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Öffentlichkeit

Bergsteigerdorf - ohne Bauern geht es nicht

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Johannes Urban
am
19.07.2018

Mit Kreuth hat Bayern jetzt insgesamt vier Bergsteigerdörfer.

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Die Alpen sind mit rund 6,6 Mio. Tourismusbetten, etwa 60 Mio. Ferien- und über 60 Mio. Ausflugsgästen bei 370 Mio. Übernachtungen pro Jahr die größte zusammenhängende Erholungsregion  in Europa. Allerdings konzentriert sich der Tourismus auf nur 10 % der Alpengemeinden, der große Rest droht dem Strukturwandel anheimzufallen.

Die „systemrelevante“ Antwort ist ein sich immer schneller drehender Erschließungskreisel: noch höher hinauf mit den Seilbahnen, her mit den Schneekanonen, Hotelburgen hinklotzen. Es entstehen Überkapazitäten, die Konkurrenzsituation wird immer schärfer.
Um diesem Trend entgegenzuwirken, ist auf Grundlage der 1989 verabschiedeten Berchtesgadener Resolution von den acht Alpenstaaten die Alpenkonvention entwickelt worden. Ihr Kern ist eine ganzheitliche Politik, die vom Umweltschutz über die regionale Entwicklung bis hin zur Kultur reicht.

Der Österreichische Alpenverein, maßgeblich am Zustandekommen der Alpenkonvention beteiligt, versucht diese in ganz konkreten Projekten umzusetzen. Eines dieser Beispiele ist die 2005 ins Leben gerufene Initiative „Bergsteigerdörfer“. Inzwischen hat sich auch der Deutsche Alpenverein (DAV) dieser Initiative angeschlossen.

Als erste deutsche Gemeinde erhielt Ramsau im Berchtesgadener Land am 16. September 2015 das Siegel „Bergsteigerdorf“, 2017 folgten die Gemeinden Schleching und Sachrang und vergangene Woche erhielt Kreuth am Tegernsee das Siegel. Ende des Jahres wird es 28 Bergsteigerdörfer geben – in Österreich, Südtirol, Slowenien und Bayern. Im Freistaat sollen noch mehr folgen, laut DAV finden intensive Gespräche mit weiteren Kandidaten statt.

Der Charakter

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Was macht ein Bergsteigerdorf aus? Dort hat die Natur Vorrang, Schutzgebiete werden erhalten, Erschließung per Seilbahn ist kein Thema, sanfter Tourismus ist in der Gemeindepolitik kein Fremdwort, Kultur und Brauchtum werden gepflegt. Grundlage ist ein gelungener Dreiklang aus Tourismus, Naturschutz und als Basis die Landwirtschaft.

Dass die Landschaft heute so attraktiv ist, dass es in der Alpenregion wertvollste Biotope und Rückzugsgebiete seltener Pflanzen und Tiere gibt, das liegt an der Almwirtschaft. Die ist allerdings keine Erfindung der letzten paar Jahrhunderte, sondern es gibt Nachweise für Tierhaltung mit Käsereiwirtschaft auf den hochgelegenen Matten, die 4000 Jahre und älter sind. Durch die Arbeit der Bergbauern wurde über die Zeit die Baumgrenze nach unten gedrückt und lichte Almflächen unterbrachen die ansonsten geschlossenen dunklen Bergwälder.

Allerdings bekommt die Idylle immer mehr Risse, denn die Berglandwirtschaft steht mit dem Rücken zur Wand, die Betriebe werden weniger, der Bergwald holt sich immer mehr Almflächen zurück. Der Tourismus bietet den Bauern seit Jahrzehnten die Chance, ein Zweiteinkommen zu erzielen.

Auch Naturschutzprogramme können helfen, die verhängnisvolle Rückentwicklung der Almwirtschaft zu bremsen. Und genau da setzt die Idee Bergsteigerdorf an. Die ganze Gemeinde muss hinter dem Konzept des sanften Tourismus stehen, alte Dorfkultur, Traditionen müssen weitergelebt werden und noch eines: ein klares, letztendlich von allen getragenes „Nein“ zu technischen Großerschließungen.

In Bergsteigerdörfern geht man zu Fuß auf die Berge. In Ramsau stand am Anfang die Entscheidung gegen eine technische Erschließung des Watzmanns, in Schleching und Sachrang wurden, nach jahrelangem, erbittertem Streit die Idee der technischen Erschließung des Geigelsteins begraben, der „Blumenberg“ ist jetzt ein Naturschutz- und Wandergebiet.
 

