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Internationales Landjugendtreffen

Weggefährten aus aller Welt

Ausflug Landjugend
Bettina Hanfstingl
am
11.09.2017

Herrsching - Wie unterstützt man junge Menschen in ländlichen Räumen? Wie verschafft man ihnen Zugang zu Bildung und wie stärkt man die Landwirtschaft? Mit diesen Fragen haben sich Führungskräfte der Landjugendarbeit aus aller Welt beschäftigt.

Es ist ein Ort, wo Menschen aus Russland und der Ukraine zusammen singen können, wo Leute aus Taiwan, dem Kosovo, Kenia und anderen Ländern nach kurzer Zeit tolle Teams bilden.“ So beschrieb Jonathan Cook, einer der Dozenten, bei der Abschlussfeier die einzigartige Atmosphäre während des Internationalen Seminars für Führungskräfte der Landjugendarbeit. Auch Djinfe Agossou, ein Teilnehmer aus dem afrikanischen Togo, zeigte sich bei seiner in französischer Sprache vorgetragenen Dankesrede berührt von der erlebten Herzenswärme – „auch wenn es hier vor Ort nicht so warm war“, wie er anmerkte.

50 junge Frauen und 50 junge Männer aus 56 verschiedenen Ländern hatten kürzlich im Haus der bayerischen Landwirtschaft Herrsching zwei Wochen lang ein vielfältiges Programm absolviert. Im ersten Abschnitt konnten die Teilnehmer ihre Führungskompetenzen trainieren. Sie lernten, wie man eine Gruppe motivieren und mit Konflikten umgehen kann, oder wie man moderiert und Themen präsentiert. Manche Methoden zur Teambildung wurden gleich praktisch ausprobiert: So führten sich die Teilnehmer gegenseitig mit verbundenen Augen durch das Seminarhaus, nur angeleitet durch gesprochene Anweisungen. Hier kam es auf Vertrauen und genaues Hinhören an. Wegen der vielen unterschiedlichen Muttersprachen war dies eine sehr anspruchsvolle Übung.

Zugang zu Bildung und Forschung schaffen

Seminarfoto

Im zweiten Teil erarbeiteten die Teams, was nötig ist, um die ländlichen Räume weiterzuentwickeln und die jungen Menschen dort zu unterstützen. Nicht nur der Zugang zu fruchtbarem Land und Wasser, sondern ebenso zu landwirtschaftlicher Bildung und Forschung ist sehr wichtig und oft nicht ausreichend vorhanden. Die Teilnehmer tauschten in einer Weltkonferenz ihre Erfahrungen aus, um so voneinander neue Ideen für die Arbeit an diesen Herausforderungen zu erhalten. So erfuhren die jungen Leute beispielsweise, dass in Uruguay jährlich Treffen zwischen Junglandwirten und Forschern organisiert werden. In Aserbaidschan und Japan besuchen Agrarstudenten regelmäßig landwirtschaftliche Betriebe, um auch die Praxis kennenzulernen. Ein weiteres weltweit aktuelles Thema war der Zugang zu Absatzmärkten und die Frage, was gutes Unternehmertum ausmacht.
Mehrere Exkursionen führten die Seminarteilnehmer in verschiedene Einrichtungen in Bayern. So besuchten Teilgruppen das Fachzentrum für Milchvieh- und Rinderhaltung in Achselschwang, die Hauswirtschaftsschule in Fürstenfeldbruck und die Herzogsägmühle, ein Hilfszentrum für Menschen in besonderen Lebenslagen wie seelische Erkrankungen oder Suchtproblematiken. Auch das Jugendzentrum des Bund Naturschutz in Wartaweil am Ammersee war Ziel einer Fahrt. Die Teilnehmer führten dort in einem Rollenspiel als Vertreter von Landwirtschaft, Politik, Energieversorgern und Umweltschützern eine kleine „Weltklimakonferenz“ durch. Dabei stellten sie bald fest, dass es bei Fragen des Klimaschutzes keine einfachen Lösungen geben kann, da bei dieser Thematik zahlreiche Interessen und Befindlichkeiten einander entgegenstehen.
Auf den Betrieben Behl in Dettenschwang, Wunderl in Weßling und Scholz in Schwabsoien erhielten die jungen Menschen einen direkten Einblick in die bayerische Landwirtschaft. Nach einer lebhaften Diskussion um „Teller oder Tank“ auf dem Biogasbetrieb Grenzebach in Stillern konnten die internationalen Gäste den Abend im hofeigenen Biergarten verbringen.

Aktionspläne für die Heimat erarbeitet

Stallfoto

Im dritten Teil des Seminars wurden aus dem Gehörten und Gelernten persönliche Handlungskonzepte erarbeitet. „Jeder Einzelne soll mit einem konkreten Aktionsplan entweder für sich oder für seine Organisation, nach Hause reisen und wissen, was als Nächstes zu tun ist“ betonte Anelia Coetzee, eine Dozentin aus Südafrika. Hilfreich für die Umsetzung dieser Pläne werden hier auch die Freundschaften sein, welche die Teilnehmer über Landesgrenzen hinweg geschlossen haben.  
Bei der festlichen Verabschiedung der Absolventen zeigte sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt überzeugt, dass leistungsfähige ländliche Räume und die Landwirtschaft auch in Zukunft unverzichtbar sind. Dem globalen Trend hin zur Stadt müsse man Perspektiven für die Jugend auf dem Land entgegensetzen, denn „Ernährung und Landwirtschaft sind es, die Frieden gestalten können.“

