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Mobbing

"Du stinkst nach Kuh"

Mobbing Kind
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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
17.01.2018

Als Folgen einer einseitigen Berichterstattung in den Medien werden immer häufiger Kinder von Landwirten in Kitas und Schulen gemobbt.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in Deutschland die Landwirtschaft und damit die Bauern und Bäuerinnen an den Pranger gestellt werden. Das hat heute der Verein i.m.a – information.medien.agrar e.V. in Berlin kritisiert. Anlass ist ein Artikel einer norddeutschen Tageszeitung, in der auf der Kinderseite die Tierhaltung und der Fleisch-Konsum als Ursachen für Erderwärmung und Klimawandel verantwortlich gemacht werden. Und in dem neben vielen sachlichen Fehlern keiner der angeblichen Verursacher zu Wort kommt.

„Als Folgen solcher einseitigen Berichterstattungen werden immer häufiger Kinder von Landwirten in Kitas und Schulen gemobbt“, beschreibt Patrik Simon die Situation. Der i.m.a-Geschäftsführer kennt viele Fälle, in denen Bauernkinder und deren Eltern als Tierschänder und Umweltsünder diskreditiert werden.

„Du stinkst nach Kuh“

„Du stinkst nach Kuh“ wurde jüngst das Kind eines Bauern in der Kita beleidigt. Die Reaktionen waren überwältigend – und zwar positiv. Denn viele Facebook-Nutzer, wo der Fall bekannt wurde, unterstützten die Meinung des Kindes, das auf den Vorwurf geantwortet hatte, „Die Kühe stinken nicht; die riechen gut.“ Dazu Patrik Simon: „Wenn Unwissen auf Vorurteile trifft, die sich mit falschen Fakten paaren, ist der Nährboden für Konflikte bereitet – mit fatalen Folgen, die von Ausgrenzungen bis zu Handgreiflichkeiten auf dem Schulhof reichen.“

Einseitige Sichtweise und sachliche Fehler

Auch im Fall des aktuellen Zeitungsartikels, der als Agenturmeldung die Runde durch Redaktionen in Deutschland macht, kommen neben der einseitigen Sichtweise auf die Tierhaltung sachliche Fehler hinzu. Da wird zu einem Foto aus einem Schweinestall von Käfighaltung gesprochen, obwohl es sich um einen Ferkel-Schutzkorb handelt. „Weil das Fleisch billig sein soll, müssen die Tiere leiden“, wird als grundsätzliche Behauptung unreflektiert aufgestellt und „auch Bio-Fleisch kommt oft nicht von einem gesunden Tier“ darf ein Aktivist unsinnigerweise unwidersprochen behaupten.

Überforderung und Hilflosigkeit

Bernd Schwintowski, Pressesprecher beim i.m.a e.V., ist dem konkreten Fall nachgegangen. Er hat eine erschreckende Überforderung und Hilfslosigkeit in den Redaktionen entdeckt: „Die Kollegen sind oft völlig überlastet und haben keine Zeit, Agenturmeldungen zu überprüfen oder zusätzliche Meinungen zu recherchieren.“ Auch in den Agenturen sind fehlendes Personal und Zeitnot ein Problem. So bedient man sich gerne der medial gut aufbereiteten Beiträge von Interessengruppen und übersieht dabei, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. „Die Auswirkungen einer einseitigen Berichterstattung, die zum Mobbing von Bauernkindern führen, sind den Journalisten dabei nicht bewusst“, hat Schwintowski festgestellt.

Appell und Forderung

„Wir appellieren an die Medien, ihre Rolle als kritisches Korrektiv auszufüllen und im Interesse einer objektiven und umfassenden Verbraucherinformation über die Realität in der Landwirtschaft immer alle Seiten zu betrachten“, fordert Patrik Simon.

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