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Soziale Projekte

Acker wird Kinderparadies

Naturkindergarten
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Eva Schuster, Wochenblatt
am
09.03.2018

Am Gartenbaubetrieb Naturgarten Schönegge gab es schon immer soziale Projekte. Ein Naturkindergarten sollte das Angebot erweitern. Heute erleben 27 Kindergartenkinder Natur und Betrieb bei Sonne, Regen oder Schnee.

Der Schnee knirscht unter den Stiefeln. Es bläst ein eisiger Nordwind. Aus der Jurte hört man Kinderlachen, Frauenstimmen und das Prasseln eines Feuers. Ein Vorhang hängt vor dem Eingang. In der Jurte sitzen um eine Feuerschale 20 Kinder mit fünf Betreuerinnen des Naturkindergartens Schönegge in Meilendorf (Lks. Freising). Seit September 2016 gibt es den Kindergarten am Betrieb Naturgarten Schönegge. In der Jurte beginnt der Tag mit dem Morgenkreis. Im Sommer wie im Winter.

Einen Kindergarten zu eröffnen, schwebte Lili Schwaiger, erste Vorsitzende des Trägervereins Erlebnis Naturgarten, kurz erna, schon lange vor. Immer wieder waren Eltern auf sie, ihren Vater Erhard Schönegge, und ihren Onkel Horst Schönegge mit der Bitte herangetreten, einen Kindergarten am Hof zu bauen.

Die Gebrüder Schönegge haben in ihrer Biogärtnerei schon seit mehreren Jahrzehnten soziale Projekte. Zum Beispiel arbeiten sie mit der Lebenshilfe in Freising zusammen, bieten Zeltlager für Kinder an oder beschäftigen im Sommer internationale Arbeitskräfte über WWOOFing (Weltweite Möglichkeiten auf Ökohöfen). Da passte die Idee vom Kindergarten gut dazu.

Zehn Monate von der Idee bis zur Eröffnung

Naturkindergarten

Die Gründungsphase bestritten vier Personen: Zu Lili Schwaiger (Diplom-Sozialpädagogin) und Ehrhard Schönegge (Gärtnermeister) stießen Nadja Stephan (Heilerziehungspflegerin, zertifizierte Kindergartenleitung) und ein Elternteil eines jetzigen Kindergartenkindes. Stephan hatte schon in einem Waldkindergarten Erfahrungen gesammelt und Lust, einen Kindergarten mit aufzubauen beziehungsweise zu leiten.

Im Dezember 2015 stellten Schwaiger und Stephan ihre Idee vom Naturkindergarten dem Jugendamt in Freising vor. Von da an ging alles sehr schnell. Für das Landratsamt in Freising erstellten sie das geforderte pädagogische Konzept. Das Veterinäramt wurde mit eingebunden, schließlich sollen die Kinder Umgang mit Tieren haben. Das Gesundheitsamt forderte Auflagen zur Hygiene. Zum Beispiel müssen die Kinder angewiesen werden, Hände zu waschen, wenn sie von den Tieren kommen.

Weniger Auflagen für den Kindergartenbau

Auch das Bauamt spielte eine Rolle. Es sollte eine Blockhütte für den Kindergarten entstehen. „Eigentlich würde für den Naturkindergarten ein Bauwagen als Schutzraum reichen. Doch das war uns zu wenig“, erklärt Schwaiger, die am Betrieb Schönegge aufgewachsen ist. Und Stephan fügt hinzu: „Wir sind froh, dass es die Möglichkeit eines Naturkindergartens gibt. Hätten wir einen Regelkindergarten eröffnen wollen, wären die Auflagen für das Gebäude viel strenger.“ Die Kinder sind hauptsächlich draußen oder in der Jurte, so fielen einige Auflagen weg.

Im März 2016, zum ersten Info- und Anmeldetag, standen Schwaiger und Stephan auf dem Stück Land, das sie von Nachbarn dafür gepachtet haben und auf dem sie den Kindergarten eröffnen wollten. „Es war eine reine Ackerfläche. Die Umrisse des Gebäudes habe ich mit Stöcken auf den Boden gelegt“, erzählt die Erste Vorsitzende des Trägervereins. „Die Eltern hörten sich unser Konzept an. Ihr Vertrauen war riesengroß. Denn im September wollten wir eröffnen und es gab noch nichts außer unsere Idee“, sagt Stephan zu dem Termin.

Bedenken ausgeräumt

Naturkindergarten

Der Perfektionismus der beiden Frauen hat einige Hürden aus dem Weg geräumt. Auch eine stete Kommunikation mit den Hauptansprechpartnern des Landratsamts hat sich ausgezahlt. „Viel zu reden hat geholfen“, sagt Stephan. Was war die größte Hürde bis zur Eröffnung? Schwaiger meint: „ Die Baugenehmigung für die Blockhütte. Um sie und um den Kontakt mit der Verpächterfamilie Held kümmerte sich mein Vater. Er finanzierte auch den Bau und trägt damit das größte Risiko.“

Im August 2016 begann die Familie die Hütte zu bauen und eröffnete im September den Naturkindergarten. Stephan und Schwaiger schildern, dass sie es kaum glauben konnten, dass alles innerhalb eines Dreivierteljahres über die Bühne ging. Ein Traum wurde wahr.  Schwaiger sagt: „Das ganze funktionierte nur, weil alle, die Gebrüder Schönegge, die Verpächter Held sowie Nadja und ich an einem Strang zogen.“

Derzeit sind 27 der 30 Plätze belegt

Die meisten Kinder kommen aus einem Umkreis von 10 km. „Mittlerweile haben wir aber auch Anfragen aus dem 20 Kilometer entfernten Freising“, sagt Stephan mit Stolz. Dass 30 Kindergartenplätze angeboten werden dürfen, hängt mit dem Konzept, in Kleingruppen zu arbeiten, zusammen.

