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Aussehen

Auf dem Schönheitstrip

Schminken
Anja Kersten
am
24.05.2017

München - Mit Lackschühchen im Kindergarten fängt es an. Später in der Pubertät steht ein makelloser Körper auf der Wunschliste, durchgestylt und durchtrainiert. Der Schönheitskult greift um sich und setzt vor allem Jugendliche unter Druck.

Mehr und mehr ist gutes Aussehen in unserer Gesellschaft zu einem Gradmesser für Leistungsfähigkeit geworden. Wer sich so kleidet und so aussieht wie es dem gängigen Schönheitsideal entspricht, ist bei anderen beliebt, bekommt einen guten Job, ist erfolgreich und damit glücklich. Wer diesem Ideal nicht entspricht, ist selbst schuld, er könnte ja was dafür tun und sich quasi „optimieren“, so die Meinung der Gesellschaft.
Gutes Aussehen entscheidet damit heute mehr und mehr über den Marktwert eines Menschen. „Es ist natürlich nicht so, dass das Aussehen die letzten Jahrzehnte nie eine Rolle gespielt hat, vor allem bei Jugendlichen, aber es ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden,“ so auch die Beobachtung von Angelika Schlüter. Sie ist Diplom-Psychologin an der Evangelischen Beratungsstelle der Diakonie Augsburg.

Schön sein wird als Leistung angesehen

Schoenheitskult

Auch als wir, Mütter und Väter, jung waren, wollten wir hübsch und attraktiv sein, stellten uns vor den Spiegel, musterten uns kritisch, deckten Pickel mit speziellen Stiften ab und experimentierten mit Make-up. Auch wir orientierten uns an Vorbildern, sei es die schöne Blonde mit den langen Beinen aus der Oberstufe, den Sportlichen von der Feuerwehr oder an irgendeinem Star, den wir aus dem Fernsehen oder aus Zeitschriften kannten. „Herauszufinden, wer man ist, sich mit dem eigenen Körper, dem eigenen Geschlecht und dem eigenen Aussehen auseinanderzusetzen, sind Aufgaben, die in der Pubertät zu lösen sind“, erklärt die Psychologin. Das war schon zu unserer Zeit so und ist heute nicht anders.
Denn die Eltern als Vorbilder haben in der Pubertät erst einmal ausgedient. Jugendliche zweifeln an sich, sind empfindlich, suchen Anerkennung und Wertschätzung. Damit sind sie auch empfänglich für Botschaften und für Marketing. Diese umgeben uns heutzutage von morgens bis abends und lauten immer ähnlich: Optimiere dein Aussehen, kleide dich trendy, trainiere deinen Körper, dann bekommst du Anerkennung und Wertschätzung. Die modernen Medien wie Facebook, Instagram, Snapchat, WhatsApp tragen wesentlich zu dieser Selbstdarstellung bei. Stars machen es vor. Jugendliche machen es nach und posten Selfies immer mit der gleichen Botschaft: „Schau mich an, wie toll ich aussehe, welch eine tolle Figur, was für eine trendy Frisur ich habe, wie erfolgreich und vor allem glücklich ich damit bin.“ Belohnt wird das dann mit Likes und positiven Kommentaren.
Dass gerade bei Stars und Models oder bei Sendungen wie Germanys Next Topmodel, was die Fotos angeht, viel getrickst und manipuliert wird, wird dabei geflissentlich verschwiegen. Die wenigsten Jugendlichen machen sich darüber Gedanken, warum Models und Stars immer perfekt aussehen. Da werden nicht nur Pickel retuschiert, sondern auch Beine je nach Vorliebe verlängert, Taillen dünner, Bizeps größer gemacht. Da schneidet jedes Spiegelbild natürlich schlecht dagegen ab. Komplexe sind vorprogrammiert.

Der Schönheitskult verunsichert

Natürlich könne man Sendungen wie Germanys Next Topmodel nicht die alleinige Schuld an den in den Medien verbreiteten Bildern geben, meint auch Angelika Schlüter, aber sie trügen dazu bei, ein Schönheitsbild zu prägen, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Die Jugendlichen entwickeln ein verzerrtes Bewusstsein für ihren eigenen Körper und setzen sich unter Druck, diesem Ideal zu entsprechen, ohne zu wissen, dass das völlig unrealistisch ist.
Genau das macht auch den Unterschied zu der Zeit, in der wir Eltern jung waren. Auch die Stars im Fernsehen und in Zeitschriften waren geschminkt und wurden von ihrer besten Seite fotografiert, aber die technischen Möglichkeiten, jemanden völlig zu verändern, gab es nicht. Wir waren nicht ständig umgeben von Hochglanzfotos und Selfies, die uns zeigten, wie glücklich und schön alle anderen sind, nicht nur Prominente, sondern auch unsere Freunde und Bekannten.
Die Grenzen waren klarer. Das war die Welt der Stars und Sternchen, das war die eigene Realität. Auf dem Schulhof und auf Festen gab es zwar auch die, die besonders schöne lange blonde Haare hatten, die besonders schlank waren oder so tolle Muskeln hatten. Aber perfekt war niemand. Die Blonde hatte etwas dicke Beine, das Muskelpaket krause Haare, die Zierliche große Füße. Es war nicht so, dass man seine eigenen Unzulänglichkeiten toll fand, aber man akzeptierte sie, es war „halt so“. Der Druck, daran etwas zu ändern, sich selbst zu optimieren, auch vonseiten der Gesellschaft, war nicht so groß und auch die Möglichkeiten beschränkter, erklärt die Psychologin den Unterschied zu heute.
Denn der Druck, mit anderen mithalten zu können, einen Traumkörper besitzen zu müssen, ist heute immens, wahrscheinlich sehr viel stärker als Eltern sich das vorstellen können.

