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Dorfgemeinschaft

Nicht nur schön!

Beate Strobel
am
03.08.2017

Schönfeld - Die Einwohner von Schönfeld bei Eichstätt haben zehn Jahre lang an der Erneuerung ihres Dorfs gearbeitet. Haben gemeinsam geplant, geschuftet und auch gefeiert. Jetzt genießen sie „ein Dorf mit Lebensqualität“.

Schönfeld

Ein lautes Quietschen, dann hat die liebe Sau ihre ewige Ruhe. Wird geschwind verwurstet, verwertet und vor allem: verborgen. Denn draußen irgendwo lauert der Ami, und der sieht es gar nicht gern, wenn Metzgerfrau Johanna Aicher in Schönfeld schwarz schlachtet. Aber ach, wie soll man denn sonst durchkommen in diesen schweren Zeiten?
Schönfeld im Jahre 1946, wiederauferstanden im Schönfeld der Jetztzeit: Wie immer ist der Theater-Stadl vom „Wirtsgidi“ ausverkauft, auch wenn das Stück „Glenn Miller und Sauschwanzl“ an diesem Sonntagnachmittag bereits zum wiederholten Mal läuft. Die Gäste hocken dicht gedrängt auf gepolsterten Bierbänken, von rechts riecht es heimelig aus den dicken Heuballen heraus, während vorne auf der kleinen Bühne die Schönfelder Theaterleut alles geben. Denn weniger als alles würde die Regisseurin niemals akzeptieren.

Dorfleben statt Schlafdorf

Dorfgemeinschaftshaus, Schönfeld

Durchaus resolut schaut Regisseurin Resi Habermayr aus mit ihrem grauen Kurzhaarschnitt und der strengen Brille, doch hinter den Gläsern blitzen warmherzige Augen. Die noch sehr viel wärmer werden, wenn sie von ihrem Dorf erzählt, in das sie vor vielen Jahren eingeheiratet hat. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie und meint damit wohl beides, Ehemann und Dorf. In fescher Trachtenweste beugt sie sich über den sommerlich geschmückten Biertisch vor dem Theater-Stadl und verleiht damit ihren nächsten Worten noch einmal ein Extragewicht: „Ich will, dass man spricht von diesem Ort. Und ich gebe alles dafür, dass der nicht schläft, sondern voller Leben ist.“
Dabei wirkte es zunächst einmal etwas verschlafen, dieses Angerdorf, hineingekuschelt zwischen Hügel und Getreidefeldern oberhalb der Altmühl und ein paar Kilometer entfernt von Eichstätt. Wie ein langes Blatt sieht es von oben aus, mit dem Dorfanger als dicke Mittelrippe, von der wiederum links und rechts die Höfe abzweigen wie Seitenadern. Noch ganz still ist es an diesem Sonntagmorgen im Dorf, nur eine gefleckte Katze stromert an der Friedhofsmauer der Pfarrkirche St. Ägidius entlang. Beim „Wirtsgidi“ schräg gegenüber werden die ersten Bierbänke für die Theatervorstellung aufgestellt.
1138 als „Schoninuelt“ erstmals urkundlich erwähnt, zählte Schönfeld erst zur Oberpfalz, dann zu Mittelfranken. 1971 verlor das Dorf seine Eigenständigkeit und wurde Ortsteil der Gemeinde Schernfeld. Und seit der Gebietsreform 1972 liegt es im obersten Zipfel des Regierungsbezirks Oberbayern. Fränkisch, Oberpfälzisch und Oberbairisch haben sich an diesem Fleckchen Erde zu einem ganz eigenen Dialekt verwoben – Ortsgeschichte zum Hören.
Im September 2001 stellte die Gemeinde Schernfeld für den Ortsteil Schönfeld einen Antrag auf Aufnahme in das Bayerische Dorfentwicklungsprogramm. Nach längerer Vorbereitungsphase folgte dann der Startschuss 2006, die Dorferneuerung wurde offiziell angeordnet. Nicht, dass vorher alles im Argen gelegen hätte in Schönfeld, aber die Zeichen mehrten sich. Die Landwirtschaft ist längst zum Nebenerwerb geworden, immer mehr Einwohner verlassen inzwischen morgens das Dorf Richtung Eichstätt oder Ingolstadt und kommen erst nach Feierabend wieder heim. Die Grundschule wurde bereits vor Jahren geschlossen, auch einen Kindergarten gibt es nicht mehr in Schönfeld. Von den ehemals zwei Wirtshäusern ist keines mehr vorhanden. Lediglich ein Tante-Emma-Laden hält sich noch an der Hauptstraße.

Anpacken statt aussitzen

All das kann man stoisch hinnehmen wie das Wetter. In Schönfeld aber entschied man sich für Anpacken statt Aussitzen. Natürlich habe es auch viele Skeptiker gegeben, erzählt Josef Zinsmeister, der in der Erneuerungsphase als örtlicher Beauftragter zum Vorstand der „Teilnehmergemeinschaft Schönfeld III“ gehörte. „Doch heute sind alle stolz auf das, was in den zehn Jahren Dorferneuerung geleistet wurde.“
Der Dorfanger etwa, bisher eine schmucklose Durchfahrtsstraße, bekam Gehwege mit modernen Pflastersteinen, die Vorgärten der Höfe wurden von Hecken befreit, die Hausfassaden teilweise renoviert. Obstbäume wurden auf den Grünflächen neben der Hauptstraße gepflanzt, für die jeweils die Anwohner die Patenschaft übernommen haben und nun die Bäume hegen, pflegen und abernten. Auch der kleine Dorfweiher – die Hüll, von den Schönfeldern liebevoll zur „Hü“ verkürzt – bekam eine Auffrischungskur, wurde ein kleines Biotop am Dorfrand, in dem die Kinder im Sommer Kaulquappen fangen und auf dem sie im Winter Schlittschuhlaufen.

