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Zum Sonntag

Ein bisschen so wie Martin sein

Sankt Martin
Pfarrerin Christel Mebert
am
09.11.2017

Sie kennen die Geschichte vom heiligen Martin? In diesen Tagen werden wir wieder daran erinnert.

Zuerst hatten die Leute geschmunzelt. Denn als er den frierenden Bettler sah, griff er in die Tasche und stellte fest: Er hatte kein Geld bei sich. Doch dann trauten sie ihren Augen nicht: Hoch zu Ross zog er sein Schwert, zerschnitt seinen roten Offiziersumhang in zwei Teile und gab die eine Hälfte dem Bettler. Nun sah er in der Tat komisch aus: Ein Offizier mit halbem Mantel. Die Leute lachten. Nur der Bettler nicht. Der hüllte sich in den halben Umhang und fror nicht mehr. Der Offizier aber ritt durch das Tor in die Stadt, als wäre seine Tat völlig selbstverständlich.

So kennen wir die Geschichte vom heiligen Martin. In diesen Tagen werden wir wieder daran erinnert mit Laternenumzügen der Kinder, die seine gute Tat besingen. Interessant ist auch die weniger bekannte Fortsetzung der Geschichte: In der folgenden Nacht soll Martin die Szene vor dem Stadttor geträumt haben. Doch als die Umstehenden lachten, sagte der Bettler zu ihnen: „Was ihr getan habt einem unter den geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan.“ Und Martin erkannte in dem Gesicht des Bettlers das Angesicht Jesu. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Plötzlich wusste er worauf es ankommt, wenn wir unser Leben verantwortlich leben wollen. Den anderen mit den Augen der Barmherzigkeit ansehen.

Sieben Werke der Barmherzigkeit nennt Jesus für das verantwortliche Leben und eines heißt: „Ich war nackt und ihr habt mich gekleidet.“ Ich muss nicht ohne Kleider sein und kann doch innerlich bloßgestellt werden. Dann ist es tröstlich, wenn mir ein Mensch begegnet, dessen Nähe mir gut tut, der mich vielleicht besser kennt als ich mich selbst. Seine Zuwendung ist wie ein wärmender Mantel, der mich schützend und tröstend umgibt. Das stärkt und schenkt wieder Vertrauen ins Leben.

Ein bisschen so wie der heilige Martin kann jeder sein, wenn er die Augen offen hält für den Menschen, der einen gerade braucht. Es muss nicht immer der Mantel sein. Oft genügt ein wenig Zeit, ein gutes Wort, Zuhören, eine gemeinsame Tasse Kaffee. Das ist dann wie im Sprichwort: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.“

Pfarrerin Christel Mebert

Bad Kissingen

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