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Zum Sonntag

Ernten kann nur, wer auch sät

Gemüseernte
Gerhard Schleier, ev. Landjugendpfarrer
am
03.08.2017

Pappenheim - Vor ein paar Wochen, um die Sommer-Sonnenwende herum, habe ich in Facebook gelesen, wie jemand ein bisschen wehmütig festgestellt hat, dass der Sommer ja jetzt schon wieder im Rückwärtsgang ist, weil die Tage kürzer und die Nächte länger werden.

Und gleich darauf hat jemand anderes eine Antwort geschrieben, nämlich wunderbar formulierte Gedichtzeilen von dem Dichter Friedrich Hölderlin (1770 – 1843):

Wenn dann vorbei des Frühlings Blüte schwindet, so ist der Sommer da, der um das Jahr sich windet. Und wie der Bach das Tal hinuntergleitet, so ist der Berge Pracht darum verbreitet. Dass sich das Feld mit Pracht am meisten zeiget, ist, wie der Tag, der sich zum Abend neiget …

Und ich hab mir gedacht: Ja, genau so ist es. Jetzt geht’s in vielerlei Weise in die Erntezeit hinein, bei den Landwirten, bei vielen Menschen in ihren anderen Berufen, wenn sie den großen Jahresurlaub erreicht haben und vorher bei allen Schülern, wenn die Zeugnisse verteilt werden und damit die Ernte eines ganzen Schuljahres eingefahren wird.

Dabei ist klar: Ernten kann man erst, wenn etwas gesät oder gepflanzt worden ist und man ihm auch die Chance zum Wachsen und Reifen gegeben hat. Auf dem realen Ackerfeld und im normalen Leben. Es braucht erst einen Anfang, dann muss es die Chance zum Sich-Entwickeln haben, bevor ich ein Ergebnis ernten kann. Und im Sommer geschieht genau dieses: Der vorletzte Blick, wie etwas geworden ist, bevor’s mit dem Ernten losgeht. Das ist also fast eine Lebensübung: Jeden Sommer so nehmen, dass hier eingeübt wird, wie Leben geht. Dinge anfangen, mit viel Energie und Einsatz zum Reifen bringen, zwischendurch immer wieder schauen wie’s läuft und dann irgendwann wissen: Jetzt geht es auf die Ernte zu.

Der Hölderlin hat mit dieser Stimmung gelebt, war lange Zeit seines Lebens ein schwer kranker Mann, man hat ihm wenig Lebensdauer gegeben. Trotzdem ist er über 70 geworden. Hat vom lieben Gott diese lange Zeit bekommen, um Leben, Aufbauen und Abschied nehmen einzuüben. Mindestens fünf Sommergedichte hat er geschrieben. Damit hat der Sommer einen ganz eigenen Stellenwert bekommen. Vielleicht können Sie ihn ja auch so nehmen?

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