Miteinander statt gegeneinander

 Herzstück der Rundumerneuerung Schönfelds aber ist das Dorfgemeinschaftshaus, das nun hinter der Kirche steht. 108 freiwillige Helfer haben es in mehr als 5000 Arbeitsstunden errichtet. „Dass das so gut klappt, ganz ohne Streit, hätten wir anfangs nicht gedacht“, sagt Mark Mühlenbeck, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Schönfeld. Dass das Haus nach nur zwei Jahren Bauphase 2015 fertiggestellt wurde, erzählt viel vom Zusammenhalt im Ort.
Heute ist das Gebäude genau das, was sein Name verspricht: ein Zuhause für die Dorfgemeinschaft. Was sehr wichtig ist, seit es kein Wirtshaus mehr gibt in Schönfeld. Denn wie soll Vereinsleben funktionieren ohne einen Ort, an dem man seine Sitzungen abhalten kann? Oder auch einfach nur Alt und Jung beisammensitzen können?  Das Gemeindehaus in Schönfeld hat eigentlich immer auf, denn stets kennt jemand jemanden, der den Schlüssel hat. Die Getränkekasse basiert auf Vertrauen, und bislang hat das immer sehr gut funktioniert.
Neben der Großküche und einer schönen Halle für diverse Feierlichkeiten ist in dem Gebäude noch der Sportverein DJK Schönfeld mit eigener Turnhalle und Kellerraum für die Hobbyschützen untergebracht. Im DJK spielt eigentlich jeder Bürger über sechs Jahren Tischtennis oder hat es mal gespielt. Außerdem tagen hier noch drei Stammtische (die „Bottle Boys“, die „Wolpertinger“ und die „Roadrunner’s“), der Katholische Arbeiterverein, der Obst- und Gartenbauverein, der Katholische Deutsche Frauenbund sowie der Krieger- und Kameradschaftsverein. Und natürlich die Freiwillige Feuerwehr, zu der man in Schönfeld geht, sobald man 16 Jahre alt und mit Tischtennis alleine nicht mehr ausgelastet ist; 85 aktive Mitglieder habe man aktuell, erzählt Feuerwehrkommandant Mark Mühlenbeck, als wäre das eine Selbstverständlichkeit in einem Ort mit gerade mal 400 Einwohnern.
Jugend an einen so räumlich überschaubaren Ort zu binden, ist nicht einfach. In Schönfeld aber scheint es geglückt. Auch, weil die Gemeinde den Teenagern schon vor Jahren eine Holzhütte am Ortsrand zur Verfügung stellte für Treffen aller Art. „Die müssen ja irgendwo unter sich sein können“, sagt Hans Gesell, aktiv unter anderem in der Kirchenverwaltung der Pfarrei. Bis heute wurde dieses Vertrauen von der jüngeren Generation nicht missbraucht, im Gegenteil: Wunderbar aufgeräumt schaut es in und um die Hütte herum aus. Einmal im Jahr lädt die Schönfelder Jugend zur „Plattenparty“ und stellt dann ein Extrazelt auf, in dem die „Senioren“ (also alle jenseits der 30)  beisammensitzen können. „Dass die Generationen hier so miteinander verwoben sind, ist das eigentliche Geheimnis von Schönfeld“, glaubt Kräuterpädagogin Brigitte Zinsmeister.
Und überhaupt: Feiern können sie, die Schönfelder! Bockbierfest und Fasching, Dorffest, Grillfeste am Spielplatz, „Public Viewing“ aller größeren Sportereignisse im Gemeinschaftshaus und natürlich die Kirchweih, die sich hier über drei stets legendäre Tage streckt. Reihum ist ein Verein nach dem anderen für die Organisation der Feste zuständig, und weil jeder Schönfelder in mehreren Vereinen Mitglied ist, sind immer alle irgendwie mit der Planung für eine Feierlichkeit beschäftigt. Womöglich war es das, was Theaterregisseurin Resi Habermayr gemeint hatte mit einem Ort, der nicht schläft.

Hierbleiben statt wegziehen

All das hat Folgen, und zwar gute: „Die Jugend steht momentan auf Schönfeld“, konstatiert Hans Gesell. „Die meisten wollen gar nicht wegziehen. Oder sie kommen irgendwann wieder“, freut sich Josef Zinsmeister. Und das wiederum hat dazu geführt, dass es aktuell keinen Leerstand und auch keinen freien Bauplatz mehr in Schönfeld gibt. Ein neues Baugebiet sei aber in Planung, verrät Gemeinderätin Rosa Mühlenbeck. Denn: „Wer in Schönfeld bleiben will, soll das auch können.“

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