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Jesus wahrnehmen

Gottes Spuren im Schöpfungswerk erkennen

Kirchenrat Reiner Schübel
am
12.01.2017

München - Im Tagebuch des dänischen Religionsphilosophen Søren Kierkegaard heißt es: „Das Leben kann nach vorwärts gelebt, aber es kann nur nach rückwärts verstanden werden.“

Wir möchten ja oft das Leben nach vorwärts verstehen, möchten wissen, was kommt, ob alles gut geht. Aber das geht nicht. Und die meisten Menschen sagen auch nach kurzem Nachdenken: „Und das ist gut so. Selbst wenn ich es wissen könnte, ich würde es gar nicht wissen wollen. Ich würde doch nur noch in Anspannung oder Furcht leben“. Vorwärts leben, ja; aber vorwärts verstehen, nein. Verstehen kann man nur im Rückblick.

Schwer und zuweilen unmöglich ist solches Verstehen im Blick auf gegenwärtigen Terror und sinnloses Leid. Manchmal jedoch gelingt es: In einer stillen, nachdenklichen Stunde sehen wir plötzlich in unserem Leben Spuren des Guten, die an unserem inneren Auge oder unserem Herzen vorüberziehen. In solchen Spuren des Guten entdecken wir manchmal im Rückblick Spuren Gottes. Denn in den Spuren des Guten gerade auch in schweren Stunden ist Gott uns besonders nahe. Daher nennt Luther solche Spurensuche, solche Anteilnahme am menschlichem Leben, „Gottes Rückseite“ („posteriora Dei“). Und Gott von hinten sehen heißt, Gott in dem Menschen Jesus wahrnehmen. Sein Lebensweg führt ihn von der ärmlichen Krippe bis hin zum Sterben am Kreuz.

Daher meint Luther: Alles kommt darauf an, dass wir Gott vom verletzlichen Kind in der Krippe und vom Anblick des Gekreuzigten her verstehen lernen, der sich uns in mitleidender Liebe zuwendet.

Wer dies verstanden hat, vermag Gottes Spuren dann auch in den Schöpfungswerken erkennen. Doch die Fülle seiner Macht, Kraft und Herrlichkeit, wie Mose sie in der Felsenschlucht zu erkennen erbittet, ist uns Menschen zu unserm eigenen Schutz verwehrt. Denn dies hieße uns seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit auszusetzen, denen kein Mensch standhalten könnte.

Die völlige Transparenz von Gottes Wesen erschließt sich uns erst in seiner Herrlichkeit. Bis dahin dürfen wir jedoch Gottes Rückseite im Menschen Jesus sehen und unser Leben rückwärts verstehen.

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