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Mitmenschen

Toleranz im christlichen Sinne

Pater Heinz Gerstle, München
am
15.11.2018

Jesu Pädagogik ist von Toleranz geprägt.

Der Evangelist Johannes erzählt (Jo 8,1-11), wie Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau zu Jesus zerren, die sie beim Ehebruch ertappt hatten. Für Frauen stand für dieses Delikt die Todesstrafe durch Steinigung – nach dem Gesetz des Moses. Sie wollen Jesus wieder einmal eine Falle stellen: „Was sagst Du dazu?“ Jesu Antwort „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Da vertrollen sich die Ankläger, die Ältesten zuerst. „Hat dich niemand verurteilt?“ fragt Jesus die Frau. „Niemand, Herr!“ Und Jesus: „So verurteile ich dich auch nicht. Tu es nicht mehr!“

Jesu Pädagogik ist von Toleranz geprägt. Er verurteilt das böse und ungeordnete Verhalten des Menschen. Da ist er intolerant. Er respektiert die Fähigkeit des Menschen zur Selbstsicherheit seines Tuns. Er konfrontiert ihn mit seiner Untat, um sich selbst seine Schuld einzugestehen und sich zu ändern. Da ist Jesus tolerant.

Der Mensch verliert seine Würde nicht durch unwürdiges böses Tun. Nachdem Kain seinen Bruder Abel ermordet hatte, wird er zur Strafe des Landes verwiesen. Doch auf die Stirne wird er mit einem Mal gezeichnet: Niemand hat das Recht, ihn zu töten. Hier hat Gott die Todesstrafe abgeschafft.

Unser Grundgesetz sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So ist auch unser heutiger Strafvollzug human gestaltet: Es gibt keine Toleranz für eine Untat, aber Toleranz gegenüber dem Sträfling.

Toleranz, ein Wort aus dem Lateinischen besagt: „darunter bleiben, die Last tragen“, das Ungereimte aushalten, den Menschen, der mir auf die Nerven geht, respektieren.

Wir neigen dazu, Menschen anderer Denkweisen, anderer Kulturen, Religionen, selbst anderer christlicher Konfessionen argwöhnisch zu begegnen, weil sie uns fremd sind.

In der Christenheit haben sich manche Kirchen in einem falschen Selbstverständnis anderen Religionen und Konfessionen gegenüber intolerant verhalten.
Im 20. Jahrhundert fanden die Christen zu einer weltweiten Ökumene. Ja, wir sprechen heute schon von einer Ökumene der Weltreligionen. Toleranz ist die Basis des Friedens in unserer kleinen Welt im Alltag und in der großen Welt der vielen Kulturen.

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