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Statistiken

Pflanzenschutz: Willkür bei statistischen Auswertungen

Pflanzenschutz Weizen
aiz
am
02.06.2017

Essen - Zahlreiche Medien haben kürzlich über einen steigenden Pflanzenschutzmitteleinsatz in Deutschland berichtet, was sich als "Unstatistik des Monats" herausgestellt hat.

Die Berliner Zeitung titelte am 12. Mai 2017 "Über 34.000 Tonnen - Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift". Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) kritisiert die Interpretation der Zahlen nach Gutdünken.

Der Absatz der zwischen 2006 bis 2015 jährlich in Deutschland verkauften Pflanzenschutzmittel schwankte witterungs- und preisbedingt zwischen 30.000 und 35.000 t, wie aus Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervorgeht. Allerdings variieren die Ergebnisse, je nachdem welchen Zeitabschnitt man betrachtet. So zeigt der Vergleich der Jahre 2009 (30.162 t) und 2015 (34.752 t) einen Trend nach oben. Vergleicht man hingegen die Jahre 2008 (34.664 t) und 2014 (34.514 t), erhält man einen leicht sinkenden Trend. Letzterer könnte mit den Zahlen aus 2016 noch deutlicher ausfallen, da in diesem Jahr die Mengen nach Angaben des Industrieverbands Agrar (IVA) "stark rückläufig" waren. Offizielle Daten für das Jahr 2016 hat das BVL bisher nicht veröffentlicht.

"Jede Zeitreihe, die zufällig um eine Konstante herum schwankt, hat, wenn man in einem Tal anfängt und auf einem Berg aufhört, einen positiven Trend. Und umgekehrt erzeugt man einen negativen Trend beim Start auf einem Berg und Ziel in einem Tal", erklären die Experten vom RWI das Zustandekommen von "sehr unterschiedlichen Aussagen, je nachdem welches Jahr man zum Vergleich heranzieht".

Ganze Kurve betrachten

Ihre Ausführungen untermauern die Statistiker mit einem Hinweis auf die Finanzbranche. "Die gleiche Methode - ein Tal auszuwählen und oben am Berg aufzuhören - wird auch gerne von Investmentfirmen verwendet, die bei potenziellen Kunden den Eindruck erwecken möchten, dass der Wert ihres Produkts stets nach oben geht." Die Experten vom RWI empfehlen daher: "Lassen Sie sich immer die ganze Kurve zeigen."

Mit der "Unstatistik des Monats" hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer seit 2012 jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Warnungen vor Glyphosat im Urin haben den Titel bereits zweimal erhalten.

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