Login
Zum Sonntag

Einen Sprung in der Schüssel

Behinderung
Dekan i. R. Helmut Müller
am
14.09.2017

Haundorf - Abendandacht auf der Badehalbinsel Absberg im Fränkischen Seenland. Ich erzähle die Geschichte von der alten chinesischen Frau, die Wasser in zwei Schüsseln vom Fluss heraufschleppt.

Schwer hängen sie hüben und drüben an der Stange, die sie auf der Schulter trägt. Die eine Schüssel hat einen Sprung, sodass sie unterwegs stetig Wasser verliert und jedes Mal halb leer zu Hause ankommt. Darüber verzweifelt sie, und eines Tages klagt sie ihr Leid der alten Frau: dass sie sich so wertlos fühle, weil sie nicht so tüchtig sei wie die andere, vollkommene Schüssel.

Die Frau aber lächelt und sagt: „Siehst du, welch wunderschöne Blumen nur auf deiner Seite am Wegrand blühen? Mit dem Wasser, das du verlierst, gießt du sie. Ohne dich gäbe es diese Pracht überhaupt nicht. Also sei nicht länger traurig. Ich bin ja so froh, dass ich dich habe“.

Kaum bin ich so weit mit meiner Geschichte gekommen, ruft ein Junge: „Das ist wie bei meinem Onkel! Der wohnt bei uns. Und jeder mag ihn am liebsten, weil er ja immer so lustig ist.“ „Und wo ist er dann jetzt, wenn ihr hier in Urlaub seid?“ „Ja, der ist natürlich dabei! – und sein Hund, weil der ihn immer ganz schnell findet, wenn er sich wieder einmal verlaufen hat. Und das passiert ihm halt dauernd“.

„Kennt ihr vielleicht noch jemanden, mit dem es so ähnlich ist wie mit der beschädigten Schüssel ?“ „Ja, mein Bruder, der Anton“, sagt da ein Mädchen, das mit der Oma zur Andacht gekommen ist. „Der Anton ist behindert, aber der kennt sich überall gleich aus und weiß am besten, ob wir an einer Kreuzung links abbiegen müssen oder rechts. Drum heißt er auch bei uns nur noch der Navi“.

Das hat mich tief beeindruckt bei meiner Andacht am See, wie einfühlsam als erstes die Kinder die Geschichte von der beschädigten Schüssel aufgenommen, und mit welcher Liebe sie dabei an ihre Angehörigen gedacht haben: an ihre Behinderung und zugleich auch an ihre besondere Gabe.

Die Schüssel, die wegen ihres Sprungs dauernd Wasser verliert, schenkt gerade dadurch Leben und Blühen am Wegesrand.

Auch interessant