Login
Wildtier des Jahres

Reh als Allroundtalent und Urgestein

Reh-Wiese-imago74890223h
Dr. Wibke Peters, LWF
am
27.06.2019

Das Reh ist das Wildtier des Jahres 2019 – und in seiner rund 25 Mio. Jahre alten Geschichte hat es vor allem eines bewiesen: Anpassungsfähigkeit.

  • Das Reh ist das Wildtier des Jahres und hat in seiner 25 Mio. Jahre alten Geschichte immer wieder seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt.
  • Ursprünglich lebten die Rehe in dichten Wäldern, mittlerweile besiedeln sie nahezu alle Vegetationsformen.
  • Rehe gehören zu den Trughirschen, haben die früheste Brunftzeit aller heimischen Hirschartigen und ein außergewöhnliches Sozialverhalten.
Das Reh ist das Tier des Jahres 2019 – diese Wahl der Förderer der Deutschen Wildtier Stiftung mag so manchen zunächst überrascht haben. Denn auch wenn das Reh mit seiner Schönheit und Eleganz besticht, ist es für viele Menschen eher kein ungewöhnliches Tier. Man sieht es häufig und jeder kennt es. Betrachtet man jedoch die Lebensweise und Ökologie des Rehs näher, wird man feststellen, dass diese Wildart in der Tat auch durch einige sehr herausragende Eigenschaften geprägt ist.
Das Reh ist der häufigste Vertreter der Familie der Hirsche in Deutschland – und die kleinste heimische Hirschart. Rehe gehören zu den Trughirschen, sie unterscheiden sich von den echten Hirschen hauptsächlich durch den Bau der Gliedmaßen. Das Reh ist ein echtes Allroundtalent und bewährt sich schon seit etwa 25 Mio. Jahren auf der Erde. Vielleicht ist es auch dieser langen Lebensgeschichte zu verdanken, dass die Art Reh so flexibel ist. Zum Vergleich: Der Rothirsch ist erst vor rund 10 Mio. Jahren entstanden.
Noch bis vor 150 Jahren war das Reh in Mitteleuropa vergleichsweise selten – heute haben Rehe ein weites Verbreitungsgebiet und kommen mittlerweile fast lückenlos in ganz Europa und im Mittleren Osten vor. Diese weite Verbreitung deutet darauf hin, dass Rehe keine sehr spezifischen Ansprüche an den Lebensraum und die klimatischen Bedingungen stellen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass Rehe sowohl Tiefebenen als auch Gebirge besiedeln.
Ursprünglich lebte diese Wildart hauptsächlich in dichten Wäldern. An das Leben in gebüsch- und unterwuchsreichen Lebensräumen sind Rehe sehr gut angepasst: Sie haben einen schmalen Brustkorb und ihre Hinterläufe sind länger und kräftiger als die Vorderläufe. Durch diese Keilform können Rehe mit weiten Sätzen über kurze Distanzen flüchten und effektiv in die nahe Deckung schlüpfen.
Trotz der ursprünglichen Lebensweise im Unterholz ist das Reh enorm anpassungsfähig. Mittlerweile besiedelt es alle Vegetationsformen von offenen, fast deckungslosen landwirtschaftlichen Flächen, über Heckenlandschaften und Wälder bis hin zu Gärten und Parks. Sie bevorzugen Strukturreichtum – insbesondere hohe Waldrandanteile sind sehr attraktiv. Stickstoffeinträge der Landwirtschaft erhöhen in diesen Mosaiklebensräumen zusätzlich die Produktivität der Standorte, denn es wachsen hier vermehrt die bei den Rehen beliebten stickstoffhaltigen Pflanzen.
Wie alle Hirscharten gehören Rehe zu den Wiederkäuern. Im Gegensatz zu Rot- und Damhirsch bevorzugen Rehe jedoch eher leicht verdauliche Nahrung. Aber auch hier sind sie erstaunlich flexibel. Sie sind eben nicht ausschließlich auf hochenergiereiche Pflanzenteile angewiesen, sondern sehr robuste Nutzer der üppigen Nahrungsbasis, die unsere Kulturlandschaft bietet.

