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Soziale Landwirtschaft

Es tut der Seele gut

Mann am Hochbeet
Elisabeth Jahrstorfer
am
19.10.2017

Arbeit, Beschäftigung und Wohnen - das bietet die Soziale Landwirtschaft Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Ein Konzept, das beiden Seiten nützt. Welche verschiedenen Möglichkeiten es gibt und worauf zu achten ist, lesen Sie hier.

Mann am Hochbeet

Ein Bauernhof ist ein besonderer Ort. Denn dort werden nicht nur Nahrungsmittel produziert. Ein Bauernhof steht zudem für eine Lebensform, die unsere Gesellschaft sonst so nicht bietet: Leben und Arbeiten in und mit der  Natur,  abwechslungsreiche Tätigkeiten, Umgang mit Tieren,  regelmäßige Tagesstruktur, nicht selten eine Großfamilie. All das sind Aspekte, die erden und der Seele gut tun.

Und genau das brauchen ganz besonders Menschen, die in einer rein leistungsorientierten Gesellschaft keinen Platz finden: Personen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, mit sozialen und psychischen Problemen, mit Suchter-krankungen, Lernschwächen oder sozialen Eingliederungsproblemen sowie Langzeitarbeitslose. All diese Gruppen – von Kindern bis zu  Senioren – können vom Aufenthalt auf dem Hof in unterschiedlicher Weise profitieren, ihr Befinden und ihre Entwicklung verbessern.

Der Hof bietet viele therapeutische Aspekte

Antonie Huber, die am Institut für Betriebswirtschaft und Agrarstruktur der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft für den Bereich Diversifizierung und Haushaltsleistungen zuständig ist, hat die wichtigsten Nutzen zusammengefasst:

  • Integration in die Familien und ein Arbeitsalltag mit einer festen Tagesstruktur
  • Erwerb und Erhalt von Alltagskompetenzen
  • Sammeln von Natur- und Sinnes-erfahrungen
  • Die Möglichkeit, sich sinnvoll zu beschäftigen
  • Förderung von Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit
  • Die Möglichkeit, zum (Wieder-)einstieg ins Arbeitsleben
  • Therapie und Rehabilitation sowie
  • Resozialisierung

Diese Zusatznutzen der Landwirtschaft haben Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, schon lange erkannt. Nicht von ungefähr gibt es eine Reihe von Behinderteneinrichtungen auf Höfen wie z. B. den Münsinghof in Mittelfranken oder die landwirtschaftlichen Betriebe der Regens-Wagner-Stiftungen. Psychiatrischen Einrichtungen war früher oft eine Landwirtschaft angeschlossen. Auch die Justizvollzugsanstalt in Bernau am Chiemsee betreibt einen Bauernhof.

Landwirtschaftliche Familien haben im Grunde ebenfalls immer Menschen mit Behinderungen und Lernschwächen Wohnung, Arbeit und Brot gegeben und sie so gefördert. Oft waren es Personen aus der näheren Umgebung oder aus dem Familienumfeld, die einfache Arbeiten verrichtet haben und so in die Gemeinschaft integriert waren.

Die Möglichkeiten sind extrem vielfältig

Frauen streichen Zaun

Erweitert um andere Bereiche fasst man die vielfältigen Angebote unter dem Begriff  „Soziale Landwirtschaft“ zusammen. Diese reichen von der Annahme von Pflegekindern über die  Beschäftigung ehemals Drogensüchtiger bis hin zur Seniorenwohnge-
meinschaft. Dabei ist der Bauernhof heute entweder nur ein Ort des Wohnens, der Beschäftigung, Betreuung, hauswirtschaftlichen Versorgung oder Therapie oder eine Kombination dieser Leistungen. Auch Lern- und Freizeitangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen sind möglich. Hier gibt es  eine Schnittstelle zu den erlebnisorientierten Angeboten, wie sie manche Betriebe für Kinder und Schulen umsetzen. Manche der Leistungen sind erst in Zusammenarbeit mit einer Sozialeinrichtung möglich. Je nach Angebotsform kann sich die Aufenthaltsdauer auf dem Bauernhof von einigen Stunden bis zu mehreren Jahren erstrecken.

