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Status der Bäuerin

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Dieser Artikel ist zuerst im Bayerischen Landwirtschaflichen Wochenblatt erschienen.

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Bäuerin in Werkstatt
Beosnders viel Skepsis herrschte beim Thema Frauen und Landtechnik. © Imago/Westend61
von , am
21.04.2017

Schwäbisch Hall - Wer ist Bäuerin? Was ist eine Landwirtin? Welche Aufgaben haben sie in Haus und Hof? Fragen über Status und Rolle der Bäuerin standen im Mittelpunkt der
3. internationalen Tagung „Frauen in der Landwirtschaft“.

Aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz kamen die Teilnehmerinnen der Tagung und bereits beim ersten Thema war klar: Nichts ist klar, wenn es um die Bezeichnung Bäuerin, Betriebsleiterin, Landwirtin, landwirtschaftliche Mitunternehmerin geht. Wie sich die Frauen in der Landwirschaft nennen, darin besteht bei vielen Frauen selbst Unsicherheit, hinzu kommen regionale Unterschiede. Wer sich in Bayern Landwirtin nennt, hat eine abgeschlossene landwirtschaftlich Berufsausbildung. Das sind bisher eher wenig Frauen, also ist der Begriff wenig gebräuchlich. In Norddeutschland dagegen ist diese Berufsbezeichnung durchaus üblich, auch bei Bauersfrauen ohne entsprechende Ausbildung. In Österreich und in Südtirol nennt sich bisher praktisch keine Frau Landwirtin. In der Schweiz machen junge Frauen zunehmend die Ausbildung zum Landwirt/in und nennen sich dann auch nicht mehr Bäuerin sondern Landwirtin.  In der Schweiz gibt es außerdem als beruflichen Abschluss die diplomierte Bäuerin, in Österreich die Facharbeiterin für Landwirtschaft und in Südtirol die Fachfrau für Landwirtschaft.  
So verschieden die Bezeichnung, so unterschiedlich ist auch das Selbstverständnis der Frauen in der Landwirtschaft – je nach Rolle, Status und Tätigkeit bzw. Arbeitsbereichen auf dem Hof. Fazit: Die Frau in der Landwirtschaft gibt es nicht. Was jedoch im Laufe der Tagung ganz klar herausgestellt wurde: Die Frauen in der Landwirtschaft spielen einen wesentlichen Part für den Erhalt der Betriebe, indem sie den Haushalt führen, Familienarbeit leisten, Aufgaben im Außenbetrieb übernehmen, das Agrarbüro managen, eigene Betriebszweige aufbauen oder durch außerlandwirtschaftliche Tätigkeit zum Familieneinkommen beitragen. Fest steht aber auch, dass es immer noch an Anerkennung für die Leistungen der Frauen mangelt. „Der Agrarbericht weist die Leistungen der Frauen nicht adäquat aus“, kritisierte Veronika Grossenbacher vom Evangelischen Bauernwerk Württemberg in ihrem Einführungsvortrag.

Wenn der Bauer eine Frau ist

Dass es teilweise auch an Anerkennung als Person mangelt, wurde deutlich im Vortrag von Talea Becker. Sie stammt von einem Milchviehbetrieb in Norddeutschland, hat Agrarwissenschaften studiert, mehrere Praktika gemacht und die Praktikantenprüfung absolviert. Trotzdem war sie sich nicht sicher ob sie einen Betrieb leiten könnte. Das brachte sie auf die Idee, landwirtschaftliche Betriebsleiterinnen nach ihren Erfahrungen zu befragen.
Diese Erfahrungen hat sie in einem Buch zusammengefasst mit dem Titel „Hast Du keinen Bruder?“ So lautete nämlich die häufige Reaktion des Umfelds auf eine Chefin am Hof.  Die befragten Frauen waren „Quereinsteigerinnen“ in ihrer Funktion als Betriebsleiterinnen infolge des Todes von Ehepartner oder Vater. Jede der Frauen musste sich an Sachen herantrauen, die vorher die Männer gemacht hatten: Maissorte wählen, Düngermenge berechnen, Radlader fahren... Die größte Veränderung war, dass sie allein die endgültigen Entscheidungen für den Betrieb übernehmen mussten. Und das unter Rahmenbedingungen, die die Situation nicht erleichterten: Alle Frauen hatten Probleme, zum Beispiel mit  einem „netten“ Berufskollegen, der  ihr das Verpachten nahelegte oder mit Landhändlern die sie über den Tisch ziehen wollten.  Aber es gab auch die Unterstützer, zum Beispiel Händler, die wirklich gute Tipps gaben zu Einkauf und Verkauf oder Helfer im Alltag, die bei schwerem Abkalben greifbar waren.  Eine der größten Hürden war, dass den Frauen durchwegs abgeraten wurde, den Hof weiterzuführen. Talea Becker: „Die Frauen waren die einzigen, die überzeugt waren, dass sie es schaffen.“

