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Arbeitssicherheit

Wenn der Brunnen zur Todesfalle wird

Brunnen Gase Gefahr
Elisabeth Jahrstorfer
am
20.11.2017

In Brunnenschächten droht Erstickungsgefahr - Vor Arbeiten müssen deshalb umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden.

Auf die Idee, dass es lebensgefährlich sein könnte, eine Pumpe im Brunnen zu reparieren, kommen viele Menschen nicht. Doch eigentlich sollte bekannt sein, dass Schächte und Silos nicht ohne Vorbereitung betreten werden dürfen.

In Niederbayern sind kürzlich innerhalb von zwei Wochen drei Menschen ums Leben gekommen, weil sie in einen Brunnen gestiegen sind. In einem Fall Mutter und Sohn, weil die Mutter versucht hatte, ihren Sohn zu retten und dabei selbst zum Opfer wurde.

Wie konnte das passieren? Alle drei Personen starben daran, dass in der Luft zu wenig Sauerstoff war. Luft enthält normalerweise 21 Prozent Sauerstoff. Sinkt der Anteil auf 19 Prozent, wird es für den Menschen gefährlich. Sinkt er unter 17 Prozent, ist dies tödlich. Der Mensch erstickt.

Zu wenig Sauerstoff im Brunnen

Brunnen-Geschirr

Doch wie ist es möglich, dass der Sauerstoffgehalt am Boden der Brunnen so niedrig war?

Ein Brunnenschacht hat nur ein geringes Luftvolumen. Zudem ist der Austausch mit der Oberflächenluft sehr eingeschränkt. Gase wie Kohlendioxid sind schwerer als Luft und sammeln sich am Boden an, in Brunnen wie in Futtersilos, Güllegruben und Weinkellern. Auch in Gebieten mit hoher vulkanischer Tätigkeit kennt man Kohlendioxidseen in Mulden, die Mensch und Tier das Leben kosten. Denn Kohlendioxid bemerkt man nicht. Es ist farb- und geruchlos.

Im Brunnenschacht kann Kohlendioxid durch Fäulnis von Wurzeln und anderen Pflanzenteilen  entstehen. Zudem können aus Gesteinsspalten Gase ausströmen, ähnlich wie in Bergwerken. Dies führt  zu einer Verringerung des Sauerstoffanteils. 

Wenn nun eine Person im Schacht arbeitet, nimmt durch die Atmung der Kohlendioxidanteil weiter zu und der Sauerstoffanteil ab. So kann nach wenigen Minuten der Sauerstoffanteil die kritische Marke unterschreiten.  Der Mensch verliert das Bewusstsein.

Schadgase nicht unterschätzen

Günter Stemplinger, Sicherheitsberater der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft im Landkreis Passau,  weiß aus Erfahrung, dass die Gefahr durch Schadgase immer noch unterschätzt wird. Mit einer Serie zu Schadgasen hat das Wochenblatt zusammen mit der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung im vergangenen Jahr versucht, hier aufzuklären und zu sensibilisieren.

„Das Problem ist, dass die schädlichen Gase da sein können oder nicht. Man weiß es vorher nicht“, sagt Stemplinger. Weil oft nichts passiere, wenn jemand in einen Brunnen steige, glaubten die Menschen, es gebe keine Gefahr und ergriffen keine Vorsichtsmaßnahmen.

Wie gefährlich Brunnenarbeiten sind, zeigt ein weiterer tödlicher Unfall, der sich vor drei Jahren ereignete. Dabei starb ein Brunnenbesitzer an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Er  wollte den Brunnen mit einem Erdbohrer mit Zweitakt-Motor-Antrieb  vertiefen.  Die Abgase blieben am Boden des Schachtes, der Mann vergiftete sich selbst.

Vorsichtsmaßnahmen

Günter Stemplinger erklärt, wie man sich bei Arbeiten im Brunnen, aber auch in Regenwasserzisternen schützen sollte:

  • Zuerst den Sauerstoffgehalt in der Luft überprüfen. Ein Messgerät kann man sich ausleihen bei der Feuerwehr, bei Fachfirmen für Kanalarbeiten, Biogasbetreibern oder dem Technischen Hilfswerk. Eine Kerzenprobe bringt nichts. Denn eine Kerze brennt noch bei 12 Prozent Sauerstoff.
  • Vor dem Einsteigen in schachtförmige Räume diese mit  einem starken Gebläse, z. B. aus der Heu- oder Getreidetrocknung längere Zeit belüften. Laubbläser sind viel zu schwach.
  • Die Person muss gesichert sein, damit man sie bergen kann, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen etwas schiefläuft.  Sie muss ein Höhensicherungsgeschirr anlegen, an dem eine Sicherleine befestigt wird.
  • Oben neben dem Brunnen muss ein Dreibein mit Kurbel oder ein Schlepper mit Frontlader stehen, an dem die Sicherungsleine befestigt ist.  Nur so kann eine leblose Person aus einem Schacht heraufgezogen werden.
  • Eine andere Möglichkeit ist, solche Arbeiten mit einem außenluftunabhängigen Atemschutzgerät auszuführen.
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