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Peinlichkeiten

Wie sag ich‘s nur?

Peinlichkeit
Sigrid Tinz
am
25.08.2017

Ein offenes Hosentürl, Mundgeruch, Unpünktlichkeit... Jeder kennt Situationen, in denen man unschlüssig ist, ob und wie man etwas anspricht. Man will das Gegenüber nicht verletzen oder vergraulen, kann aber auch nicht schweigen.

Der Pfarrer kommt zum Taufgespräch, setzt sich aufs Sofa, und unübersehbar für alle ist sein Hosenschlitz offen. Der Freundin ist die Wimperntusche verschmiert, jemand hat Petersilie zwischen den Zähnen oder einen Popel an der Nase. Wir alle kennen solche peinlichen Situationen, und auch das kurze Schwanken: Einfach tun, als wäre nichts? Oder eben was sagen?
Die weitaus meisten von uns ringen sich durch zu einem „Entschuldigung, Sie haben da was“; einfach weil wir alle solche Situationen eben auch von der anderen Seite her kennen, und froh wären, wenn uns nicht erst auf dem Heimweg der offene Hosenschlitz auffällt.

Andeuten genügt meist nicht

Warum ist es denn überhaupt so unangenehm und schwierig, etwas deutlich anzusprechen, was auffällt oder stört? Erstens geht es oft um körperliche, intime Dinge, Gefühle oder Tabubehaftetes wie Ausscheidungen. Darüber redet man einfach nicht so leicht. Und zweitens wurzelt unsere Kritikempfindlichkeit in der Angst vor Ausgrenzung – und die ist tief verankert in uns – noch aus der Zeit der Jäger und Sammler. Als der Einzelne außerhalb der Gemeinschaft nur schwer überleben konnte, waren Isolation oder Verbannung eine tödliche Gefahr. Was also am negativen Feedback schmerzt, ist nicht der sachliche Inhalt der Botschaft, sondern die latente Angst des Ausgeschlossen- und Verlassenwerdens. Und das Wissen, genau eine solche Angst auszulösen, macht es auch so schwer, etwas Peinliches oder Unangenehmes anzusprechen.
Allerdings lohnt sich der kleine innere Schubs meistens sehr. Ob man sich regelmäßig darüber ärgert, dass der Freund so wenig Trinkgeld gibt oder Opas Socken nach Schweiß riechen oder der Paketbote immer mit Schwung auf dem frisch geharkten Kiesweg parkt. Trägt man solche heiklen Themen zu lange mit sich herum, können negative Gefühle überhand nehmen. Kleinigkeiten können sich aufschaukeln, Beziehungen belasten oder am Ende gar vergiften. Wenn einem irgendwann doch etwas herausrutschen sollte, fühlt sich der andere – zu Recht – getäuscht: „Warum hast du denn nie was gesagt?“
Also einfach frei heraus damit? Dem Schwiegervater vor versammelter Tischgemeinschaft sagen, dass er nach Schweiß riecht, wenn er von der Hofarbeit zum Mittagessen kommt? Oder demonstrativ das Fenster aufreißen mit einem „War anstrengend im Stall, nicht wahr“. Durch die Blume gesagt kommt die Botschaft eigentlich nie an. Das sagen alle Kommunikationsfachleute und auch die eigene Lebenserfahrung. Im Gegenteil, es bringt oft noch mehr Missverständnisse.
Ideal wäre: ehrlich, direkt und freundlich die Sache anzusprechen. Ehrlich meint dabei auch, von sich zu reden, sagen, dass es einem unangenehm ist: „Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll“. Dann sollten Sie allerdings ohne Abschwächung und ohne falsche Diplomatie weitermachen und sagen, was ist und was Sie erwarten: „Deine Socken riechen stark nach Schweiß, wenn du mittags aus deinen Gummistiefeln schlüpfst und zum Essen kommst. Es wäre schön, wenn du frische Socken anziehen würdest.“ Fehlt noch, dem anderen freundlich zu zeigen, dass er Ihnen wichtig ist und Sie ihn nicht ausgrenzen wollen: „Mir zuliebe, ich mag unsere Mittagessen mit der ganzen Familie und ich freue mich immer, was du alles erzählst.“

Unangenehmes unter vier Augen ansprechen

Fast selbstverständlich ist es, die Sache unter vier Augen zu klären. Auch wenn die Versuchung groß ist, mit Rückendeckung der anderen dem eigenen Anliegen Nachdruck zu verleihen. „Ihr findet doch auch, dass Opa Käsfüße hat!“ Das ist nicht nur verletzend, sondern zeigt, dass hinter seinem Rücken schon längst alle über ihn geredet haben – Ausgrenzung pur.
Klar ist natürlich: Im Familienleben braucht keiner Angst zu haben, ausgeschlossen zu sein. Niemand wird den Opa weniger schätzen, weil seine Socken aus den Gummistiefeln müffeln. Im Berufsleben ist die Angst vor Ausgrenzung realer. Bei zu viel Fehlverhalten droht eine Abmahnung.
Dabei geht es allerdings nicht um die Kategorie „Peinliches“, sondern um Führungsverhalten. Und dazu gehört mehr oder weniger oft auch, Unangenehmens auszusprechen. Auch hier stellt sich die Frage: Wie sag ich‘s nur? Natürlich kann man als Chef eine klare Ansage machen und damit seinem Ärger Luft verschaffen, dass der Azubi zwischendurch immer wieder aufs Handy schaut oder häufig zu spät kommt oder das Auto nicht dort parkt, wo es hingehört und den Arbeitsbereich nicht ordentlich genug hinterlässt. Aber ein Frontalangriff treibt den anderen nur in die Enge, aus der er sich dann  mit aller Gewalt wieder zu befreien versucht, indem er zurückschießt oder dichtmacht.

