppe unkupierter Tiere Erfahrungen sammeln, sollten eine Risikoanalyse durchführen. Anschließend müssen die Landwirte geeignete Optimierungsmaßnahmen mit ihrem Tierarzt oder Berater absprechen. Jeder Schweinehalter, der seine Tiere kupiert, muss zweimal jährlich den Status in seinem Betrieb anhand einer Stichprobe erheben.

Die Risikoanalyse ist zudem einmal im Jahr durchzuführen. Einen positiven Nebeneffekt hat dieser Aufwand: Wer eine Risikoanalyse durchführt, kann sich bei der vorgeschriebenen betrieblichen Eigenkontrolle zurücklehnen, denn sie ist damit erfüllt.

Die Erklärung ist für alle Betriebe obligatorisch, die ihre Schweine kupieren oder kupierte Tiere einstallen. Hier kann aber auch angegeben werden, ob der Betrieb eine kleine Gruppe unkupierter Tiere hält. Die Tierhaltererklärung muss zudem beim Kauf und Verkauf von Schweinen berücksichtigt werden. Hier kann der Tierhalter angeben, ob er selbst oder einer seiner Lieferbetriebe Probleme mit Schwanzbeißen im Bestand hat, aber auch, ob der Betrieb eine kleine Gruppe unkupierter Tiere hält.

Schwanzbeißen nachgehen

Mittlerweile haben immer mehr Betriebe mit dem Halten unkupierter Schweine erste Erfahrungen gesammelt. Unterstützung können sie dabei vom „Nationalen Wissensnetzwerk Kupierverzicht“ erhalten. Beginnt ein Betrieb mit dem Halten einer kleinen Gruppe unkupierter Schweine, ist es zunächst wichtig, das Schwanzbeißen bei den Schweinen in den Betrieben zu reduzieren und entsprechende betriebsindividuelle Verbesserungsmaßnahmen einzuleiten.

Dabei kann ein enger Austausch mit einem Berater oder bestandsbetreuendem Tierarzt hilfreich sein. Das Wissensnetzwerk Kupierverzicht fördert außerdem durch regelmäßige Informationsveranstaltungen zum Thema auch den Austausch zwischen den schweinehaltenden Betrieben, die unkupierte Tiere halten oder sich dafür interessieren.

Schweinehaltung optimieren

Das Halten unkupierter Schweine stellt auf den Betrieben neue und höhere Anforderungen an die Haltungsbedingungen. Hier rücken das Wohlbefinden und das Wohlergehen der Schweine sowie die Tiergerechtheit verstärkt in den Mittelpunkt. Ein höheres Platzangebot gehören hier ebenso dazu wie das Gestalten der Buchtenstruktur und der Liegeflächen.

Auch sollten Landwirte die Fütterung und das Fütterungssystem auf Schwachstellen untersuchen. Zudem spielen das Angebot von Außenklimareizen, der Wärmebedarf, das Aktivitätsverhalten oder auch die Art der Entmistung eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, bei möglichst vielen Tieren einen intakten Ringelschwanz zu erhalten.

Bezüglich der Buchtenstruktur sollten den Schweinen verschiedene Funktionsbereiche und Rückzugsmöglichkeiten geboten werden. Dabei kann die Einrichtung der Bucht wie Tränken, Trog, Beschäftigungsmaterialien sowie der Liege- und der Kotplatz unterstützen. Auch das Einbauen strukturierender Elemente wie Trennwände oder erhöhte Ebenen kann den Schweinen eine entsprechende Buchtenstruktur vorgeben.

Die Gruppengröße ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt, der für das Halten unkupierter Tiere eventuell betriebsindividuell angepasst werden muss. Zwar kann den Tieren bei einer größen Gruppe mehr Platz und eine bessere Buchtenstruktur geboten werden als in Kleingruppen, doch mit zunehmender Gruppengröße steigt auch die Anzahl der für die Tiere zu klärenden Rangordnungsverhältnisse. Zudem steigt bei einer größeren Gruppe in der Ferkelaufzucht die Anzahl der miteinander zu kombinierenden Würfe. Das kann unter Umständen bei den Tieren zu vermehrtem Stress führen.

Die Gruppengröße und die Besatzdichte beeinflussen sich gegenseitig. Auch das kann sich sowohl positiv als auch negativ auf die Tiere auswirken. Für die Wahl der passenden Gruppengröße muss stets die Fütterungstechnik beachtet werden. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen empfiehlt, bei Breiautomaten 25 Tiere je Automat nicht zu überschreiten. Bei einer Flüssigfütterung werden mindestens 25 Tiere je Bucht empfohlen und bei einer Trockenfütterung maximal 25 Tiere je Bucht. Beim Tier-Fressplatz-Verhältnis gilt der Grundsatz: Je größer die Gruppe ist, desto weiter kann es sein. Empfohlen wird ein Verhältnis von 3:1 bis 4:1 zum Ende der Aufzucht.

Besonders beim Absetzen sollten Schweinehalter darauf achten, Stress bei den Tieren so weit es geht zu reduzieren. Eine sinnvolle Buchtenstrukturierung sowie verschiedene Aktivitätsbereiche und Klimazonen können dabei unterstützen, das Wohlbefinden der Schweine zu fördern und Schwanzbeißen zu reduzieren.

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