Ramsau

DAV Foto

Herbert Gschoßmann, Bürgermeister von Ramsau, meint auf die Frage, was sich durch die Auszeichnung „Bergsteigerdorf“ geändert hat: „Eigentlich nichts. Nur, dass die Philosophie, die wir hier schon immer verfolgt haben, jetzt einen Namen hat.“

Und die über 65.000 Gäste und gut 330.000 Übernachtungen zeigen, dass man richtig liegt. Entscheidend ist, dass die Almen offen gehalten werden. Aber auch, dass auf den Almen Brotzeiten mit regionaler Kost zu bekommen sind. So etwa auf der Mordau bei Ramsau, auf der Franz Kuchlbauer sein Milchvieh älpt. Auf dem Hochleger Lattenberg­alm hat er Mastkalbinnen und Mastochsen, die in der regionalen Küche, wie etwa der des Öko-Hotels Rehlegg, auf der Speisekarte stehen.

Auch alte, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen spielen eine Rolle: So züchtet Kuchl­bauer das extrem gefährdete Schwarze Alpenschwein. Auch Renate Aschauer, deren Hof direkt am Eingang zur Wimbachklamm steht, arbeitet mit einer vom Aussterben bedrohten Nutztierart, dem Alpinen Steinschaf. Entscheidend sei: Für den Erhalt der Wirtschaftlichkeit muss der Absatz stimmen. Und so lautet ihr pragmatischer Slogan: „Erhalten durch Aufessen!“

Schleching

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Auch die neuen Bergsteigerdörfer haben sich auf der Grundlage bereits länger bestehender regionaler Aktivitäten entwickelt: So etwa in Schleching im Tal der Tiroler Ache, wo 1999 von den Talgemeinden zusammen mit den Tiroler Nachbarn das Ökomodell Achental institutionalisiert wurde.

Geschäftsführer Wolfgang Wimmer, der selbst gelernter Landwirt ist, erklärt die vier Säulen des Projekts: Sicherung der landwirtschaftlichen Betriebe, verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien aus der Region, Fördern eines naturverträglichen Tourismus und Gewerbes sowie Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft.

Da verwundert es nicht, wenn Bürgermeister Sepp Loferer, selbst Landwirt mit 40 Milchkühen, sagt, dass der Grundstock für ein Bergsteigerdorf eigentlich längst da war. Noch dazu, dass man im Rahmen der Dorferneuerung einen Dorfladen gründen konnte und der Dorfplatz neu gestaltet wurde, so dass die vielen und sehr aktiven Vereine hier ihre Veranstaltungen gebührend durchführen können – Stichwort Tradition. 

Was sich geändert hat, meint Loferer, das sei bedingt durch den Klimawandel, das Wetter: „Nur noch alle zehn Jahre haben wir richtigen Winter, die Zeit des Skitourismus ist vorbei.“ Was allerdings der Renner ist, das ist der Skilanglauf. Da gewährt die Gemeinde ihren Bauern Direktzahlungen für die zusätzliche Arbeit mit dem Zaunauf- und abbau und für die durch die Loipen bedingten Nutzungsausfälle.

Im Dorf selbst, so Loferer, achtet man auf die Nutzung leerstehender Gebäude und für neue Baugrundstücke im Dorf gilt eine Obergrenze von 300 m². Und es geht. Der Kaufwille ist groß und man verdichtet so den Ortskern, stoppt den Flächenfraß an den wertvollen Talflächen und erhält damit für die Bauern wertvolle Produktionsflächen.

Wichtig ist der Erhalt der Almen, hierzu geeignetes Personal für die Bewirtung und vor allem auch für das Freihalten der Flächen zu bekommen. Ein großes Problem aber wird, bedingt durch den Klimawandel,  die Wasserversorgung der Almweiden. Noch gibt es in Schleching 18 Bauern aller Erwerbsformen, dies eine Auswirkung des guten Milchpreises, den die Berchtesgadener Molkerei hier zahlt.

Ein schwieriges Thema sei, so Loferer, die idealisierte Vorstellung von Almwirtschaft, die viele Fremde mitbringen. „Wir sollen die Almen erhalten, aber moderne Maschinen sollen wir nicht einsetzen. Da gibt es heftige Diskussionen“. Das allerdings kann nicht nur Thema der Bergbauern sein. 

Sachrang

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Eben um den Einsatz solcher Technik ging es bei einer Vorführung im benachbarten Bergsteigerdorf Sachrang, auf der westlichen Seite des Geigelsteins. Zusammen mit dem Landschaftspflegeverband wurde hier das Problem der verbuschenden Almflächen deutlich gemacht. Ein Blick über die nahe Grenze auf den  Gegenhang im Tirolerischen zeigte, was eine kräftige gezielte Förderung der Berglandwirtschaft bewirkt. Unsere Bergbauern können nur neidvoll hinüberschauen.

Auch in Sachrang gab es einen Grundstock, auf dem unter anderem das Bergsteigerdorf aufbauen konnte,  und zwar das Sachranger Bergbauernmodell. 2015 gestartet ist dieses mit insgesamt 500.000 € ausgestattete Programm auf fünf Jahre ausgelegt. Ziel ist, Stauden und Adlerfarn auf den Almen zurückzudrängen, um die ursprüngliche Artenvielfalt auf den Bergwiesen zu erhalten.

