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Schweinehaltung

Schweinestau: Retrospektive und Ausblick

Anlieferung-Schlachtschweine
am Montag, 15.03.2021 - 16:09 (Jetzt kommentieren)

Zwei Krisen trafen 2020 aufeinander: Corona-Pandemie und Afrikanische Schweinepest. Die Preise sind am Boden, die Existenznot ist groß. Welche Lehren können schon heute gezogen werden?

Das Jahr 2020 war außergewöhnlich und stellte Schweinehalter vor bis dahin nicht bekannte Herausforderungen – ausgelöst durch die Corona-Pandemie und die Afrikanische Schweinepest (ASP) bei Wildschweinen in Deutschland. Wo 2019 noch Rekordpreise herrschten, standen Tiefstpreise, volle Ställe und Absatzprobleme auf der Tagesordnung.

Die coronabedingten Schließungen der Schlachtstandorte Coesfeld (Westfleisch) und besonders Rheda-Wiedenbrück (Tönnies) im Frühjahr 2020 lösten den Schweinestau aus.

Über den Jahreswechsel verschärfte sich die Lage am Schweinemarkt zunehmend. So lag der Preis für die Mastschweine zwischendurch auf einem Rekordtief von 1,19 Euro/kg Schlachtgewicht. Das war der tiefste Preis seit 2011. Der Ferkelpreis lag mit nur 22 Euro auf dem niedrigsten Stand seit 1998.

Schweinehalter erleben Notlage

Die Coronapandemie sorgte dafür, dass Schlachthöfe ihre Kapazitäten nicht voll ausschöpfen konnten. Sie liegen normalerweise bei rund 1 Mio. Tiere pro Woche. Im Sommer 2020 sanken sie auf 800.000.

Insbesondere Mäster, die an Schlachtunternehmen mit nachgewiesenen Corona-Infektionen lieferten, mussten hohe Schlachtgewichte und sehr hohe Maskenabzüge hinnehmen.

Fast schon regelmäßig berichteten Erzeuger und Vermarkter von Partien mit durchschnittlichen Schlachtgewichten von über 110 kg. Einige Ferkelerzeuger blieben auf ihren Ferkeln sitzen.

Schweinemarkt: Erst Corona, dann ASP

Zu allem Übel begann im September 2020 die zweite Krise: Seit dem ersten toten Wildschwein in Brandenburg, bei dem der ASP-Erreger festgestellt wurde, sperrten zahlreiche Drittstaaten den Export von Schweinefleisch aus Deutschland. Auch der EU-Markt wurde durcheinandergewirbelt.

Das sorgte für zusätzlichen Preisdruck. Die Absatzprobleme vergrößerten den Schweinestau, denn vereinzelt blieben verfügbare Schlachthaken ungenutzt. Die Unternehmen konnten das Fleisch nicht vermarkten – eine Situation, die sich bis in dieses Frühjahr hineinzieht.

Reduktion von Ferkelimporten und Abbau Sauenbestand

Die Landwirte reagierten auf diese Situation. Ab September sank die Zahl der Ferkelimporte aus den Niederlanden und Dänemark um etwa 40.000 Ferkel pro Woche. Die Zahl der Sauenschlachtungen stieg um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Auch die Schlachtschweineimporte aus den Niederlanden und Belgien sanken im November 2020 auf etwa 70.000 statt der üblichen 210.000. Gleichzeitig verdoppelten sich die Schlachtschweineexporte von normalerweise knapp unter 30.000 auf ungefähr 55.000 fast.

Stand 15. März 2021: Schweine werden immer knapper, Preise steigen

Erst seit Jahresbeginn 2021 entspannt sich die Lage wieder. Der Schweinestau von etwa 1 Mio. Schlachtschweine konnte innerhalb von zwei Monaten vollständig aufgelöst werden – obwohl die Schlachtzahlen deutlich unter denen des Vorjahres liegen.

Die Prognosen der ISN haben sich also glücklicherweise bewahrheitet: Seit Anfang März werden die Schweine immer knapper. Innerhalb kürzester Zeit wendete sich der Mark ins Positive. In den vergangenen vier Wochen stieg der Preis um 31 Cent auf 1,50 Euro.

Das sogar noch Schwein fehlen zeigt deutlich, dass das Angebot an nachrückenden Schlachtschweinen außerordentlich gering und war und ist. Eine Folge aus den Reaktionen auf Corona und ASP: Abbau der Sauenbestände und stark zurückgefahrene Ferkelimporte aus Dänemark und den Niederlanden.

Schweinehalter lernen aus Krise

Dennoch mahnt die ISN: Auch zu diesen Preisen arbeiten Schweinehalter immer noch nicht kostendecken. Außerdem haben die vergangenen Monate finanzielle Löcher hinterlassen.

Es wurde deutlich, dass eine Pandemie, wie wir sie gerade erleben, eine Ausnahmesituation ist. Im Schweinesektor gab es so etwas vorher nicht. Sich als Schweinehalter darauf vorzubereiten, ist geradezu unmöglich. Sie können auch in Zukunft nicht als reine Vorsichtsmaßnahme einen Stall leer stehen lassen.

Schweinehalter können ihren Betrieb nicht einfach so anhalten. Aufgrund des zeitlichen Vorlaufs von über zehn Monaten von der Besamung bis zur Schlachtung war es Landwirten nicht möglich, den Schweinestau von ihrer Seite zu verhindern.

Dem Eindruck nach sind diejenigen am besten durch die Krise gekommen, die schon vorher verantwortungsvoll und fair mit ihren Partnern zusammengearbeitet haben. Es zeigt sich, was Absprachen wert sind.

Die gesamte Kette muss zusammenstehen und ein verantwortungsvoller Umgang ist wichtig, um reibungslose Abläufe für alle zu gewähren.

Eine weitere Lehre, die man aus der Pandemie ziehen kann, ist daher: Nichts ist selbstverständlich, alles wird in der Krise hinterfragt. Obwohl zu Beginn der Pandemie immer wieder die Systemrelevanz von Schlachtunternehmen herausgestellt wurde, hat dieser vermeintliche „Schutzstatus“ nichts bewirkt.

Im Gegenteil: Es hat extreme Anstrengungen gebraucht, bis sich aufseiten von Politik und Behörden die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Schlachtbetriebe zu jeder Zeit mit möglichst hoher Auslastung am Laufen gehalten werden müssen.

Die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr können genutzt werden, um Pläne für solche Situationen weiterzuentwickeln, damit ein Schweinestau dieses Ausmaßes nicht noch einmal entstehen kann – sofern der politische Wille dafür da ist.

Mit Material von ISN

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