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Lüftlmalerei

Die bayerischen Graffiti

Lüftlmalerei
Ulrich Traub
am
01.09.2017

München - Eine spezielle Art der Fassaden-Malerei ist die Lüftlmalerei, wie man sie an oberbayerischen Hauswänden vorfindet.

Lange Zeit tat sich in der Szene nichts mehr, doch vereinzelt bemalen junge Künstler wieder Hausfassaden.
Oh Schreck! Hier scheint sich ein Bergsteiger-Drama abzuspielen. Ein erfahrener, alter Kletterer will einem jungen Wilden, der an einer Felswand abzurutschen droht, zu Hilfe kommen. Ein Bein des Freeclimbers hängt bereits über dem Abgrund. Doch Sorgen sind unangebracht. Es handelt sich nur um eine Fassadenmalerei – aber was für eine. Vor glutroter Kulisse hat der Künstler diesen Moment auf der Hauswand eines Hotels in Garmisch festgehalten. Und aufgepasst: Das überhängende Bein ist tatsächlich dreidimensional.
Nun kann man in dieser Gegend Oberbayerns nicht selten bemalte Häuser sehen. Die Motive sind jedoch fast immer religiöser und volkstümlicher Natur. Lüftlmalerei wird diese regionale Ausprägung der Graffiti-Kunst genannt, die in vermeintlich weltläufigen Kreisen oft milde belächelt wird – was ziemlich borniert ist.

Bernhard Riegers effektvolles, 60 Quadratmeter großes Fresko unterscheidet sich in doppelter Hinsicht von herkömmlichen Lüftlmalereien. Der Künstler aus Krün konnte sein Werk, er spricht von „Fassadenkunst“, um den Begriff Lüftlmalerei zu vermeiden, nach einer eigenen Idee realisieren. Normalerweise werden solche Arbeiten nach Wünschen der Hausbesitzer angefertigt. Zudem erzählt es eine aktuelle Geschichte. „Mein Traum ist es, Altes neu aufleben zu lassen.“ Riegers Werk ist nicht nur ein echter Hingucker, es unterstreicht auch die Tatsache, dass die tot geglaubte Malerei an oberbayerischen Hauswänden weiterhin gepflegt wird. „Ich bin aber kein Traditionsmaler“, betont das Enfant terrible der Szene.
Bei Spaziergängen durch berühmte Lüftlmaler-Orte wie Mittenwald und Oberammergau gibt es jede Menge üppig bemalter Hausfassaden zu bestaunen – historische und neuere. Goethes Vergleich, Mittenwald sei ein „lebendiges Bilderbuch“, trifft es noch heute. Ein reißerisch Tradition und Moderne verbindendes Ausrufezeichen wie das Werk von Bernhard Rieger ist nicht darunter, was den Reiz aber nicht schmälert. Hier flüchtet die Heilige Familie nach Ägypten, dort kämpft Georg mit dem Drachen. Um die Ecke löscht Florian einen Brand und ein paar Schritte weiter schickt sich Judith an, Holofernes zu enthaupten. Man sieht eine vielgestaltige Marktszene, während auf der anderen Straßenseite eine Bauernidylle vor majestätischer Bergwelt auftaucht. Selbst Goethe hat sich auf einer Hauswand niedergelassen. Es wird ganz schön was geboten auf den Fassaden Mittenwalds.  
„Für eine Lüftlmalerei braucht es eine Szene mit Personen“, beschreibt Regine Ronge den Charakter dieser speziellen Malerei. Es solle etwas erzählt werden. Die Mittenwalderin hat sich mit großem Interesse dieser Thematik gewidmet. „Die Kenntnis der Urheber und der Bedeutung der alten Malereien schwindet“, mahnt Regine Ronge. „Dagegen wollte ich etwas tun.“ Seitdem organisiert sie Führungen, die in die Bildwelten einführen.