Vorarbeit dazu hatte schon der aus zwölf Mitgliedern bestehende Bergbauernverein geleistet, der, wie Mitglied Sebastian Pertl berichtet, entstanden ist, um die Tradition des Almabtriebes aufrecht zu erhalten. Wie dringend das Problem Almerhalt ist, zeigt, dass es in Altgemarkung Sachrang nur noch drei Milchbauern gibt. Pertl selbst treibt Mastochsen auf die Alm, die erst nach drei Jahren zum Schlachten kommen – eine sehr begehrte Ware.

Das Grundproblem heutiger Almwirtschaft fasste Peter Pfaffinger, Mitterleiten, bei der Vorführung der Maschinen so zusammen: „Früher haben wir die Flächen fürs Vieh gebraucht, jetzt brauchen wir das Vieh für die Flächen.“ Daher will man in Zukunft dieses Modell über Sachrang hinaus auf die gesamte Gemeinde Aschau ausdehnen.

Ein weiterer Punkt in Richtung Bergsteigerdorf war der von den Bürgern Sachrangs 2010 genossenschaftlich gegründete Dorfladen. Er arbeitet ohne Gewinnabsicht und dient dem Gemeinwohl durch die Sicherung der Nahrungsversorgung.

Heute gibt es nicht nur Bio-Produkte der lokalen Anbieter, inzwischen vermarkten hier auch Tiroler und man arbeitet mit Direktvermarktern in Aschau zusammen. Bürgermeister Peter Solnar aus Aschau meint: „Hier braucht sich keiner zu verbiegen, die Initiativen kommen von den Leuten, weil die Erkenntnis gewachsen ist, wie schön man es hat und dass das erhalten werden muss. Ein ganz großes Plus ist, dass Landwirtschaft und Naturschutz hier zusammen gehören.“ 

Kreuth

Ein wichtiges Kriterium für die Auszeichnung zum Bergsteigerdorf ist der Erhalt von Dorf-Kultur und Tradition. Da kann die Gemeinde Kreuth am Tegernsee, Bergsteigerdorf seit letzter Woche, leicht mithalten. Da wäre die Leonhardifahrt am 6. November, die erstmals im Jahr 1442 erwähnt wurde. Aber auch der große Umzug des Vinzenzi-Vereins, der gegründet wurde, um die Familien verunglückter Holzknechte zu unterstützen.

Da gibt es einen Umzug mit Fuhrwerken zum Thema Holz. Eingespannt werden kräftige Kaltblüter, wie sie auch zu Leonhardi zum Einsatz kommen. „Das ist unsere Art, eine alte Nutztierrasse am Leben zu erhalten“, sagt Rainer Bierschneider vom Handlhof, der selber sieben Noriker hält.

Er hat neben seiner Landwirtschaft Ferienzimmer zur Vermietung. Elf Fleckviehkühe hat er im Stall, für die er jetzt auch einen Laufstall bauen will. Mit dem Milchpreis, den er als einer der 23 Lieferanten der Naturkäserei Tegernseer Land erzielt, ist er zufrieden.

Das Jungvieh kommt auf verschiedene Almen. Direkt hinter Bierschneiders Hof zieht sich eine seiner Wiesen, erst sanft, dann steiler, bis zum Bergwald hinauf. Dort stellt er im Winter einen Seillift und zwei Bügellifte auf, wunderbar für Anfänger. Auch eine Münchner Skischule kam mit ihren Kursen hierher. Als die Schneewinter ausblieben, kam die Forderung nach Schneekanonen. Bierschneider lehnte kategorisch ab. Nun kommt die Skischule eben nur, wenn es Schnee gibt.

Rund 60.000 Touristen kommen jährlich nach Kreuth, noch hat der Ort 15 aktive Landwirte, die Almen sind alle bestoßen und das Ortsbild ist nicht durch Großprojekte verbaut.

Bürgermeister Josef Bierschneider ist zufrieden, sieht aber auch die Verantwortung: „Mit dem Siegel „Bergsteigerdorf“ nehmen wir bewusst die Verpflichtung auf uns, den Schatz, den wir hier mit der herrlichen Landschaft, dem Ortsbild und Brauchtum haben, unversehrt an kommende Generationen weiterzugeben.“

Ab September wird eine Arbeitskraft vom Bauhof abgestellt, um die Wanderwege zu beaufsichtigen, das heißt Auswaschungen sofort angehen und Wege freischneiden. Und der Takt des Bergsteigerbusses wird verdichtet, um den Individualverkehr zwischen Kreuth und den südlichen Ortsteilen, wo viele Wanderwege beginnen, möglichst gering zu halten. Gespräche über Fördermöglichkeiten, für besondere Biotope sind am Laufen. Traditionen pflegen heißt eben nicht die Asche verwalten, sondern die Glut am Leben erhalten.

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