Die Gruppen erledigen am Vormittag eine Stunde lang unterschiedliche Aufgaben: Die Tierversorgungsgruppe kümmert sich um das Füttern von Ziegen, Kaninchen und Meerschweinchen. Die Pferdegruppe versorgt die Ponys, reitet, voltigiert oder macht Kutschfahrten. Die Naturgruppe erfährt pädagogische Angebote im Wald, auf der Wiese oder am Feld. Die Brotzeitgruppe bereitet für alle Kinder in der Blockhütte das vormittägliche Essen vor. „Momentan sind die Kinder eine Woche lang in die vier Gruppen aufgeteilt“, erklärt die Leiterin des Naturkindergartens.

Die Pferdegruppe ist unterwegs. Der Wind weht Kinderlachen den Hügel herauf. Zurück am Hof leuchten die Augen des Mädchens, als es schwärmt: „Heute sind wir auf der Straße geritten.“ Ihre behandschuhten Finger umklammern den Führstrick, als sie das Pony Schlumpf zurück in den Auslauf führt. Cindy Funk, Sozialpädagogin und Reitpädagogin, begleitet sie und schaut dabei auf Tier und Kind.

Das Personal muss zum Konzept passen

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„Wir haben mit mir insgesamt acht Angestellte im Kindergarten“, berichtet die Kindergartenleiterin Nadja Stephan. Alle sind in Teilzeit angestellt. Die Suche nach geeignetem Personal war nicht einfach. Es herrscht generell ein Mangel an Erziehern. „Unsere Mitarbeiter müssen vor allem das Konzept mittragen. Sie arbeiten hauptsächlich draußen, bei Wind und Wetter. Das liegt nicht jedem“, äußert sich Schwaiger zur Personalfindung. Es gehe nicht darum, draußen zu spielen, sondern es sollten die Natur und ihre Eigenarten im Jahresverlauf vermittelt werden.

Auch die Eltern der Kinder müssen derzeit bereit sein, das Konzept und einiges Ausprobieren in den Anfangsjahren mitzutragen: Die vormittägliche Gruppenaufteilung wurde zunächst täglich gewechselt, bis anregt wurde, einen wöchentlichen Turnus einzuführen. „Wir probieren das vier Wochen lang und werten dann unsere Erfahrungen aus. Anschließend fällt die Entscheidung im Sinne der Kinder“, erklärt Stephan.

Solche Veränderungen mitzumachen, falle nicht allen Eltern leicht. Es habe auch Fälle gegeben, in denen sich manche schwer damit getan haben. „Dann passt das Konzept nicht so gut zur Familie und man muss überlegen, ob ein Wechsel nicht sinnvoller wäre“, gibt Schwaiger zu bedenken.

Die Gebühren für den Kindergartenplatz sind je nach Betreuungszeit gestaffelt und liegen zwischen 190 und 210 Euro. Das sei höher als im Regelkindergarten. Enthalten sind die Vormittagsbrotzeit aus ökologischen Produkten und ein Getränk. „Das Mittagessen muss extra gezahlt werden. Es wird täglich frisch aus den Bioprodukten des Naturgartens Schönegge gekocht“, sagt Schwaiger.

Kein finanzieller, aber ein ideeller Gewinn

Die Kosten und das finanzielle Risiko des Kindergartens tragen der Verein erna und Erhard Schönegge. Wobei die Personalkosten der größte Kostenfaktor seien. „Momentan verdienen wir mit dem Naturkindergarten kein Geld“, berichtet die Erste Vereinsvorsitzende. „Uns geht es derzeit darum, Leute auf den Betrieb zu bringen und über ökologische Landwirtschaft beziehungsweise Gartenbau aufzuklären. Davon profitiert unser Gartenbaubetrieb letztendlich auch.“

Der Betrieb musste Kompromisse eingehen

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Eltern auf den Betrieb zu holen, ist jedoch auch eine Herausforderung und verlangt Kompromisse, geben Schwaiger und Stephan zu. Zum Beispiel öffnet der Hofladen nun freitags schon um zwölf statt um 14 Uhr. „Viele Eltern wollten nach dem Abholen der Kinder noch einkaufen. Einmal die Woche früher aufzusperren, ist gerechtfertigt“, sagt Schwaiger. Eltern bringen sich aber auch gerne mit ein. So baute ein Vater, der Zimmermann ist, einen Schaukasten, in dem ein Austausch von Informationen für Eltern und Kindergartenpersonal möglich ist.

Dort können auch anonym Fragen oder Beschwerden abgegeben werden. Eine gute Kommunikation ist den beiden Kindergartengründerinnen weiterhin wichtig. Genauso beantworten Stephan und Schwaiger gerne Fragen von Interessenten, die einen Naturkindergarten eröffnen wollen. „Wir berichten gerne über unseren Weg“, erzählt die Leiterin. Dieser Weg sei noch nicht zu Ende. Beiden Frauen können sich einen Ausbau des Kindergartens vorstellen. „Je nachdem wie viele Anfragen es bei unserem zweiten Info- und Anmeldetag gibt“, meint Schwaiger. Bei dieser Veranstaltung werden sich beide wieder den Fragen der Eltern stellen. Aber diesmal in einer schon bestehenden Blockhütte.

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