Tiwonge Nkosi aus Malawi

Nkiso

Tiwonge Nkosi aus Malawi (rechts) hat in Herrsching gelernt, wie man Konferenzen erfolgreich abhält und als Team effektiv arbeitet. „Es gibt so viele unterschiedliche Arten von Menschen, und man sollte mit jedem zurechtkommen können, auch wenn es Sprachbarrieren gibt“, betont sie. Für die junge Frau waren auch die Exkursionen und der Austausch mit anderen Teilnehmern sehr wertvoll. Tiwonge hat in ihrem Heimatland den Bachelor für Betriebswirtschaft absolviert und ist derzeit für das Kusamala-Institut tätig. Dort können sich Landwirte besonders im Bereich Permakultur fortbilden, erhalten aber auch eine allgemeine Fachberatung.

Martin Kappel aus Österreich

Martin Kappel

„Von den Problemen anderer Länder hört man sonst nur in den Medien. Hier im Seminar konnte man die Leute aus aller Welt direkt fragen, wie es bei ihnen so läuft“, begeistert sich der junge Mann, der bei der Landjugend Steiermark aktiv ist. Um auch anderen diese Möglichkeit zu geben, plant er, Austauschreisen beispielsweise mit Indien zu organisieren. Martin stellte in den Gesprächen mit anderen Teilnehmern aber auch fest, dass die Probleme der Landwirtschaft auf der ganzen Welt oft ähnlich sind.

Yurii Vitkovskyi (links) aus der Ukraine

Yurii

Die größte Herausforderung in der Landwirtschaft besteht für Yurii zukünftig in der Entwicklung und im Einsatz von neuen Technologien. „Dies kann die Lebensmittelversorgung sicherer machen“, ist er überzeugt. Der Ukrainer besitzt einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften und ist an der Technischen Universität für Landwirtschaft in Kharkiv tätig. Für seine Aufgaben im Unterricht und der Beratung konnte er in Herrsching wertvolle Kenntnisse gewinnen.

Dorothea Giesbrecht-Kehler aus Paraguay (links)

Dorothea

„Eine Führungskraft muss vor allem sich selbst gut kennen. Das ist wichtig, man muss schließlich mit jedem zurechtkommen“ ist die junge Frau überzeugt. Kommunikation und Kooperation sind für sie das Wichtigste bei ihrer Arbeit. Dorothea unterstützt in ihrer Heimat junge Landwirte dabei, Praktikumsstellen zu finden. Die neuen Medien sieht sie dabei als Gewinn, aber auch als Herausforderung. Das persönliche Gespräch, bei dem man sich in die Augen sehen kann, ist für sie nach wie vor unersetzlich.

Christina Kornell aus Deutschland

Christina Kornell aus Deutschland fand es faszinierend, wie offen alle Teilnehmer miteinander umgingen. Für ihre Arbeit als Landesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) Bayern lernte sie neue Methoden der Teamarbeit kennen. Christina hat einiges vor: „Die Menschen hierzulande wissen kaum mehr, woher ihre Lebensmittel kommen, wie Landwirte leben und arbeiten. Wir müssen die Landwirtschaft, hier und weltweit, mehr in den Fokus stellen. Das wird nicht leicht: Selbst bei uns in der KLJB gibt es immer weniger Landwirte.“

Suren Sewchuran aus Südafrika

Suren

Suren Sewchuran aus Südafrika ist dankbar, dass er erleben durfte, wie in Herrsching aus Fremden Freunde wurden. „Ich zitiere die Worte meines Landsmannes Nelson Mandela:‘Etwas erscheint immer unmöglich, bis es jemand getan hat“, sagt Suren. In der Heimat hilft er mit seiner Organisation Abalimi anderen Menschen dabei, landwirtschaftliche Betriebe aufzubauen, um die Versorgung mit Essen zu sichern.

Seher Gumus aus der Türkei

Seher

Seher Gumus (letzte Reihe) aus der Türkei arbeitet für die Organisation YPARD (Young Professionals for Agriculture Development), die sich für den weltweiten Austausch junger Landwirte engagiert. Das Netzwerk ist in 168 Ländern aktiv und ermöglicht Junglandwirten aller Erdteile, Kontakte zu knüpfen. Sehers Ziel ist es, in der Türkei ein YPARD-Team aufzubauen. Dafür ist sie nun gut gerüstet. „Es war spannend, mit den verschiedenen Kulturen zu arbeiten!“

Fu-En Lee aus Taiwan

Fu en lee

Fu-En Lee (2. v. rechts) aus Taiwan arbeitet in seinem Heimatland ehrenamtlich im 4H-Club der Technischen Universität von Pingtung. 4H ist eine internationale Kinder- und Jugendorganisation, vergleichbar mit der Landjugend. Das Ziel ist, Werte wie Verantwortung, Toleranz und Kooperationsfähigkeit zu vermitteln. Fu-En will seine Schützlinge für Landwirtschaft begeistern, denn dieser Wirtschaftszweig ist in Taiwan sehr wichtig. „Ich will ihnen helfen, die richtigen Dinge zu tun, und diese richtig anzupacken“, zeigt er sich motiviert.

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