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Landleben

Ein Dorf lebt auf

geilsheim-Schmidt/ Schraeder
Susanne Wittlich
am
11.07.2018

15 Jahre Dorferneuerung haben Geilsheim wieder hübsch gemacht. Der
Ortskern ist ein Blickfang, die Landwirte haben kurze Wege, das Wir-Gefühl ist neu erwacht und plötzlich kommen auch wieder mehr Kinder zur Welt.

Geilsheim_Kitzsteiner_alt

Auf den Punkt genau müssen alle zusammenarbeiten. Im mittelfränkischen Geilsheim (Lks. Ansbach) ist das Backhäuschen eingeheizt, der Ofen ausgeputzt. Jetzt wird das Brot eingeschossen. Die Frauen sausen und kippen ihre Teiglinge aus den Garkörben auf den Schieber. Eine schubst beherzt die Laibe in den Ofen, die großen hinten, die kleinen vorn. Perfektes Zusammenspiel ist nötig. Der Ofen darf nicht zu viel Hitze verlieren. Sonst wird es nichts mit dem selbstgebackenen Bauernbrot.

Geilsheim-Gemeinschaftsmaschinenhalle

Alle fünf bis sechs Wochen sommers wie winters treffen sich Geilsheimer Bürger an ihrem Backhäuschen. Bis das Brot fertig ist, stehen sie beisammen. Sie verzehren Pizza, die vor dem Brot im Ofen war. Wer nichts zum Backen hat, schaut auf einen Ratsch vorbei. Zu besprechen gibt es immer genug.

geilsheim-brotbacken

Sobald das Backhäuschen eingeheizt wird, ist Dieter Schröder dabei. Dem 61-Jährigen liegt viel an seinem Dorf. Dorf und Gemeinschaft sind für ihn untrennbar. Schröder ist Stadtrat und vertritt im vier Kilometer entfernten Wassertrüdingen die Interessen seines Heimatortes. Der schmächtige Mann mit dem grau melierten Schnurrbart ist ein zäher und hartnäckiger Typ. Er hat darum gekämpft, dass Geilsheim in das Bayerische Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen wird.

Gerne in Geilsheim wohnen und leben

Geilsheim-Andreaskapelle innen

Nicht, dass es nicht mehr schön gewesen wäre in dem 500-Seelen-Ort, der sich malerisch in die Landschaft schmiegt. 1981 hatte er die Goldmedaille beim Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen. Doch der Putz bröckelte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends schrumpfte das Dorf. Junge Leute zogen fort, es kamen keine Kinder mehr zur Welt. Die Schule war längst geschlossen, 2004 auch der Kindergarten. Laden, Bäcker, Gastwirtschaft machten dicht, als Letztes die Raiffeisenbank. „Es muss doch einen Grund geben, abends wieder hierher zu kommen – wenn wir schon nach Gunzenhausen, Ansbach oder Dinkelsbühl zum Arbeiten fahren müssen“, dachte sich Schröder.

geilsheim-Meierhuber

Im Ansbacher Baurat Gert Schmidt fand er den optimalen Partner, um die Wiederbelebung anzugehen. Schmidt übernahm den Vorsitz im Vorstand der Teilnehmergemeinschaft Geilsheim II. Der erfahrene Verwaltungsbeamte verstand es, Wünsche beim Amt durchzusetzen und Finanzierungen zu ermöglichen. Durch kluge Moderation beugte er manchem Konflikt unter den Bewohnern vor.

Dem Baurat imponierte von Beginn an die Zielstrebigkeit und der Zusammenhalt der Geilsheimer. „Sie haben es vortrefflich verstanden, die Chancen zu nutzen“, lobt Schmidt. „So engagierte Arbeitskreise sind mir zum ersten Mal begegnet.“

geilsheim-brotbacken2

Aus dem, was vorhanden ist, mehr machen – das war der Weg. Die leer stehende Schule wurde zum Gemeinschaftshaus. 4500 Stunden Eigenleistung brachte die Dorfgemeinschaft ein. Die Geilsheimer rissen unnütz gewordene Wände ein und weißelten die, die stehen geblieben waren. Der Zimmerer des Ortes verlegte den Parkettboden zum Materialpreis, unterstützt von freiwilligen Helfern. Diese bekamen die Woche über den Leim nicht von den Händen, den folgenden Samstag aber traten sie wieder an.

