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Ausbildung

Unterwegs zum Traumberuf

Florian Maucher
am
19.07.2018

Während der Aus- und Fortbildung von daheim auszuziehen ist ein Erlebnis. Man gewinnt viele neue Eindrücke, wird eigenständiger und offener. Vier junge Menschen berichten von ihren Erfahrungen.

In der Ausbildung fürs Leben lernen? Klingt abgedroschen, ist es aber nicht! Denn Aus- und Fortbildung sind elementare Abschnitte im beruflichen Werdegang. Berufs- und Fachschule, Studium und Praktika bringen freilich fachliches Wissen – aber nicht nur. Daneben warten auch persönliche Erfahrungen, durch die man sich automatisch weiterentwickelt. Wir haben mit jungen Menschen gesprochen. Was treibt sie an? Mit welchen Herausforderungen waren und sind sie konfrontiert? Und was nehmen sie bei ihren Ausbildungswegen mit? Florian Maucher

Seine Zeit selbst einteilen

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Noch mal ganz neu anfangen – diesen Weg wählte Elisabeth Hochecker. Die Niederbayerin hat sich für ein Landwirtschaftsstudium an der Fachhochschule in Freising entschieden. „Ich wollte noch eine zweite Ausbildung machen“, erklärt die gelernte Industriemechanikerin. „Meine beiden Schwestern sind auch studieren gegangen, das hat mich motiviert.“ Sie erhofft sich davon persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Die Landwirtschaft habe sie zudem schon von klein auf interessiert, erzählt die 21-Jährige, die von einem Bullenmastbetrieb in Stubenberg (Lks. Rottal-Inn) stammt und hofft, nach dem Studium in der Agrarbranche Fuß zu fassen: „Ich will einen Job, der zu mir passt und Spaß macht.“

Für Freising hat sie sich wegen der Nähe zur Heimat und Freunden entschieden: „Ich kenne viele, die da sind und waren, und die FH hat einen guten Ruf.“ Das Wochenende verbringt sie aber dennoch gerne daheim und nimmt dafür gerne die Distanz von 130 km in Kauf: „Am Wochenende ist fast niemand in Freising, weil viele meiner Studienkollegen heimfahren. Außerdem kann ich so daheim am Hof mithelfen.“ 

Am Studienort Freising fand sich Elisabeth schnell zurecht: „Die Stadt ist eher ländlich. Wir haben am Anfang zwei Radtouren gemacht und damit eh schon das meiste gesehen“, erklärt sie augenzwinkernd. Dennoch schätzt sie das Freizeitangebot vor Ort und die Nähe zur Landeshauptstadt: „Meine Schwestern wohnen in München und im Sommer gibt es dort tolle Biergärten.“ 

Auch an der Hochschule und mit der Lehrstruktur fühlt sich die junge Bayerin wohl: „Die FH ist im Gegensatz zur Uni sehr an das System der Schule angelehnt und man kriegt einen Stundenplan vorgegeben. Ich finde das ganz gut so – man hat dadurch einen groben Rahmen und kann sich zusätzlich zu Übungen und Praktika anmelden und sich das selber einteilen.“ Zudem seien sämtliche Vorlesungen keine Pflichtveranstaltungen.  

„Man wird schon selbstständiger“, resümiert sie ihr erstes Jahr nach dem Auszug von zu Hause, „und weiß recht schnell den Luxus daheim zu schätzen, dass man nicht alles selbst machen muss. Ich kann mir jetzt zwar die Woche selber einteilen, muss aber auch schauen, wie ich meine Sachen schaff – ob Vorlesungen, Lernen oder eben auch die Hausarbeiten in der Wohngemeinschaft.“ Mit sieben anderen Studierenden bewohnt sie eine WG im Studentenwohnheim: „Wir haben Putz- und Müllpläne – aber das funktioniert mal mehr, mal weniger gut“, weiß sie und lacht. Auch vollkommene Ruhe sei im lebhaften Wohnheim selten.  
„Im Großen und Ganzen klappt das Zusammenwohnen aber gut. Wir sind bunt zusammengemischt aus sämtlichen Fachrichtungen. Das finde ich gut so – man kommt auf ganz andere Gespräche wie mit den Kommilitonen aus dem eigenen Bereich und bekommt was von anderen Studiengängen mit“, weiß Elisabeth den Kontakt zu den Kollegen zu schätzen. „Wer Lust aufs Studieren hat, dem kann ich das absolut empfehlen: Das ist eine tolle Erfahrung und es ist schön, mal auf sich selber gestellt zu sein.“ 

