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Bauen

Wohnen auf die charmante Art

Maria Burkhardt
am
20.10.2016

Pforzen - Solide Baumaterialien, eine geschickte Raumaufteilung und ganz viele nette Details machen das Haus von Andrea und Manfred Högg aus Pforzen, im Lks. Ostallgäu, so besonders. Dazu passt die Holzfassade: Sie ist falunrot wie viele Bauernhäuser in Schweden.

Haus

Das Bauernhaus, in dem Andrea Högg aufgewachsen ist, war in die Jahre gekommen. Die Bausubstanz litt unter aufsteigender Feuchtigkeit, denn der Hof liegt nahe an der Wertach, die am Ortsrand von Pforzen entlang fließt. Bei starkem Regen drückte das Grundwasser in den Keller.

Das war aber nicht der einzige Grund, der für einen Neubau sprach. Entscheidend sei die ungünstige Lage des alten Wohnhauses gewesen, sagt Manfred Högg. Das Haus stand mit der Giebelseite in Richtung Norden. Auf sonnendurchflutete Räume wurde früher weniger Wert gelegt. Das Haus wurde einfach zur Dorfstraße hin ausgerichtet und das Wirtschaftsgebäude, wie im Allgäu üblich, daran angebaut. Mit der Bergehalle im Süden und dem Laufstall im Westen kam nur am Morgen Sonnenlicht in die Küche und Stube.

Unter diesen Voraussetzungen viel Geld in die Sanierung zu stecken, schien dem Paar nicht sinnvoll. Das Häuschen nebenan, das sie vor 10 Jahren vom Nachbarn gekauft hatten, gefiel von der Lage, war aber zu klein. Dafür war der lang gestreckte Garten groß genug für einen Neubau. So reifte die Idee, dort auf der Südseite ein neues Haus zu bauen und dieses mit dem alten Häuschen geschickt zu verbinden.

Denn Andrea Högg hat ein Hobby, für das sie Platz braucht. Wenn sie nicht gerade in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb mit den 65 Milchkühen eingespannt ist, arbeitet sie gern kreativ mit Ton. Sie träumte schon längere Zeit davon, sich endlich eine geräumige Töpferwerkstatt einzurichten. Dafür war das alte Häuschen ideal.

Fichtenholz aus dem eigenen Wald verbaut

Als Neubau schwebte dem Paar ein Holzhaus vor. Andrea Högg wünschte es sich so rot wie die Bauernhäuser in Schweden. Dort hatte sie vor Jahren ein Praktikum gemacht und danach noch manchen Sommerurlaub verbracht.

Ihrem Mann gefiel der Gedanke. So konnte er Fichtenbretter aus dem eigenen Wald verbauen. Durch den Anstrich ist die Fassade witterungsfest und macht zusammen mit den weißen Holz-Alu-Fenstern keine Arbeit mehr. Die Originalfarbe aus Schweden aufzutreiben, war allerdings nicht ganz einfach. „Übers Internet habe ich nach langem Suchen dann doch noch einen Farbenhändler in Hamburg ausfindig gemacht, der sie vertreibt“, erzählt die Bäuerin.

Dass ihr Haus nicht 0815 werden würde, wusste jeder, der die beiden kennt. Andrea Högg hat eine kreative Ader. Sie liebt Holz, Keramik und Farben, die sie stilsicher kombiniert. Auch Weide und Wolle sind Materialien, die sie gern um sich hat. Ihr Mann Manfred bringt als gelernter Fliesenleger viel handwerkliches Geschick und Know-how mit. Beides ist beim Hausbau viel wert. Um möglichst viel selbst zu machen, hat sich das Paar beim Bauen Zeit gelassen. Vom Betonieren der Bodenplatte bis zum Einzug vergingen fast drei Jahre. Dafür wurde das Haus genau so wie sie es haben wollten. „Es war ja nicht eilig, weil wir im alten Bauernhaus wohnen konnten“, betont die 39-Jährige. Ihr „Manni“, wie ihn alle nennen, traute sich sogar zu, den Rohbau des Erdgeschosses nach Plan selbst zu mauern, bewundert sie ihn noch heute.