Nutzung statt Leerstand

geilsheim-garten1

Gemeinsam werkeln, schweißt zusammen und bei den Diskussionen im Arbeitskreis lernt man sich richtig kennen. „Das Dorfleben war schon ein bisschen eingeschlafen. Es ist wieder voll erwacht“, stellt Schröder fest. Und mit dem Gemeinschaftshaus gibt es einen Ort, wo man sich zusammenfinden kann. Hier ist genügend Platz für Feste, Veranstaltungen und Treffen der Vereine. Auch die Jugend hat einen eigenen Raum. Nicht zuletzt steht das Backhäuschen hier.

geilsheim-garten2

Schmuckstück der Dorferneuerung ist der Pfarrbuck. Auf dem steilen Erdbuckel in der Ortsmitte thront die evangelische Heilig-Kreuz-Kirche. Sie ist der weithin sichtbare, markante Punkt in der Dorfsilhouette. Für die Geilsheimer ist die Kirche ein Stück Identität. In der Ortsgeschichte nimmt sie eine zentrale Bedeutung ein. Während des Dreißigjährigen Krieges war die Gegend hart umkämpft. Die Schweden schossen das Gotteshaus in Brand. Viele Bewohner, die hier Zuflucht gesucht hatten, kamen um.

Kampf für die Kirche im Dorf

Geilsheim-Andreaskapelle

Einen Kampf anderer Art fochten die Geilsheimer Jahrhunderte später aus: Als vor ein paar Jahren ein Verbund mit zwei Nachbarorten entstehen und die eigene Pfarrstelle gestrichen werden sollten, wehrten sie sich. Sie demonstrierten sogar auf dem Kirchentag. Schließlich willigte die Landeskirche ein, die Hälfte der halben Pfarrstelle aus einem Sonderfonds zu bezahlen. Die andere Hälfte, nämlich 20 000 €, bringen Jahr für Jahr die Geilsheimer selber auf.

Knapp 5 Mio. € kostete das gesamte Maßnahmenbündel. Mehr als die Hälfte davon floss in die Neuordnung der Flur. Ein wichtiges und auch heikles Thema in einem Dorf, in dem noch vergleichsweise viele Landwirte leben. Dieter Meierhuber ist, wie er sich selbst vorstellt, „der Bauer im Dorf“. Einer von vieren. Rund 20 weitere betreiben Landwirtschaft im Nebenerwerb.

Kurze Wege für die Landwirte

210 Rinder stehen im Stall von Meierhuber. Der 58-Jährige ist ein zufriedener, in sich ruhender Mann. Die Auflagen allerdings, mit denen er zu tun hat, regen ihn auf. „Je mehr Tiere ich halte, umso mehr Zeit verbringe ich im Büro“, sagt er. Also hat er seinen Viehbestand reduziert, von 300 auf 210. „Wir haben uns entschlossen, es ruhiger anzugehen.“ Die Flurerneuerung erleichtert ihm das Leben zusätzlich. Nun liegen so gut wie alle seine Felder im direkten Umkreis des Hofs, die Flächen sind größer. Das spart Zeit. Auf den neuen, gut befahrbaren Ringwegen kommt er schnell aufs Feld. In einer der drei neuen Gemeinschaftshallen am Ortsrand stellt er seine Maschinen ab. Meierhuber freut es, dass der Feldertausch ohne Streit vonstatten gegangen ist. Immerhin mussten über 280 Besitzstände verhandelt werden, davon 234 landwirtschaftliche. „Der ganze Prozess rund um die Dorferneuerung hat wie ein Katalysator gewirkt. Den Zusammenhalt hat das enorm nach vorne gebracht“, sagt der Landwirt.

Heuer am 1. August wird das Verfahren abgeschlossen sein. Dann tritt, wie der Beamte Schmidt es formuliert, die „Ausführungsanordnung in Kraft“. Der Vorstand der Teilnehmergesellschaft tagt noch einmal und löst sich dann auf. Hinter Dieter Schröder liegen anstrengende Jahre. „Nervenaufreibend“ sei es gewesen und zeitaufwendig natürlich auch. Doch der Erfolg entschädigt für die Anstrengungen. Seit 2013 steigt die Bevölkerungszahl wieder. 20 Kinder unter zwölf Jahre leben heute im Dorf. Geilsheim wurde geehrt mit dem Sonderpreis für Land- und Dorfentwicklung, Dieter Schröder mit der Staatsmedaille für sein ehrenamtliches Engagement.
Von der Andreaskapelle, der zweiten Kirche in Geilsheim, erzählt man sich folgende Geschichte: Nachdem die Soldaten Napoleons dort gehaust hatten, sollte sie verkauft werden. 300 Gulden bot jemand für den Abriss. Dem Dorf gelang es, das Kirchlein für 100 Gulden selbst zu erwerben und zu erhalten. Bei einer sehr viel späteren Sanierung kamen im Altarraum zarte, mittelalterliche Fresken zum Vorschein.

Es ist gute Tradition in Geilsheim, Altes zu erhalten, Neues daraus zu machen und dann auch noch auf Wertvolles zu stoßen. Seien es Fresken oder ein wieder erwachtes Wir-Gefühl. Susanne Wittlich

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