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Vorsorge

Verkehrstüchtigkeit im Alter - Immer gut gefahren

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Anna Knon, Wochenblatt
am
18.07.2019

„Wenn Opa sich ans Steuer setzt, wird mir schlecht, obwohl ich nicht mitfahre!“ Die Bäuerin, die das kürzlich gesagt hat, ist mit ihrer Sorge um die Verkehrstauglichkeit des Seniors nicht allein. Doch Opa sieht das anders.

Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass der 98-jährige Prinzgemahl von Queen Elisabeth in einen Autounfall verwickelt war, hat sich die ganze Welt das Gleiche gedacht: Oh, je! Warum fährt der alte Mann noch Auto? Ein paar Tage später kam die Meldung, dass Prinz Philipp seinen Landrover fortan nur noch innerhalb der eigenen Ländereien selbst lenken wolle – seine Königliche Hoheit quasi aus dem Verkehr gezogen ist.

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Für den Prinzen ist es kein Problem, trotzdem von A nach B zu kommen, weil eine Armada an Chauffeuren parat steht, die ihn überallhin kutschiert. Für einen alten Bauern respektive eine alte Bäuerin in der Einöde oder am Dorf mit ausgedünntem Personennahverkehr sieht das ganz anders aus. Die Jungen haben alle Hände voll zu tun, und die ganz Jungen sind tagsüber in der Arbeit oder sonstwo unterwegs. Klar, alle sagen: Wir fahren Dich jederzeit. Doch „jederzeit“, das geht aus oben genannten Gründen schon mal gar nicht, außerdem ist jederzeit für (viele) Opas und Omas gleichbedeutend mit „Sofort!! Duldet keinen Aufschub!“ Schon sind sie da, die Spannungen, denen sich die Altenteiler eigentlich nicht aussetzen und die sie auch vermeiden wollen.

Schwierig: Ein Stück Selbstständigkeit ist weg

Senioren haben es auch „dick“, wenn sie sich auf ihre alten Tage danach fragen lassen müssen, warum sie denn schon wieder zum Einkaufen oder die Cousine besuchen wollen oder ob das Karteln unbedingt beim Wirt im Nachbardorf sein muss und nicht im Pfarrheim nebenan ... Dass man ein paar Mal in der Woche spazieren fahren will – vielleicht auch deshalb, weil die Beine das Spazierengehen nicht mehr so mitmachen – versteht gleich gar keiner. Und es ist auch nicht angenehm, bitten und fragen zu müssen, wie man die Zeit verbringen darf, die man als Austragler nun endlich hat. Kurzum: Es geht um mehr als das Lenken eines Fahrzeugs.
Autofahren ist bei uns der Inbegriff von selbstständiger Lebensgestaltung. Wer will das aufgeben? Andererseits werden die kleinen oder großen Beulen im Opa-Auto immer mehr, ohne dass der Fahrzeuglenker deren Ursache kennt – vielleicht weil er aufgrund von Schwerhörigkeit garnicht gemerkt hat, dass er beim Ausparken im Supermarktparkplatz angeeckt ist. Und jeder kennt die Gespräche über die Kapriolen von Sonntagsfahrern aus dem eigenen Gäu mit der abschließenden Bemerkung: Warum sagt ihm keiner aus der Familie, dass er eine Gefahr ist?
Das ist der springende Punkt: Wer sagt es Vater, Opa, Onkel, Mama, Oma, Tante, dass es klüger wäre, das Auto stehen zu lassen. Ein unangenehmes Gespräch, das mit dem Vorwand „Wird schon nix passieren“ hinausgeschoben wird bis zum Gehtnichtmehr. Denn die wenigsten Betroffenen werden für diesen Hinweis dankbar sein, sondern reagieren ablehnend bis wütend oder sichtlich getroffen bis traurig.