Wichtig ist, dass der landwirtschaftliche Betrieb mit dem Angebot auch ein Einkommen erzielt. Dies ist möglich über Vermietung oder das Erbringen einer Dienstleistung. In anderen Fällen ist die Gegenleistung für Unterkunft und Verpflegung die Arbeitsleistung des Klienten. Die Kosten übernehmen die Nutzer selbst oder die öffentliche Hand. Außerdem kann Einkommen auch über eine Aufwandsentschädigung durch eine kooperierende Sozialeinrichtung erwirtschaftet werden.

Der Betriebszweig soll ausgebaut werden

Waldarbeit

„Dem  Bayerischen Landwirtschaftsministerium ist es ein großes Anliegen, diesen Betriebszweig auf bayerischen Höfen zu unterstützen, zu entwickeln und zu fördern“, betont Huber. Aus diesem Grund gibt es in jedem Regierungsbezirk Bayerns inzwischen eine Beraterin oder einen Berater, die Interessierten dabei helfen, das passende Angebot für den Betrieb zu finden, und sie beim Einstieg und Betreiben der Einkommenskombination unterstützen. Noch ist die Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe in Bayern mit einem Angebot in Sozialer Landwirtschaft gering. Laut einer Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2014 sind 61 Familienbetriebe bekannt. Dem gegenüber stehen 130 soziale Einrichtungen, denen eine Landwirtschaft angeschlossen ist. „Soziale Landwirtschaft ist eine Einkommensnische. Entscheidend ist, welche Ressourcen der Betrieb hat“, betont Antonie Huber.

Voraussetzungen, die der Hof haben muss

Welche Angebotsform für einen Betrieb interessant ist, hängt von drei Faktoren ab. Vom Umfang an

  • freier Arbeitskapazität,
  • einsetzbarem Kapital,
  • vorhandener leerer, gut erhaltener Bausubstanz.

Wer Zeit hat, aber weder Kapital noch geeignete Gebäude, für den sind Pflegekinder, betreutes Wohnen in Gastfamilien oder betreutes Einzelwohnen in der Jugendhilfe geeignete Angebotsformen. Wer verfügbare Räumlichkeiten und vorhandenes Kapital hat, aber wenig freie Arbeitskapazität, für den eignen sich z. B. Seniorenhausgemeinschaft, Seniorenwohngemeinschaft und Bauernhof-Kindergarten als Vermietungsobjekt.
Wer eine gute Bausubstanz, Kapital und freie Arbeitskapazitäten hat, kann z. B. Betreutes Wohnen von Senioren oder einen Bauernhof-Kindergarten anbieten.

Manchmal ergeben sich auch Schnittstellen zu bereits vorhandenen Einkommenskombinationen oder Betriebszweigen, z. B.

  • ein Pferdehof, der tiergestützte Therapie anbietet,
  • ein Hof mit Alpakazucht und Produktvermarktung, wo die Alpakas als Therapietier für geistig behinderte Kinder eingesetzt werden,
  • ein Betrieb mit erlebnisorientierten Angeboten, der spezifische Angebote für benachteiligte Personengruppen anbietet oder
  • Urlaub auf dem Bauernhof-Betriebe, die sich auf Betreuungs- und Pflegebedürftige mit ihren Angehörigen spezialisieren.

Eine weitere Form der Sozialen Landwirtschaft ist es, einen Arbeitsplatz auf dem Hof anzubieten, z. B. in der Drogentherapie oder als ausgelagerter Arbeitsplatz einer Werkstatt für behinderte Menschen. Dies ist interessant für Betriebe, auf denen regelmäßig einfache Tätigkeiten anfallen, z. B. Biohöfe, Betriebe mit Landschaftspflege, Gemüseanbau und Tierhaltung.
Geld zu verdienen und seine Fähigkeiten und Qualifikationen einsetzen zu können sind wichtige Aspekte der Sozialen Landwirtschaft. Ein anderer sind die wertvollen und tiefen menschlichen Erfahrungen, die die landwirtschaftliche Familie damit machen kann. Trotzdem muss die Familie sich einen Einstieg in die Soziale Landwirtschaft natürlich gut überlegen, insbesondere wenn es sich dabei um langfristige Entscheidungen handelt. Das ist allerdings in anderen Bereichen der Landwirtschaft nicht anders.

Den vollständigen Artikel und weitere Fakten zur Sozialen Landwirtschaft lesen Sie im aktuellen Wochenblatt (Heft 42/2017) auf den Seiten 58-60.

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