Ausland Kulundas schweres Erbe

Die russische Kornkammer im südsibirischen Altai krankt an alten Methoden und Maschinen. Einige Landwirte in der Kulundasteppe versuchen dennoch, mit neuen Ansätzen gegen Erosion und Klima anzukommen.

Etwa 400 km westlich der sibirischen Bezirkshauptstadt Barnaul liegt das Dörfchen Polujamki. Wenn Sergey Koshanov dort durch eines seiner Sonnenblumenfelder geht, fällt sofort auf: Es staubt. Und nicht nur zwischen seinen Füßen, auch am Horizont zieht eine Wolke vorbei, die man im ersten Moment für ein Gewitter hält, wäre da nicht die braune Färbung. Selbst die Streifen aus Birken, die zwischen den mehrere Hundert Hektar großen Schlägen stehen, können den Wind nicht daran hindern, seinen Boden davon zu tragen.
 
Als der Südwesten Sibiriens Mitte der 50er-Jahre als Landwirtschaftsraum erschlossen wurde, schickte Moskau Tausende etwa 55-PS-starke Raupenschlepper samt dreischarigem Pflug und entsprechend viele Arbeitskräfte in die Altai-Region – anfangs in riesige Zeltlager. Weite Steppen und hügeliges Vorgebirgsland, vorwiegend Schwarzerde, viel Wärme im Sommer – das Gebiet schien ideal als neue Kornkammer geeignet. Die Pioniere brachen mehrere Millionen Hektar Steppe um. Die rasterförmig angelegten Einheitsschläge prägen noch heute das Landschaftsbild. Mit Bewässerung steigerten sie in der trockenen Steppe die Erträge – verursachten aber auch Versalzung, was heute große Flächen unbrauchbar macht.

Umdenken erforderlich

Die größte Erbsünde dieser Epoche ist jedoch die Schwarzbrache: Nach zwei Saisons Weizen lassen die Landwirte das Feld brach liegen. Fünf- bis siebenmal klettern die Traktoristen dann während des Sommers auf die hier noch weit verbreiteten gelben K700-Schlepper und ziehen große Striegel über die Felder, um das auflaufende Unkraut mechanisch zu bekämpfen. In dieser Zeit wird kein Wasser durch Pflanzen verbraucht und der wenige Niederschlag im tieferen Boden gespeichert. Die Kapillaren sind an der Oberfläche unterbrochen, was die Verdunstung verhindern soll, und der Humus mineralisiert zu Nährstoffen. Im Jahr darauf kann so etwa der 1,5-fache Ertrag erzielt werden. Diese auf den ersten Blick günstige Methode erlebte nach dem Zusammenbruch der UDSSR aufgrund von Geldmangel bei den nun eigenverantwortlichen Landwirten  schnell eine Renaissance.
 
Auch viele von Koshanovs Nachbarn arbeiten noch nach diesem Sowjetsystem. Die Brüder Sergey und Andre Koshanov dagegen gehören zu einer Minderheit. Sie experimentieren auf dem von ihnen geleiteten 30.000-ha-Betrieb mit Anbauverfahren, die selbst in Deutschland noch vielerorts den Nachbarn mit dem Kopf schütteln lassen: Direktsaat und Strip Till, was weniger Erosion verursacht als gepflügter oder intensiv gegrubberter Boden und gleichzeitig durch das aufliegende organische Material das Wasser am Verdunsten hindert.

Die Vegetationszeit dauert hier ab Ende April nur etwa 100 Tage, im letzten Jahr kam der Winter noch früher. Daher mussten die Koshanovs das Getreide schon früher als geplant und damit etwas zu feucht dreschen, konnten aber dank der Trocknungsanlage dennoch gut verkaufen. Neue Technik gehört daher zu ihrem Erfolgsrezept, wie beispielsweise die speziell für trockene Regionen entwickelte Großflächensämaschine Amazone Condor mit 15 m Arbeitsbreite und Zinkensäscharen. Gezogen wird sie von einem Challenger-MT665-Standardtraktor mit 290 PS oder dem gewaltigen TJ530-Knicklenker von New Holland. Zinkensäschare haben gerade in Südsibirien klare Vorteile gegenüber Scheibenscharen. Sie räumen nicht nur das Stroh beiseite und ermöglichen so einen schnellen und gleichmäßigen Feldaufgang, sondern hinterlassen auch eine breitere Saatrille – die sich schneller in der Sonne erwärmen kann. von Tobias Meyer

Die vollständige Reportage über die Landwirtschaft in der Altai-Region und das Kulunda-Projekt gegen Bodenerosion lesen Sie in der September/Oktober-Ausgabe der traction. Und weitere Impressionen von der Altai-Region finden Sie in unserer Bildergalerie.