Den ersten Stock und das Dach lieferte anschließend die Zimmerei, die das Haus auch geplant hat. Im Verbindungstrakt zum alten Häuschen ist die Pelettheizung samt Pufferspeicher und die Schmutzschleuse untergebracht, mit Waschmaschine und Trockner. Auf einen Keller konnte dadurch verzichtet werden.

Die Überdachung des Übergangs erstreckt sich zu einem Carport, der mit großen Kieselsteinen gepflastert ist. Das Pflaster am Hauseingang ist ein Mosaik aus gewöhnlichen Steinen aus der Kiesgrube und vereinzelt eingestreuten „Schmucksteinen“. Die Bäuerin hat hierfür Betonsteine gegossen, die sie mit auffallenden Kieselsteinen und frostfest bemalten Tonscheiben verzierte. Zwei Tage lang war der Landwirt mit einem Spezl damit beschäftigt, die Steine optimal in Beton zu klopfen. Abgesehen von der Arbeitszeit hat das außergewöhliche Natursteinpflaster aber kaum etwas gekostet.

Mit viel Eigenleistung ist auch die Veranda auf der Südseite des Hauses entstanden. Die Terrasse aus Lärchenholz wurde selbst verlegt. Das Glasdach hat der Spengler vom Ort wunschgemäß angebaut. Dank Windschutzwand an der Westseite kann man hier an vielen Tagen im Jahr, auch abends nach der Stallarbeit, noch draußen sitzen.

Zum schwedischen Stil der äußeren Hülle passt auch die Inneneinrichtung. Im Sommer gelangt man durch eine praktische Fliegengitter-Schwingtür von der Terrasse direkt in die Wohnküche. Sie ist das Herzstück des Hauses, hell und freundlich. Dazu tragen freilich die großen Fenster auf der Südseite bei, aber auch die bruchrauen Solnhofer Platten als Fußbodenbelag. Der Naturstein ist nicht nur pflegeleicht und unverwüstlich, sondern harmoniert mit seinen zarten Farbtönen wunderbar zum Holz der Essecke und zu den Küchenmöbeln.

Viel Eigenleistung eingebracht

Die Einbauküche mit den cremeweißen Fronten stammt vom schwedischen Möbelhaus mit den vier Buchstaben, ebenso wie das Spülbecken aus weißem Porzellan. Die dicke Arbeitsplatte aus geölter Eiche hat der Schreiner passgenau angefertigt. Sie geht, ganz elegent, nahtlos über in Fensterbretter. Auch die erhöhte Theke mit dem runden Stehtischchen am Ende ist wie aus einem Guss aus Eichenholz gemacht. Ihr Unterbau ist gemauert und trennt in der Küche optisch den Arbeits- und Essbereich. Geschickt ist diese Raumaufteilung auch deshalb, weil das weiß verputzte Mäuerchen zugleich als angenehm hohe Rückenlehne für die Bank am Esstisch dient und Blicke auf die Küchenzeile abschirmt.

Es mangelte nie an guten Einfällen

Hier kann man sich in Ruhe hinsetzen und genießen, ohne gleich wieder den Stapel mit dem Geschirr zu sehen, der sich beim Kochen eines guten Essens naturgemäß anhäuft. Auch an dem runden Thekentischchen mit den hohen Hockern sitzt das Paar gern, auf eine schnelle Tasse Kaffee zwischendurch, um sich kurz abzusprechen, was auf dem Hof gerade ansteht. Von dem kleinen, erhöhten Sitzplatz mitten im Raum sind es nur wenige Schritte zum Kühlschrank und in die Speis gleich neben an.

