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Geflügel

Das 'verrückteste' Jahr in der Hennenhaltung seit 1945

von , am
07.01.2010

Der Geflügelmarkt ist in zwei Teile gespalten: Diese sind die Fleischerzeugung/Schlachtung sowie Eier. In Bezug auf die Hennehaltung war das vergangene Jahr das wohl verrückteste seit 1945.

© agrarfoto

Geflügelfleisch

Hier wurden in 2009 die Kapazitäten aufgrund des anhaltenden positiven Trends für Hähnchenfleisch dem Vernehmen nach stark erweitert. Bis September 2009 stiegen alleine in Deutschland die Schlachtungen von Masthähnchen um fünf Prozent auf 555.000 Tonnen.

Allgemein ist die Stimmung für Geflügelfleisch weiterhin positiv; allen voran ist Hähnchenfleisch zu nennen. Auch bei Putenfleisch lag der Absatz weiterhin über dem des Vorjahres; allerdings ist der Markt offensichtlich ausreichend mit Ware versorgt, so dass die Preise unbefriedigend waren. Während des gesamten Jahres fanden im gesamten Bundesgebiet Informationsveranstaltungen statt, um Landwirte zu gewinnen, die neu in die Hähnchenmast einsteigen.

Unter vorgehaltener Hand wird berichtet, dass alleine in 2009 ca. 3.000.000 Tierplätze in der Hähnchenmast neu gebaut wurden. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Landwirte aus der Milchviehhaltung aussteigen und die Betriebe frisch aufgestellt werden, ist diese Vorgehensweise durchaus verständlich. Beachten müssen die Landwirte hier jedoch, dass sie sich erneut in ein Abhängigkeitsverhältnis mit Ihrem Kunden begeben, da meist nur Verträge innerhalb eines integrierten Systems angeboten werden; der Abnehmer der Schlachttiere auch gleichzeitig der Hauptlieferant der "Komponenten" ist.

Diese Konstellation muss nicht schlecht sein; sie ist aber grundsätzlich kritisch zu hinterfragen, da in solch einem System der einzelne Landwirt nur noch ein Rädchen im Getriebe ist - mit genau definierter Verdienstmöglichkeit wenn denn alles gut geht.

Eier

2009 wird in die Geschichte der Hennenhaltung als das verrückteste Jahr seit 1945 eingehen. Ausgelöst durch den Erlass der damaligen Ministerin Künast, dass ab 2009 in Deutschland keine Hennen mehr in Käfigen gehalten werden dürfen und der anschließenden Umsetzung dieses Erlasses durch den damaligen Landwirtschaftminister Seehofer in nationales Recht, wurden bis zum Jahresende 2009 alle Käfighaltungen in Deutschland still gelegt. Entgegen allen politischen Beteuerungen, EU-Recht 1:1 in nationales Recht um zu setzen, wurden weit über das EU-Recht hinaus die Rahmenbedingungen in Deutschland für die Legehennenhalter verschärft.

Die enormen Auswirkungen dieser ideologisch eingefärbten Politik hat wohl alle beteiligten überrascht. Der Selbstversorgungsgrad an Eiern in Deutschland, der Anfang 2009 noch bei ca. 67 Prozent lag, sank innerhalb von zwölf Monaten auf ca. 50 Prozent ab. Fast alle großen Handelsunternehmen stellten im Laufe des Jahres auf alternativ erzeugte Eier um. Bis zur Jahresmitte stellte dies auch die Eierproduzenten vor keine größeren Probleme, da die Zeit nach Ostern bis Anfang September traditionell eine schlechte Saison für Eier ist. Da jedoch Mitte September die Nachfrage nach Eiern stieg; gleichzeitig das Angebot aufgrund der staatlich verordneten Abschlachtungen massiv abnahm, war schlicht zu wenig Ware auf dem Markt. Das Resultat war, dass zum Jahresende 2009 so gut wie keine freie Ware mehr am Spotmarkt zu bekommen war; die Ware, die gehandelt wurde, erzielte exorbitant hohe Preise, die schon zu D-Mark Zeiten gut gewesen wäre.

Für die Erzeuger, die aktuell Hennen in alternativen Systemen halten, sind das durchaus gute Nachrichten. Unter die Räder kommt jedoch die Eiproduktenindustrie in Deutschland, die zu solch einem hohen Rohwarenniveau schlicht nicht konkurrenzfähig in Europa und auch in Deutschland ist - und das ist wiederum schlecht für die deutschen Erzeuger.

Ursachen hierfür gibt es viele; die eklatantesten Fehler will ich hier kurz erläutern:

Politisch:

Ideologisch eingefärbte Politik überreguliert einen subventionsunabhängigen Teilbereich der Landwirtschaft. Was von den Grünen angeschoben wurde hat mittlerweile innerhalb der Union viele Freunde, da die Union in den alternden Grünen wohl neue Wählerschichten sieht. Wieso die Politik ausgerechnet eine Branche, die schon seit Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ohne staatliche Transferleistungen auskommt, dermaßen quält, lässt sich logisch nicht erklären.

Eierbranche:

Viele Kollegen konnten sich nicht vorstellen, dass der Staat diese Sache tatsächlich so durchzieht, da dies faktisch einer Enteignung der Käfighalter in Deutschland gleich kommt. Auch haben viele Hennenhalter darauf gehofft - allen voran der Marktführer in Deutschland - dass die neu eingeführte Kleingruppenhaltung im Handel Listung findet. Dass der Handel aber kein Ei aus Käfighaltung (und sei diese auch noch so modifiziert) langfristig mehr in Deutschland akzeptieren wird, war aber schon zwei Jahre vorher klar; dennoch wurde bis zuletzt versucht, die Bodenhaltung schlecht zu reden und den neuen Kleingruppenkäfig als das Maß aller Dinge dar zu stellen (s.a. www.eier-der-zukunft.de). Diese Strategie des Marktführers in Deutschland und seiner verbundenen Unternehmen ging total in die Hose; Fakt ist, dass laut Medienberichten alleine dem Marktführer in Deutschland zum Jahresende knapp die Hälfte an Legehennen fehlt. Hauptprofiteur dieser Entwicklung sind unsere ausländischen Kollegen.

{BILD:114270:jpg}Georg Heitlinger
Geschäftsführer der Heitlinger Geflügelhof GmbH

 

 

 

 

 

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