Ungünstig: Fahrverhalten von Senioren

Trotzdem muss es einmal sein. Dabei geht es nicht in erster Linie um ein genaues Alter, sondern auch um andere Aspekte. Wir haben Rudolf Luger gefragt. Er war 18 Jahre lang Fahrprüfer beim TÜV Süd und gelegentlich auch Prüfer für die Fahrtauglichkeit von Senioren. Dabei hat er immer wieder folgende typischen Eigenheiten bzw. Fehler in der Fahrweise von Senioren festgestellt:
  • Orientierung an der Leitlinie (Mittellinie), nicht am rechten Fahrbahnrand. Bei Gegenverkehr weicht der Senior zwar – mehr oder weniger ruckhaft – nach rechts aus, kehrt aber umgehend wieder zurück zur Mittellinie.
  • Gleichbleibende Geschwindigkeit innerhalb und außerhalb von Ortschaften. Mit 60 km/h wird der Senior außerorts zum Verkehrshindernis, mit 60 km/h fährt er aber auch durch die 30er Zone im Ort und wird damit zur Gefahr für andere.
  • Auf gewohnten Fahrstrecken nimmt der Senior keine Verkehrszeichen (mehr) wahr, d. h. sollte ein neues Verkehrszeichen hinzukommen, z. B. Tempolimit oder gar Änderung der Vorfahrtsregelung, wird das vom Senior auf „seiner“ Strecke nicht registriert.
  • Die Verkehrsbeobachtung ist oft nicht ausreichend der Blick in den Außenspiegel findet kaum statt. Umschauen beim Wechsel des Fahrstreifens, Einparken oder Rückwärtsfahren fällt oft aufgrund mangelnder Beweglichkeit schwer und wird daher nicht gemacht oder auf ein Minimum eingeschränkt. Oft wird stattdessen der Innenspiegel genutzt.
  • Die Orientierung in Städten bzw. das Einordnen in die richtige Fahrspur fällt schwer.
  • Bei Umstellung auf ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe erst im Alter, besteht die Gefahr, dass in unvorhergesehenen Situationen Brems- und Gaspedal verwechselt werden, mit fatalen Folgen.
Zu den typischen Fehlern von Senioren kommen noch Fehler, die auch jüngere Fahrer machen, aber Ältere weitaus häufiger. Das sind vor allem Fehler, die durch Nichtwissen neuerer Verkehrsregeln zustande kommen. Einige Beispiele:
  • Verhalten, wenn ein Bus mit eingeschaltetem Warnblicklicht hält: Der Bus darf während des Abbremsens nicht überholt werden, frühestens, wenn er steht und auch dann nur in Schrittgeschwindigkeit. Abbremsen auf Schrittgeschwindigkeit gilt auch für den gegenüberliegenden Fahrstreifen.
  • Verhalten beim Verkehrszeichen „einordnen lassen“.
  • Beachten des Schutzstreifens für Fahrradfahrer.
  • Verhalten beim Schild „Grünpfeil“.
  • Verhalten im Kreisverkehr: Blinkverbot beim Einfahren, Blinkpflicht beim Ausfahren.
  • Verhalten auf Autobahnen: Beschleunigen und Einfahren in die Autobahn; Rechtsfahrgebot.

Gut: Testfahrt bevor sich die Behörde einschaltet

Was tun? „Bevor man sich und andere einer Gefahr aussetzt, sollte man zu einer Fahrschule zu gehen und mit dem Fahrlehrer eine Probefahrt machen“, rät Luger. Bei so einer Überprüfungsfahrt wäre es ideal, wenn auch jemand aus der Familie dabei ist. Meist ist die Fahrtauglichkeit des Seniors ohnehin schon Thema in der Familie, dann ist es um so besser für beiden Seiten, wenn ein Profi sein Urteil abgibt.
Und was ist, wenn keine Bereitschaft für eine „private“ Überprüfung der Fahrtauglichkeit da ist? Luger: „Man sollte immer bedenken, dass auffälliges oder falsches Verhalten im Straßenverkehr von jeder Zivilperson der Führerscheinbehörde gemeldet werden kann. Bei Beteiligung an einem Unfall macht das die Polizei.“ Dann kommt die amtliche Schiene in Gang: Zunächst ein Schreiben der Führerscheinbehörde, dass es Zweifel an der Fahrtauglichkeit gibt mit der Aufforderung, innerhalb einer bestimmten Frist einen Nachweis darüber zu erbringen. Das heißt konkret: Der Führerscheinbesitzer muss von einem amtlich anerkannten Prüfer für den Kraftfahrzeugverkehr (aap)seine Verkehrstauglichkeit testen lassen. Luger: „Manche gehen dann vor diesem Fahrtest zu einer Fahrschule, um Hinweise auf Fahrfehler zu bekommen.“
Der Fahrtest mit dem aap findet in einem Fahrschulauto in Begleitung eines Fahrlehrers statt und dauert eine Stunde. „Ich habe als Prüfer immer eine Route gewählt, die der Senior als häufige Strecke angegeben hat. Stadt- und Autobahnfahrt kommen hinzu“, erklärt Luger. „Es gibt auch die Möglichkeit einer Umkreis-beschränkung, beispielsweise auf einen Radius von 30 Kilometern, mit Ausschluss der Autobahn. Dann findet die Testfahrt natürlich auch nur innerhalb dieses Umkreises statt.“ So eine Regelung ermöglicht Senioren beispielsweise weiterhin die Fahrt zur Kirche oder zum Einkaufen im Ort. Rudolf Luger wohnt selbst am Land und kennt die Situation, aufs Auto angewiesen zu sein. Trotzdem lautet sein Fazit: „Die Defizite in der Verkehrstauglichkeit können bei vielen Senioren durch die jahrzehntelange Erfahrung als Autofahrer nicht kompensiert werden. Bevor man sich und andere gefährdet, sollte man aufs Fahren verzichten.“
Fahrtauglichkeit ist ein ernstes Thema, aber Humor schadet auch hier nicht. Vom kürzlich verstorbenen Rennfahrer Niki Lauda stammt der Satz: „Der Mensch ist bereit, alles zuzugeben, nur nicht, dass er ein schlechter Autofahrer ist.“ Das gilt ganz sicher nicht nur für Senioren.
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