Nie ohne Figuren

In Mittenwald sind noch 22 historische Lüftlmalereien erhalten. Über 100 Neue, die ihre Motive aber stets historisierend interpretieren, sind hinzugekommen. Die alten Fresken, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden sind, zeigen ausschließlich religiöse Motive. „Es waren ursprünglich viel mehr“, erzählt Regine Ronge, „aber diese Malerei war im 19. Jahrhundert schlichtweg out.“ Deshalb seien unzählige Kunstwerke verloren gegangen, durch Abriss und Übermalung.
Wer sich in die Malerei am Gasthaus „Alpenrose“ vertieft, kann die Verluste nur bedauern. In kunstvoll Architektur-Elemente vortäuschenden Medaillons werden Tugenden wie Nächstenliebe und Stärke sowie die fünf Sinne in barocken Szenen symbolisiert. Im Giebelfeld sieht man eine Marienkrönung. „Wer tugendhaft seine Sinne einsetzt, wird in den Himmel kommen“, bringt Regine Ronge das Bildprogramm auf den Punkt.

Kein reines Dekor

Auch die Geschichte hinter zwei seltsamen Herren hat die Mittenwalderin entschlüsselt. Dem einen steckt ein Splitter im Auge, seinem Gegenüber ein Balken. Aus der Bergpredigt stammt das Gleichnis, kleine Fehler anderer zu sehen, große eigene indes nicht. Es wurde hier lüftlmalerisch interpretiert, „weil man den Hausherren und Auftraggeber zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt hatte“, vermutet Regine Ronge.
Einige dieser historischen Malereien müssen dringend restauriert werden. Aber die immer als Auftragsarbeiten ausgeführten Fresken befinden sich im Privatbesitz. Und nicht jeder schätzt seinen Fassadenschmuck so sehr, dass er investieren möchte.
Im nahen Oberammergau sollte in den 80er-Jahren das Pilatus-Haus abgerissen werden. Eine Bürgerinitiative konnte dies verhindern. Heute ist das freistehende, von allen Seiten bemalte Gebäude Höhepunkt der Lüftl-Führungen. Sein ehemaliger Besitzer hat es 1784 von Franz Seraph Zwinck bemalen lassen, dem bekanntesten Lüftlmaler. Zentral ist die in illusionistische Palastarchitektur eingebundene Szene, die Jesus vor Pilatus zeigt. „Der Auftraggeber hat den Pilatus bei unserer Passion gespielt“, erläutert die Oberammergauerin Helga Stuckenberger. Mittlerweile beherbergt das schöne Haus das Kunsthandwerkszentrum des Ortes.
Die Passionsspiele selbst sind auch Thema einer Lüftlmalerei. „Sie sehen hier den Schwur der Bürger, nach überstandener Pest alle zehn Jahre die Passion aufzuführen“, erklärt  Stuckenberger, die auch schon als Darstellerin mitgewirkt hat. Die Malerei ist 1934, 300 Jahre nach der ersten Ausrichtung des Spiels entstanden. Diese neueren Malereien werden bis heute „al secco“ ausgeführt, auf getrocknetem Putz im Gegensatz zur früheren Fresco-Malerei. Einfacher sei das zwar, aber die Arbeiten wären weniger lange haltbar und nicht so ausdrucksstark, so die gelernte Holzschnitzerin Stuckenberger.
Von der Lüftlmalerei allein konnte man auch zu Boomzeiten, als der Trend von Italien über die Alpen gekommen war, nicht leben. Die Künstler nahmen Aufträge für Arbeiten in Kirchen an oder fertigten – wie Zwinck – Papierkrippen. Die wenigen heutigen Maler sind vor allem als Restaurateure gefragt. Komplette Fassadengestaltungen sind selten geworden.  „Seinen Reichtum stellt man längst auf andere Weise zur Schau“, so Regine Ronge, „meist weniger kunstvoll.“  
Christina Dichtl gehört zu den wenigen, die auch eigene Lüftlmalereien ausführen. „Leider viel zu selten“, räumt die Künstlerin aus Bad Bayersoien ein. In Oberammergau hat sie eine Interpretation der „Bremer Stadtmusikanten“ auf die Fassade eines Kinderheims gemalt. Sie befindet sich in guter Gesellschaft, an den Nachbarhäusern kann man sich nämlich auch in „Hänsel und Gretel“ und „Rotkäppchen“ vertiefen.
„Ich kann nicht sagen, dass die Lüftlmalerei einen Aufschwung erlebt“, resümiert Christina Dichtl, die vor allem als Hinterglasmalerin tätig ist. Sie findet es auch schade, dass nicht mal was Modernes gewagt werde. „Ich hätte da ein paar Ideen im Kopf“, sagt sie.

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