Rehe machen’s anders

Rehe haben die früheste Brunftzeit aller heimischen Hirschartigen. In Deutschland findet sie etwa von Mitte Juli bis Mitte August statt (Rot- hirschbrunft: September/Oktober). Auch das Sozialverhalten der Rehe ist außergewöhnlich, denn bereits Wochen zuvor – ungefähr ab Mai – markieren Rehböcke ihre Reviere und verteidigen sie gegen Eindringlinge. Ein solches Territorialverhalten ist unter den anderen Hirschartigen in Europa, welche zumeist im Rudelverband leben, einzigartig.
Erstaunlicherweise beginnt die Brunftzeit recht kurz nachdem die weiblichen Tiere gesetzt haben – etwa 65 Tage nach der Geburt ihres Kitzes. Diese frühe Brunft wird durch die sogenannte verlängerte Keimruhe ermöglicht, denn nach der Paarung entwickelt sich das befruchtete Ei erst ab Dezember. Durch diese biologische Anpassung kommen die Rehkitze im darauffolgenden Mai und Juni zur Welt – also zu einer ähnlichen Zeit wie die Jungtiere anderer Schalenwild- arten. In dieser warmen und vegetationsreichen Zeit haben die Jungtiere die besten Überlebenschancen.
Zum einen gehören die Rehe zu den Gewinnern in unserer Kulturlandschaft – zum anderen gibt es aber auch Konflikte mit dem Menschen. In Wald-Feld-Landschaften bevorzugen die adulten Tiere wegen des hohen Nahrungspotenzials die Grünland- und Feldfutterbauflächen als Lebensraum. So wird ein Großteil der Kitze auf diesen vom Menschen landwirtschaftlich genutzten Flächen gesetzt. Hier finden die Jungtiere mehr Schutz vor natürlichen Fressfeinden – es tut sich aber auch eine neue Gefahr auf: Die Grünlandmahd.

Das Problem der Mahd

Insbesondere in den ersten sechs bis acht Lebenswochen drücken sich die weitgehend geruchslosen Kitze bei Gefahr fest auf den Erdboden und vertrauen dann auf ihre Tarnung. Durch dieses Verhalten können Kitze effektiv natürliche Feinde meiden. Anders sieht es mit den Mähwerken aus: Der erste und meist auch der zweite Grünlandschnitt überlappt sich mit der Setzzeit der Kitze und ihren ersten Lebenswochen. Die Gefahr von nahenden Arbeitsmaschinen mit Kreiselmähwerken wird von den Kitzen nicht erkannt – und für die Fahrer sind die versteckten Rehkitze so gut wie unsichtbar. Laut Literatur verenden deutschlandweit rund 100 000 Rehkitze jährlich, weil sie von landwirtschaftlichen Maschinen erfasst werden. Dem lässt sich durch vorheriges Absuchen der Wiesen mit Helfern und/oder Drohnen, den Einsatz von Vergrämungssystemen oder durch die Wahl eines späteren Mähtermins vorbeugen.

Verbiss im Wald

Für Konflikte mit der Forstwirtschaft sorgen die Ernährungsvorlieben des Rehs: Da Rehe bevorzugt leicht verdauliche Nahrung zu sich nehmen, weichen sie insbesondere im Winter gern auf die nahrhaften Knospen von Tanne oder Eiche aus, während Fichte oder Kiefer kaum verbissen werden. Dadurch können Rehe einen massiven Einfluss auf die Entwicklung der jungen Waldbäume ausüben. Je nach Intensität des Verbisses kann dies die natürliche Verjüngung des Waldes erschweren oder die Erhaltung bzw. Förderung wertvoller Mischbaumarten unter Umständen ganz verhindern.
Als Konsequenz wird mit der Bejagung vielerorts versucht, diesen Einfluss so zu steuern, dass eine natürliche Verjüngung der Wälder mit standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne teure und aufwendige Schutzmaßnahmen möglich ist. In Deutschland werden jährlich weit über 1 Mio. Rehe erlegt.