Den Charme einer Landhausküche unterstreichen viele liebevoll gestaltete Details, allen voran die von Hand gemachten Wandfliesen, die Andrea Högg stilsicher in einem zeitlosen Grün glasiert hat, wohlwissend, dass so ein erdiges Grün wie draußen auf der Wiese, zu allen Farben harmoniert, die ihr sonst noch gefallen. Solche Kacheln selbst zu töpfern sei keine große Kunst, sie zu verlegen schon eher, erklärt die Bäuerin und strahlt ihren Mann an. Eine handwerkliche Meisterleistung von beiden also! Sich gegenseitig zuarbeiten und gemeinsam anzupacken, sind die beiden von der Arbeit auf dem landwirtschaftlichen Betrieb gewohnt. Auch beim Hausbau ergänzten sie sich prima.

Andrea Högg liebt es, aus einfachen Dingen und alten Möbeln noch etwas Schönes zu machen und ihr Mann hilft ihr dabei, die Ideen umzusetzen. Das sind oft nur Kleinigkeiten, die dem Haus aber viel Charme verleihen. Treibholzstücke, die die Bäuerin regelmäßig am Flussufer aufsammelt und in ihrer Töpferwerkstatt trocknen lässt, verwandeln als Handgriffe angeschraubt, jedes gewöhnliche Badezimmerschränkchen zu etwas Besonderem. Unscheinbare Kommoden aus dem alten Bauernhaus wurden entweder abgelaugt oder mit weißem Anstrich flott gemacht.

Farbe setzte die Bäuerin bei der Einrichtung nur ganz dezent ein. Zum Landhausstil der Küche passte eine farbige Wand, die Andrea Högg in einem aparten Grünton gestrichen und am oberen Rand mit einem Blumenmuster verziert hat. Eigentlich sei dies eine Notlösung gewesen, weil es so schwierig ist, eine saubere Linie zur weißen Decke hinzubekommen, gesteht sie. Deshalb hat sie sich hier mit einem bunt bedruckten Washi-Tape beholfen. Das sieht richtig gut aus an der Wand!

Das Sofa gemütlich unter dem Dach

Gute Einfälle, die nicht viel kosten, kann man überall im Haus entdecken. An der Treppe in den ersten Stock beispielsweise wurde es am Geländer nach oben hin eng und knifflig. Nun füllt ein rostiges Baustahlgitter mit Dekoelementen aus Holz und eingewebter Wolle die Ecke aus und macht die schlichte Treppe aus Fichtenholz einzigartig. Als stabiler Treppenpfosten genügte eine Metallstange mit dekorativer Zapfenspitze aus dem Gartenhandel. Sie wurde passend zu den Seitenlatten weiß lackiert. Um die dicken Schraubenköpfe zu kaschieren, die die Treppenstufen zusammenhalten, formte die Bäuerin runde Steine aus Ton, die sie kurz aufdrückte, damit sie genau passen, und dann mit Prägestempel und etwas Farbe verzierte.

Im Zimmer neben der Küche ist das Büro eingerichtet. Ursprünglich war der Raum als Wohnzimmer geplant. Beim Einrichten entschieden sie sich dann aber um, und verlegten die Fernseh- und Leseecke kurzerhand in die erste Etage, erzählt Andrea Högg. Denn oben unter dem Dach ist es abends besonders gemütlich. Das Sofa passt perfekt unter die Dachschräge und das Beste daran ist, sobald man die Treppe in den ersten Stock hoch geht, kehrt das Gefühl ein, dass jetzt Feierabend ist.

Das Büro im Erdgeschoss bewährt sich ebenfalls im Alltag. „Wie oft springt man ins Haus, um Unterlagen abzuheften oder zu holen“, weiß die Bäuerin, da ist es einfach praktisch, wenn alles schnell erreichbar ist. Da der Raum durch die doppelflügelige Terrassentür auch sehr hell und freundlich wirkt, fällt es auch leichter, sich regelmäßig an den Schreibtisch zu setzen, um die Büroarbeit zu erledigen.

Für kurze Kaffeepausen ist der Weg in die Küche oder auf die Terrasse nicht weit. Wenn sie sich nachmittags mit einer Tasse Kaffee in den Strandkorb setzt oder abends nach der Stallarbeit gemeinsam gemütlich auf der Terrasse den Tag ausklingen lassen, fühlt es sich immer ein bisschen wie Urlaub an. So schön wie in Schweden ist es ja auch im Allgäu.

 

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