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Schweinekrise: Verbraucher dürfen nicht nur das Filetstück wollen

Landwirt-Stall-Schweine
am Sonntag, 14.11.2021 - 05:00 (1 Kommentar)

In der Schweinehaltung in Deutschland brennt es lichterloh. Lässt sich das Blatt noch wenden? Ein Kommentar.

Es brennt lichterloh in der Schweinehaltung, mit diesen Worten begrüßte Heinrich Dierkes, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Schweinehalter Deutschland (ISN) die Schweinehalter auf der Mitgliederversammlung in Münster. Gemeint ist die desaströse Lage der Schweinehalter in Deutschland.

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man meinen, dass der ISN – und den Schweinehaltern – langsam die Superlative ausgehen, um auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen. Scheint nur kaum jemanden außerhalb der Landwirtschaftsblase zu interessieren und ein Ende ist nicht in Sicht.

Dabei geht um Vieles und bei vielen um die Existenz. Auch das wurde vergangene Woche in Münster sehr deutlich. Folgende Aussagen aus der Podiumsdiskussion zum Thema „Preismisere am Schweinemarkt - temporäres Absatzproblem oder tiefgreifende Strukturkrise?“ verdeutlichen das Dilemma:

Der Verbraucher in Deutschland kauft nur 40 Prozent eines Schweins

"Wir können im Frischfleischsegment nur 26 Prozent des Schweinefleischs in unseren Märkten verkaufen", sagt Markus vom Stein von der Rewe-Group. Würde man die verarbeitete Ware und Wurst mitzählen, käme man immer hin auf rund 40 Prozent.

Vom Stein berichtete weiter, dass sie in normalen Wochen nur für die Rewe-Märkte etwa 10 Mio. t Filet benötigen. In Wochen, in denen Schweinefilet im Angebot ist, seien es 250 t. Die Folge: Es wird munter weiter importiert. Wie vom Stein aber versicherte, sehr ausgewählt, mit QS-Siegel und nach deutschem Standard.

Hinzu kommt, dass die meisten Verbraucher in Deutschland zwar Filet mögen, im Sommer möglicherweise auch noch mal ein Stück Bauchfleisch für den Grill, aber für die "chen-Teile" wie Pfötchen, Schwänzchen, Öhrchen ist er einfach nicht zu begeistern.

In Deutschland gibt es keine Ganztiervermarktung mehr

Die Ganztiervermarktung gibt es in Deutschland faktisch nicht mehr. Dabei wäre sie auch ein sehr wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Wir müssten erreichen, dass in Deutschland alle Teile vom Schwein wertgeschätzt und genutzt werden!

Dr. Gerald Otto verantwortet die Bereiche Tierschutz, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit bei der Goldschmaus Gruppe und meinte während der Diskussion sinngemäß, dass es keine "schlechten" oder Nebenprodukte vom Schwein gäbe. Man müsse nur den richtigen Markt finden. Oder auch wieder einen neuen Markt finden, nachdem China aufgrund der Afrikanischen Schweinepest bei uns im Land noch auf unbestimmte Zeit wegfällt.

Nadine Henke kommentierte auf ihrer facebook-Seite Brokser Sauen treffsicher, dass "from nose to tail", also der Verzehr des ganzen Schweins, in Deutschland wohl ein frommer Wunsch bleiben wird. Aber dann muss sich der Verbraucher der Konsequenz bewusst sein. Nadine Henke schreibt: „Wer meint, gerne Schweinefilet zu essen, parallel aber die sogenannten unedlen Teile liegen zu lassen, der hat das Recht verwirkt, sich über deutsche Schweinefleischexporte aufzuregen.

Teil der Lösung: 5 x D beim Schwein

Lässt sich eine Trendwende erreichen? Ich schließe mich der Forderung der ISN: 5 x D – also Geburt, Aufzucht, Mast, Schlachtung und Verarbeitung in Deutschland – muss gefördert werden und die drei Ampelparteien in Berlin müssen in ihren Koalitionsverhandlungen den Rahmen für Planungssicherheit und Perspektiven in der Schweinehaltung schaffen. Ein Umbau der Schweinehaltung geht nur, wenn auch für machbare Lösungen gesorgt wird. Ansonsten schreitet die Verlagerung der Tierhaltung ins Ausland immer schneller voran.

Konkreter wurde es nicht. Es bleibt schwierig. Aber es brennt lichterloh! Dabei muss schnell was passieren, sonst fehlen am Ende die Ferkel für 5 x D. Denn die Sauenhalter verkraften die Planungsunsicherheit wirtschaftlich nicht länger und schmeißen das Handtuch.

Wenn wir aber nach Möglichkeit schon kein Schweinefleisch exportieren sollen, dann kann der Import von Ferkeln oder Schweinefleisch vom Verbraucher ebenso wenig gewünscht sein. Demnach sind Verbraucher und Handel ebenso gefragt, ihr Verhalten zu überdenken.

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