Die Kritik nicht frontal raushauen!

Besser sei es ein kritisches Gespräch mit Fragen zu beginnen, rät Karen Wright, Kommunikationscoach und Autorin: „Das hilft dem Angesprochenen, Kritik entgegenzunehmen und sich in dem klärenden Prozess beteiligt zu fühlen.“ Also: „Lieber Auszubildender, du bist jetzt drei Monate hier, was fällt dir leicht, was macht dir Spaß? Wie, glaubst du, kommst du bisher voran mit dem, was du hier lernen willst und sollst?“
Danach dann können Sie als Chef die Fakten auf den Tisch legen – die Pünktlichkeit, das Handy, das Auto, die Ordnung – falls es sich im einleitenden Frage-Anwort-Spiel nicht schon ergeben hat. Und dann machen Sie weiter mit den Fragen: „Was brauchst du noch von mir, damit das klappt? Welche Informationen möchtest du von mir, welche Unterstützung?“ In dem Sie selbst nach Feedback fragen, betont man, dass der andere im Gespräch nicht das Opfer oder der Unterlegene ist, erklärt Karen Wright „Das nimmt die Angst vor dem sozialen Ausschluss.“ Und ist im Grunde nichts anderes als die üblichen Zielvorgaben zu besprechen – nur auf Augenhöhe eben.  
Trotzdem ist klar: weder Opa noch der Azubi werden sich freuen. Im Gegenteil: Schwiegertochter oder Chef sollten sich auf mehr oder weniger heftige Gegenreaktionen einstellen. Jeder reagiert anders, von Schweigen, Rechtfertigen, Verteidigen und Schimpfen bis hin zu Weinen. „Gewähren Sie Ihrem Gesprächspartner Raum für diese Reaktionen, ohne sie zu steigern oder auch abzuschwächen“, heißt es dazu in schönster Coaching-Sprache. Auf deutsch: „Das müssen Sie aushalten“ Ohne sich in nervöse Scherze zu retten, zu beschwichtigen oder ebenfalls gegenzuhalten: „Meine Güte, stell dich nicht so an“.
Wichtig ist, den richtigen Moment abzuwarten, nicht zu lange zu warten, aber auch nicht unmittelbar aus einem ärgerlichen Anlass he­raus zu reagieren. Wer sauer ist, dem fällt es zwar leichter, was zu sagen, bleibt aber aber nur selten konstruktiv. Besser ein bisschen runterkommen und dann  statt – „Er stinkt soo nach Schweiß, das ist eklig“ – nach einer möglichen positiven Absicht im Verhalten des anderen zu suchen: „Opa will keine Zeit verlieren im Stall und doch pünktlich beim Essen sein, weil er weiß, wie wichtig mir das ist.“ Als positive Grundeinstimmung sozusagen.

Sich hineinfühlen in die Situation

Auch hilfreich ist, sich zu überlegen, wie man selbst behandelt werden möchte. Allerdings sind Menschen unterschiedlich: manche Menschen brechen zusammen bei der kleinsten Kritik, andere sehen es als guten Rat und als Möglichkeit zu lernen und besser zu werden. Im besten Fall kennen Sie die Person und können sich auf ihre Persönlichkeit einstellen.
Noch heikler sind heikle Themen, die einen selbst gar nicht betreffen: die Freundin hat einen neuen Mann kennengelernt und es gefällt Ihnen nicht, wie er mit ihr umgeht; die Sprachentwicklung des einen Enkels scheint sehr langsam verglichen mit den anderen; der Kegelbruder trinkt in letzter Zeit ziemlich viel Alkohol. Soll ich was sagen – aber es geht mich ja eigentlich nichts an? Auch hier hilft Ehrlichkeit am meisten: „Ich würde dir gerne etwas sagen, was mir aufgefallen ist, weil ich mir Sorgen mache, ist das okay?“ Denn wenn Sie als guter Freund nichts sagen, wer wird es denn sonst tun?
Insistieren sollten Sie aber nicht, wenn der Betreffende abwinkt. Zumindest haben Sie ihm damit einen Denkanstoß gegeben. Und Sie können vor sich selber gerade stehen, nicht aus Angst vor einem Konflikt nichts gesagt zu haben. Und: vielleicht hat die Freundin oder der Freund ja auch eine gute Erklärung parat und Sie müssen sich nicht mehr sorgen. Dann hat es sich erst recht gelohnt, dass Sie sich ein Herz gefasst haben.

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