Nicht auf der Strecke bleiben

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Obwohl er „nur“ 40 km von Triesdorf entfernt wohnt, ist Robert Schmidt für seine Fortbildung an der Höheren Landbauschule (HLS) dorthin gezogen. „Die ersten Wochen bin ich noch täglich zwischen hier und unserem Hof in Geslau gependelt. Aber da blieb zu viel Zeit auf der Strecke“, erklärt der 24-Jährige. Danach suchte er sich eine WG, die privat von einer Familie vermietet wurde. „Da lernt man auf jeden Fall, seinen eigenen Haushalt zu schmeißen“, betont er. Auch für den Kontakt und gemeinsame Unternehmungen mit den anderen Studierenden sei es vorteilhaft, am Schulort zu wohnen: „So konnten wir am Abend öfter zusammen Zeit verbringen. Das hat den Zusammenhalt in der Klasse auf jeden Fall verbessert.“ 

Für Triesdorf entschied er sich, weil er den Standort bereits von Zeiten der Berufsschule kennt und als Kompetenzzentrum schätzt: „Durch die Kombination aus Technikerschule und HLS sind hier vier Abschlussklassen zusammen und es wird durch das Seminarsystem viel ausgetauscht und ein breites Spek­trum abgedeckt“, lobt Robert die Voraussetzungen vor Ort. Zudem könne man über die Schule hinaus mit anderen Betrieben zusammenkommen: „Wir hatten zuletzt Besuch von einer Austauschgruppe aus Münster – die haben dort ganz andere Betriebszweige, Strukturen und Pro­bleme.“ Auch unter den Studierenden selbst werde eine breite Palette an Betriebszweigen abgedeckt: „Da ist von Hopfen- über Tabakanbau und Biogas bis hin zum Golfplatzbetreiber die ganze Bandbreite vertreten“, freut sich der Milchviehhalter, der selbst von einem Hof mit 70 Kühen plus Nachzucht stammt, über die neuen Einblicke. 

Die Fortbildung verdeutlichte dem Junglandwirt auch seine persönliche Entwicklung und Reife: „Mit zunehmendem Alter weiß man das vermittelte Wissen mehr zu schätzen. Im Laufe der Ausbildung bekommt man immer mehr Verständnis für Zusammenhänge rund um Betriebswirtschaft, Steuer, Politik und Öffentlichkeitsarbeit.“ Speziell für Letztere wird ihm immer mehr der Bedarf deutlich: Während „Kommunikation“ und „Gesprächsführung“ zum Pflichtprogramm zählen, hat sich Robert aus persönlichem Interesse heraus für weitere Wahlseminare zu diesem Thema eingeschrieben. In Sachen Seminare entschied er sich zudem für die Themen Grünland und Milch: „Das sind meine Spezialgebiete und man kann sich dadurch Schwerpunkte setzen und seine Fortbildung individuell gestalten“, kennt er die Vorteile. 

Doch eine solche intensive Fortbildung verlangt auch einiges ab: „Man muss dranbleiben am Stoff und auch mal bis in die Nacht rein Ausarbeitungen schreiben.“ Außerdem koste es Mühe, sich immer wieder zu motivieren, und man müsse es auch wirklich wollen, sonst werde es schwierig. Dafür kann er sich dem Rückhalt seiner Eltern sicher sein, die ihn daheim am Betrieb entbehren. Robert ist dankbar dafür und froh, diesen Weg gegangen zu sein: „Ich halte die Ausbildung für absolut empfehlenswert, wenn man einen Betrieb erfolgreich führen will.“

Im Ausland Eigenständigkeit lernen

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Weiter weg zog es im Sommer 2017 Christian Schmid. Der Oberbayer aus Windach (Lks. Landsberg am Lech) nutzte die Zeit des Praxissemesters seines Agrarstudiums in Freising, um Einblick in große Strukturen zu bekommen: „Später habe ich kaum mehr die Möglichkeit, mir so was anzuschauen“, erklärte er die Wahl für einen 4500 ha großen kanadischen Ackerbaubetrieb mit angeschlossener Saatgutreinigung und Agrarhandel.

Gemeinsam mit zwei Berufskollegen verbrachte der 23-jährige gelernte Landwirt, der zu Hause selbst einen kleinen Färsenmastbetrieb im Nebenerwerb hat, die Zeit von April bis September in der Provinz Saskatchewan. Dort auf dem Hof wurde er wie ein Teil der Familie aufgenommen.  

„Ich wollte in Kanada in erster Linie den Umgang mit großen Maschinen und Eigenständigkeit lernen“, erzählt Christian. Das habe sich voll erfüllt: „Wir waren oft in der Werkstatt und haben viel über Mechanik gelernt. Ich bin auch persönlich gereift: Der Chef hat uns nach einer kurzen Gesprächsrunde am Morgen komplett eigenständig arbeiten lassen.“

Auch in Sachen Kommunikations- und Teamfähigkeit habe er dazugelernt: „Wir haben zu dritt im Haus gewohnt und uns selbst versorgt, da gibt es natürlich mal Meinungsverschiedenheiten. Um im Team arbeiten zu können, muss man aber lernen, den Konflikt aus der Welt zu schaffen und Kompromisse zu finden“, ist er sich sicher. Daneben konnte er auch seine Sprachkenntnisse verbessern. „Im Betrieb haben selbst wir Deutsche uns aus Rücksicht auf die Angestellten und den Betriebsleiter nur auf Englisch unterhalten, auch wenn es mit Fachbegriffen in den ersten Wochen teils wirklich schwierig war.“ 