Standorttreue trifft nicht generell zu

Die Untersuchung des Raumnutzungsverhaltens von Wildarten stellt eine wichtige Information zum innovativen Wildtiermanagement dar. So kann es wichtig sein zu verstehen, wie Wildtiere im Raum verteilt sind und wie sich ihre Bewegungsmuster in Abhängigkeit von bestimmten Faktoren verändern. Wie bei allen Wildtieren wird die Raumnutzung des Rehs hauptsächlich durch seine Nahrungsbedürfnisse, Gefahrenvermeidung und sein Sozialverhalten bestimmt.

Rehen wird häufig eine hohe Standorttreue zugesprochen. Tatsächlich spiegelt sich jedoch seine enorme Flexibilität auch in der Variabilität der Bewegungsmuster wider.

Die folgenden Ergebnisse stammen aus Veröffentlichungen, welche im Rahmen der Eurodeer-Kooperation (www.eurodeer.org) entstanden sind. Dieser Forschungsverbund besteht aus über 30 europäischen Institutionen, welchen auch die LWF angehört.

Viele Menschen werden wohl im Zusammenhang mit dem Begriff Tiermigration an die großen Wanderungen von Gnus oder Thomson- Gazellen denken. Interessanterweise sind Wanderungen zwischen saisonalen Streifgebieten aber auch bei unseren heimischen Schalenwild- arten nicht so ungewöhnlich. Bei fast allen Populationen wandert nur ein Teil zwischen Winter- und Sommereinstand, während einige ganzjährig im gleichen Einstand verweilen.

Auch beim Reh gibt es Individuen, welche klassische Wanderungen zwischen Sommer- und Wintereinstand durchführen. In einer Studie, die GPS-Satellitentelemetriedaten von über 250 einzelnen Rehen in zehn Untersuchungsgebieten umfasst, wurde deutlich, dass es große Unterschiede zwischen den Untersuchungsgebieten hinsichtlich der Wanderwahrscheinlichkeit und des Zeitpunkts gibt. So wandern zum Beispiel in Frankreich in einem Gebiet mit geringeren jahreszeitlichen Schwankungen weniger Rehe zwischen Winter- und Sommereinstand, während in den Alpen oder im hohen Norden unter sehr anspruchsvollen Klimabedingungen mehr Rehe saisonal wandern. Die höchste Wanderwahrscheinlichkeit zeigten Rehe in einem Gebiet in den Dolomiten. Hier blieben nur ca. 30 % aller Rehe ganzjährig im selben Einstand.

Unter den Individuen, die gewandert sind, wurden auch die Wanderungszeitpunkte der männlichen und weiblichen Rehe verglichen. Im Frühjahr konnten jedoch keine Unterschiede festgestellt werden. Die Motivation bei der Frühjahrsmigration ergibt sich aus der Schneeschmelze und dem Ergrünen der Vegetation. Die Rehgeißen versuchen die frische und proteinreiche Nahrung aufzunehmen, ihre Kitze in den Sommereinständen zu setzen und optimal mit fettreicher Milch zu versorgen. Die Böcke hingegen bemühen sich schnellstmöglich ihre Territorien zu besetzen.

Im Herbst wird die Rückwanderung vom Sommer- in den Wintereinstand von der abnehmenden Lebensraumqualität bestimmt. Die weiblichen Rehe wandern im Durchschnitt früher als die Böcke zurück zu ihren Wintereinständen. Die Geißen verlassen den Sommereinstand, sobald sich die Witterung verschlechtert – möglicherweise um ihre Kitze nicht den harschen Bedingungen auszusetzen. Böcke hingegen verweilen in den Sommereinständen so lange wie möglich, vermutlich in der Hoffnung, dort überwintern zu können und ihre Territorien auch im nächsten Jahr zu halten.

Auch interessant