Das Selbstwertgefühl bleibt auf der Strecke

Deshalb sollten Eltern ihre Kinder vor allem darin bestärken, dass sie so wie sie sind, in Ordnung und wertvoll sind, lautet der Tipp von Angelika Schlüter. Ein junger Mensch, der ein gesundes Selbstbewusstsein hat, ist besser präpariert, sich nicht von irgendwelchen Idealen beeinflussen zu lassen und sie kritisch zu hinterfragen.
„Ich halte nichts davon, seinen Kindern zu verbieten, Sendungen wie Germanys Next Topmodel zu schauen. Das macht das Ganze noch interessanter und spannender. Aber man kann sich die Sendung mal zusammen anschauen, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und darüber zu reden wie wenig diese Fotos mit der Realität zu tun haben“, hält die Psychologin für eine gute Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen der heutigen Zeit.
Sich mit der pubertierenden Tochter oder dem Sohn als Eltern darüber zu unterhalten, was man selbst an sich gut findet, womit man weniger zufrieden ist, zeigt den jungen Leuten, dass keiner vollkommen ist und man trotzdem ein zufriedenes und glückliches Leben führen kann. Erinnern Sie sich daran, wie Sie sich selbst als 14- oder 15-jähriger gefühlt haben, wie unsicher Sie waren, anstatt darüber zu urteilen; wie „lächerlich es ist, diesen Idealen hinterherzulaufen“.
Behutsam den Blick der Jugendlichen darauf zu lenken, dass Schönheit kein Garant für Erfolg und Zufriedenheit ist, dass es so viele andere wichtige Dinge im Leben gibt und es langweilig wäre, wenn alle gleich aussehen würden, macht Jugendliche weniger anfällig für den exzessiven Hype um die eigene Schönheit. Solche Gespräche sind auch für Erwachsene ein Gewinn, denn wie oft ertappt man sich selbst dabei, dass man andere nach Äußerlichkeiten beurteilt, weil man gewisse Vorstellungen und Erwartungen verinnerlicht hat?

Lob nicht auf gutes Aussehen beschränken

Das heißt nicht, dass man seine Kinder nicht auch mal für ihr Aussehen loben und sie hübsch kleiden darf. Jedes Kind, ob jünger oder älter, freut sich über das Kompliment „Du siehst aber heute toll aus“ oder „das steht Dir aber gut“. „Eltern sollen und dürfen ihre Kinder für ihr Aussehen loben und zwar sowohl Väter als auch Mütter ihre Söhne und Töchter, aber es darf nicht das einzige Lob bleiben“, erklärt Angelika Schlüter. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat etwas an sich, das gefällt und schön ist. Als Eltern all diese Talente bewusst zu machen und zu fördern, macht Kinder stark und selbstsicher.
Dass es unterschiedliche Kleidung für unterschiedliche Anlässe gibt, lernen Kinder ganz automatisch, wenn sie auf einem Hof aufwachsen. Und doch macht das Thema Aussehen und Kleidung auch in Kindergärten auf dem Land nicht halt. Da kommen kleine Mädchen herausgeputzt, als würden sie auf die Geburtstagsfeier der Oma gehen, kleine Buben tragen teure, weiße Turnschuhe, bei denen man sich fragt, wie lange die beim Spielen draußen weiß bleiben. „Von vielen Eltern weiß ich, dass sich bereits Kinder in diesem Alter durch Modetrends unter Druck setzen lassen“, berichtet Angelika Schlüter. Natürlich kann man seinem Kind verbieten, die Schuhe, die für ein Fest gekauft wurden, anzuziehen, besser aber ist es, die Entscheidung zu begründen, lautet der Tipp der Psychologin etwa in der Art „Ich möchte, dass du im Kindergarten spielen und rennen kannst. Mit den feinen Ballerinas ist das nicht möglich“.

Sich zur Schau stellen ist alltäglich geworden

Worüber wir heute als Erwachsene erschrocken den Kopf schütteln, das alltägliche sich zur Schau stellen, ist für Kinder und Jugendliche etwas ganz Selbstverständliches. Sie wachsen mit Smartphone auf. Auch als Eltern kann man die Welt nicht ändern. Aber man kann seinen Kindern die Augen öffnen für eine Welt, in der nicht nur das Aussehen, sondern auch innere Werte zählen. So bekommen sie das gute Gefühl vermittelt, das sie durchs Leben trägt, dass sie, genau so wie sie sind, geliebt und gewollt sind.

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