Viele Schranken in den Köpfen

Besonders viel Skepsis herrscht beim Thema Frauen und Landtechnik. Eine wesentlich Ursache liegt in klassischen Rollenbildern: Mädchen lernen den Umgang mit Technik nur, wenn sie es selbst einfordern. Diese anerzogene Technikferne kann dann der Grund sein, dass sich eine junge Frau mit 17 oder 18 Jahren nicht mehr traut, den Berufsweg Landwirtschaft einzuschlagen, obwohl sie es eigentlich gerne möchte. Becker: „Den Umgang mit Maschinen kann man auch  junge Frau noch lernen oder aber man entscheidet sich bewusst dafür, diese Aufgaben zu delegieren.“
Entsprechende Mitarbeiter zu finden, damit hatten die befragten Frauen  keine Probleme, aber einige Frauen hatten ein Problem mit dem Wissensvorsprung der erfahrenen männlichen Mitarbeiter. Anfangs wurden die Frauen nicht ganz ernst genommen, das hat sich aber gelegt. Letzlich haben die Frauen Selbstbewusstsein entwickelt und sich Respekt verschafft, weil sie die Übersicht über den  gesamten Betrieb hatten, nicht weil sie alles selber machen oder können.
Fazit: Alle Frauen, die als Quereinsteigerinnen zur Betriebsleiterin
wurden, konnten anfängliche Schwierigkeiten meistern und sind in ihrer neuen Funktion erfolgreich und zufrieden. Dass die Scheu davor dennoch bei vielen Frauen so hoch ist,  erklärte Talea Becker so: „Es gab und gibt immer noch zu wenige Frauen in der Betriebsleitung, das heißt, es fehlen bisher die Vorbilder.“
Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine wissenschaftliche Arbeit von Meike Bauer und Katharina Schraag der Universität Stuttgart-Hohenheim. Sie befragten 30 Betriebsleiterinnen in Baden-Württemberg. Auch diese hatten damit zu kämpfen, dass sie von Kollegen belächelt wurden und Geschäftspartner sie nach dem (männlichen) Chef am Betrieb fragten. Sie machten auch die Erfahrung, dass man Frauen den Umgang mit Technik nicht zutraut; für die Frauen selber ist das Thema Technik kein Problemfeld. Anders die Partnersuche: Männer, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, unterstützen die Frau wenig am Hof. Sie gehen ihrem Beruf nach, der Hof ist Sache der Frau. Bei Partnern die ebenfalls einen eigenen Hof haben, besteht die Tendenz dazu, dass sie den Schwerpunkt auf den eigenen Betrieb legen.
Auch zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden die Betriebsleiterinnen befragt. Die Vereinbarkeit besteht, ist im Alltag aber ein ständiger Spagat zwischen Betrieb und Familie, vielfach verbunden mit dem Verlust an eigener Freizeit. Auch die Wissenschaftlerinnen Bauer und Schraag kamen zum Fazit: Betriebsleiterinnen müssen in der Öffentlichkeit sichtbarer sein, damit andere Frauen motiviert werden, als Betriebsleiterin einzusteigen.
Die Ergebnisse einer Studie aus Österreich präsentierte Theresia Oedl-Wieser. In Österreich gibt es aufgrund der vielen kleinen Höfe viele Nebenerwerbsbetriebe, wobei eher die Männer außerlandwirtschaftliche berufstätig sind und die Frauen daheim Hof und Familie managen. Allerdings stellte sich auch bei dieser Studie heraus, dass nur etwa 20 Prozent der Betriebsleiterinnen von klein auf für diese Rolle vorbereitet wurden. Die betrieblichen Entscheidungen werden von etwa einem Drittel von den Betriebsleiterinnen alleine gefällt. Auffallend war auch, dass es die Frauen eher schaffen, traditio­nelle Rollen zu überschreiten und „Männeraufgaben“ zu übernehmen, als umgekehrt: Die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten macht überwiegend die Frau. Oedl-Wieser: „Für die Identität als Betriebsleiterin ist wesentlich, dass sie zu Information und Weiterbildung Zugang hat.“
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion kamen Praktikerinnen aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol zu Wort und erklärten ihre Rolle im Betrieb sowie die Partnerschaft im Betrieb. Dabei wurde deutlich, dass neue Familienkonzepte  und Betriebskonzepte heute leichter möglich sind als in den früheren Generationen. Was nicht leichter wird: Wenn immer alles möglich sein soll, muss auch ständig neu verhandelt, viel miteinander geredet und gut strukturiert werden.

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