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Ländlicher Raum

Familienberatung - am Puls der Menschen

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Anna Knon, Wochenblatt
am
04.04.2018

Die Bäuerliche Familienberatung ist Anlaufstelle für Landwirtsfamilien in Not. Sie hat alle Hände voll zu tun. Die Gründe dafür standen im Mittelpunkt, als kürzlich das 10-jährige Bestehen der Beratungsstelle Eichstätt gefeiert wurde.

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Das Festreferat hielt Hans Müller, bis vor Kurzem BBV-Generalsekretär. Im Folgenden eine Zusammenfassung seiner Ausführungen:

Verunsicherung ist ein Problem, das große Teile der Gesellschaft betrifft. Auch die bäuerlichen Familien sind von dieser Verunsicherung und Orientierungslosigkeit betroffen. Vieles von dem, was Bauern und Bäuerinnen tun, wird heute von der Gesellschaft hinterfragt und kommentiert. Die Tierhaltung wird gänzlich infrage gestellt, und die Gesellschaft sagt, wie Ackerbau zu betreiben ist. Hinzu kommen Entwicklungen auf den Märkten, die zu ständigen Preisschwankungen und enormem Preisdruck führen. Betriebliche Entscheidungen greifen nicht mehr für die Zeitdauer einer Generation, teils sind alle paar Jahre Neuausrichtungen notwendig.

Wo steht die Landwirtschaft?

Die politischen Rahmenbedingungen machen das Leben und Arbeiten in der Landwirtschaft ebenfalls nicht leichter. Die Politik und die Parteien orientieren sich an gesellschaftlichen Entwicklungen, obwohl für die Landwirtschaft mehr Rückendeckung notwendig wäre, um diesen wichtigen Teil des Mittelstands zu stärken und weiterzuentwickeln. In der Praxis sind die Bauern und Bäuerinnen damit konfrontiert, dass man ihnen sachgemäßen Umgang mit Tieren, Boden und Wasser nicht mehr zutraut. Das muss man erst einmal „schlucken“ und noch dazu den hohen bürokratischen Aufwand bewältigen, den der Sanktionsdruck mit sich bringt. Es ist nur natürlich, wenn bäuerliche Familien verunsichert sind, sobald betriebliche Veränderungen anstehen. Bei den hohen Investitionssummen, die oft notwendig sind, bräuchten sie Verlässlichkeit und Kalkulierbarkeit.
Eine wichtige Rolle hätte die angewandte Wissenschaft: Sie kann Sachlichkeit in die gesellschaftliche Diskussion um Landwirtschaft bringen, politische Entscheidungen auf eine solide Basis stellen und damit der Landwirtschaft Verlässlichkeit und Orientierung bieten. Doch klare Worte vonseiten der Wissenschaft fehlen.
Deutliche Worte aber finden die Medien; nicht seriöser Journalismus, sondern reißerische Schlagzeilen bestimmen die veröffentlichte Meinung über Landwirtschaft. Unkommentiert dagegen bleiben Stalleinbrüche und andere fragliche Methoden von Organisationen, deren Geschäftsmodell publikumswirksame Aktivitäten sind.
Mit den gesellschaftlichen Strömungen, politischem Geschehen und marktwirtschaftlichen Veränderungen bewusst umzugehen, ist für die Landwirtschaft unabdingbar. Genau so wichtig ist aber auch, die innerlandwirtschaftliche Situation kritisch zu betrachten: Wie steht es um die Solidarität im Berufsstand? Wer engagiert sich in der Kommunalpolitik für die landwirtschaftlichen Interessen? Welchen Teil tragen Bauern und Bäuerinnen zum gesellschaftlichen Leben im Dorf bei? Wie offen sind Bauern und Bäuerinnen für Weiterentwicklung?
Notwendig ist außerdem, im Bereich Aus- und Fortbildung mehr Persönlichkeitsbildung zu verankern und das Augenmerk nicht allein auf fachliche Inhalte zu legen. Wer die eigenen Ressourcen kennt, um Grenzen weiß und Schwerpunkte setzen kann, kann die Herausforderungen in Gesellschaft, Familie und Betrieb leichter bewältigen.

Was läuft in den bäuerlichen Familien?

Außer der Analyse, welche Rolle die Landwirtschaft in der Gesellschaft hat und wie sie sich auf die Menschen in der Landwirtschaft auswirkt, ist es notwendig, die Situation in den Familien zu betrachten. Im Alltag sind viele Themenfelder zu beackern und zu meistern:
  • Die seelische und körperliche Belastung ist hoch bis hin zu Überforderung und Überlastung.
  • Das Management des Betriebs nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, zum Beispiel die Büroarbeit oder die Koordination von Fremdarbeitskräften.
  • In vielen Betrieben besteht Handlungsdruck bezüglich der künftigen Ausrichtung bzw. Entwicklung.
  • Die finanzielle Belastung der Betriebe ist ganz unterschiedlich, aber da, wo sie gegeben ist, führt sie zu hohem Leidensdruck.
  • Ein vernünftiges Miteinander der Generationen muss gemeistert werden. Neue Entwicklungen, wie etwa außerlandwirtschaftlich Berufstätigkeit der jungen Generation, sind Herausforderungen für das Ehe- und Familienleben.
  • Bei auslaufenden Betrieben ist die Rolle bzw. Beteiligung der weichenden Erben zu einem Themenfeld geworden, bei dem hoher Diskussionsbedarf und Handlungsdruck entstehen.
  • Auch die bäuerlichen Familien sind betroffen von Veränderungen im persönlich-menschlichen Umgang. In unserem Medienzeitalter wird der Ton rauer, wertschätzende Kommunikation seltener und ein individualistisch-egoistisches Verhalten mehr. Auch solche „weichen“ Faktoren wirken belastend.

Hilfe von außen holt eigene Kräfte zurück

Wenn man sich dieses Geflecht an Belastungen für die Bauern und Bäuerinnen vor Augen führt, ist es nicht verwunderlich, dass es Situationen gibt, in denen alles zu viel wird. Aber die Bereitschaft und der Mut, sich Hilfe zu suchen, ist in der Landwirtschaft nicht ausgeprägt. Leider wird meist erst dann Hilfe gesucht, wenn die Situation unerträglich und völlig verfahren ist. Doch auch dann gibt es Hilfe von vielen Seiten. Dazu gehören die Anlaufstellen der bäuerlichen Familienberatungen sowie das Montagstelefon. Dazu gehören Dienstleistungsangebote des BBV, zum Beispiel Mediation bei Konflikten. Dazu gehören die seelsorgerischen Leistungen der Kirchen.
Bei allen Sorgen und Belastungen in der Landwirtschaft darf man nicht übersehen, welche Kraft der bäuerliche Berufsstand hat und mit welcher Beharrlichkeit Schwierigkeiten immer wieder gemeistert worden sind und werden. Bodenständigkeit, Nachhaltigkeit und bäuerliches Denken sind eine Basis, die trägt. kn
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