Finanziert hat sich der Landwirt den Aufenthalt zu rund einem Viertel mit Hilfe der Schorlemer-Stiftung über den BBV. Zusätzlich arbeitete er am Betrieb auf Kost und Logis plus Stundenlohn und konnte so seine Reisekosten decken. „Allein im Mai kam ich auf 350 Arbeitsstunden“, resümiert er. „In der Zeit haben wir nichts vom Land gesehen.“ Eine Tour durch die „traumhaft schönen Landschaften mit überwältigenden Dimensionen“ konnten sie im Sommer nachholen: Sie bekamen vom Betrieb ein Auto gestellt. Der Oberbayer kann einen solchen Aufenthalt nur empfehlen, auch wenn es anfangs aufgrund der Heimatverbundenheit schwierig gewesen sei. „Wir waren aber so beschäftigt – da überlegt man dann nicht mehr so viel.“ Von Familie und Freunden wird Christian seit seinem Kanada-Aufenthalt ruhiger und überlegter wahrgenommen.

Eine zweite Heimat auf dem Lehrbetrieb

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Für eine Ausbildung auf einem Biomilchviehbetrieb entschied sich Alexander Schön und wurde im Oberallgäuer Hellengerst beim Lehrbetrieb von Wolfgang und Barbara Birk fündig. Die Sympathie zu den Betriebsleitern stellte der 22-Jährige allen anderen Kriterien voran: „Ich habe einen Probetag mitgearbeitet, um zu sehen, ob ich mit der Familie klarkomme. Man arbeitet  anschließend ein ganzes Jahr lang zusammen und wenn das nicht passt, macht es keinen Spaß.“

Außerdem wollte der engagierte Junglandwirt nahe seines Heimatortes Waltenhofen (Lks. Oberallgäu) bleiben. „Ich wohne zwar unter der Woche auf meinem Lehrbetrieb, wollte aber nicht weit weg, damit ich weiter bei der Feuerwehr, dem Musik- und Trachtenverein aktiv sein kann“, erklärt Alexander, der in den Vereinen teils Ämter innehat. Sein Ausbilder sei da sehr einsichtig: „Er will, dass ich hier wohne und möglichst viel mitbekomme, aber wir machen das flexibel – wenn ich unter der Woche eine Veranstaltung hab, arbeite ich dafür am Wochenende oder Feiertag.“

Wichtig sei es der Familie aber, dass er aufgrund der beiden kleinen Kinder am Betrieb nicht zu spät heimkomme und Rücksicht nehme. Damit hat Alexander kein Problem: „Ich habe selber vier Geschwister und bin ein Familienmensch.“ Auch am Lehrbetrieb fühlt sich der Junglandwirt als vollständiges Familienmitglied wahrgenommen: „Wir grillen am Abend zusammen, gehen gemeinsam baden oder auf Lehrfahrten“, zeigt er sich dankbar für die gute Aufnahme am Hof.  
Für das gute Zusammenleben müssten aber beide Seiten ihren Teil beitragen: „Man muss freilich erst mal lernen, den anderen einzuschätzen. Grundsätzlich ist es aber wichtig, miteinander zu reden und ehrlich zu sein, um Missverständnisse zu vermeiden.“ So sei das Vertrauen zwischen Betriebsleiter und Lehrling systematisch gewachsen und inzwischen dürfe er viele Aufgaben auch alleine erledigen. 

Auch sein eigenes Zimmer am Hof trägt zum Wohlbefinden bei: „Hier hab ich sogar mehr Platz als daheim und ein eigenes Bad“, freut er sich über seinen Rückzugsort. Hausregeln seien dabei selbstverständlich: „Wir essen immer zusammen und ich helfe wie daheim auch beim Tischdecken und Abräumen. Wenn mal niemand da ist, koche ich auch selbst.“

Die Ausbildung helfe ihm auch bei  seiner persönlichen Entwicklung: „Durch die Direktvermarktung kommen viele Kunden an den Hof – dadurch lernt man, auf Leute zuzugehen, und ich merke, dass ich offener werde.“ Zudem lerne man durch die zwei Kinder am Hof, Verantwortung zu übernehmen: „Man hat einen anderen Umgang als mit den eigenen Geschwistern – sie sind noch klein und man muss viel mehr aufpassen.“

Seine Wahl für den Lehrbetrieb hat Alexander noch keinen Tag bereut: „Ich kann nur jedem raten, sich vor der Lehrstellensuche einen Zettel mit seinen Wünschen zu schreiben und sich Ziele zu setzen, was man lernen will“, erklärt er seine Vorgehensweise. Außerdem solle man ein Jahr vorher anfangen zu suchen: „Die besten Betriebe sind immer am schnellsten weg.“ 

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