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Digitalisierung

Mitten in der Revolution

Feldroboter für Mäh und Pflanzenschutzarbeiten in Dauerkulturen
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Hans Dreier, Wochenblatt
am
02.02.2018

Beim Kongress Farm & Food wurde über Fehlschläge und neue Ansätze der Digitalisierung in der Land- und Ernährungswirtschaft diskutiert: Wie es darum steht, erfahren Sie hier.

Landwirt Otto Bauer sitzt noch am Frühstückstisch, als draußen am Hof schon die Arbeit beginnt. Zwei Drohnen steigen auf und fliegen raus auf die Weizenfelder des Ackerbaubetriebes. Die Fluggeräte surren auf einer vorgegebenen Flugbahn über den Bestand, scannen mit Kameras und Sensoren die bereits im Schossen befindlichen Weizenpflanzen ab und senden die Daten online an Bauers Bürorechner, der sofort Alarm schlägt: Auf mehreren Teilstücken ist der Weizen mit der Krankheit Septoria tritici befallen.
Alle Teilstücke, auf denen die Schadschwelle bereits überschritten ist, werden sofort an die Pflanzenschutzspritze gemeldet, die in der Maschinenhalle bereits zum Einsatz bereitsteht. Nach dem Frühstück fährt Otto Bauer mit der Spritze los, auf dem Monitor in seiner Schlepperkabine werden ihm die befallenen Teilstücke angezeigt, die er nun gezielt anfährt und mit einem Pflanzenschutzmittel behandelt. Nur dort, wo es wirklich nötig ist.
So sieht der Chef von Bayer Crop­Science Deutschland, Dr. Helmut Schramm, die Zukunft des Pflanzenbaus. Er ist nicht der Erste mit dieser Vision. An der Verwirklichung dieses Traums müht sich eine große Schar von IT-Experten nun schon seit mehr als zwanzig Jahren ab. Immer neue Anläufe wurden gemacht, die immer wieder im Sande verlaufen sind.
Bayer CropScience will die Vision jetzt endlich in die Realität umsetzen und den Landwirten praxisgerechte Lösungen anbieten. Auf dem Digitalkongress Farm & Food 4.0 in Berlin kündigte Schramm an, dass seine Firma noch heuer zwei völlig neue Softwareangebote auf den Markt bringen werde, die den Pflanzenschutz durch digitales Wissen optimieren:
Die App XarvioScouting erkennt mithilfe von Sensoren, Wetter- und Satellitendaten Krankheiten und Unkräuter auf den Feldern.
Der XarvioFieldmanager bestimmt daraus den optimalen Zeitpunkt für Pflanzenschutzmaßnahmen und erstellt digitale Feldkarten, wenn nur Teilflächen behandelt werden müssen.
An der Entwicklung dieser Anwendungen arbeiten seit 2014 mehr als 100 Mitarbeiter der Tochterfirma Bayer Digital Farming, die laut Schramm für die vollständige Umsetzung bis zum Jahr 2020 ein Budget von rund 200 Mio. € zur Verfügung haben. Schramm hofft, dass die hohen Investitionen endlich den erhofften Nutzwert für die Landwirte bringen werden. Die Landwirte könnten mit dem neuen Angebot nicht nur ackerbauliche Probleme lösen und Kosten sparen, sondern auch gegenüber der Gesellschaft darlegen, dass man es mit dem integrierten Pflanzenschutz ernst meint.
Um die Akzeptanz bei den Landwirten sicherzustellen, sollen die digitalen Dienste der Marke Xarvio herstellerneutral als offenes System angeboten werden. Der Landwirt sei also nicht an Pflanzenschutzmittel von Bayer gebunden. Die von der Software gegebene Beratungsempfehlung entstehe mithilfe neutraler Berechnungsmodelle. 

Kommt nach dem Hype jetzt der Kater?

Mit seinen hohen Investitionen in die digitale Landwirtschaft liegt Bayer CropScience voll im Trend der vergangenen Jahre. Im Jahr 2014 haben Finanzinvestoren 4,89 Mrd. Dollar Risikokapital in junge Firmen (Start­ups) investiert, die Innovationen für die Land- und Ernährungswirtschaft entwickeln. Im Jahr 2015 schoss sich die Investitionssumme auf 8,3 Mrd. Dollar hoch. Im Fokus der Investoren lagen dabei vor allem Startups aus den Bereichen Präzisionslandwirtschaft: von Drohnen bis zu BigData-Anwendungen.     
Doch im Jahr 2016 kam es zu einem Einbruch bei den Investitionen, die auf 6,9 Mrd. Dollar absackten. Der Verfall der Weltmarktpreise für Agrargüter, der die Landwirtschaft weltweit in eine Einkommenskrise stürzte, die bis heute anhält, hat offenbar bei vielen Investoren zu Zweifeln an einer weiterhin dynamischen Entwicklung und Modernisierung der Landwirtschaft geführt.   
 „Der Hype um die digitale Landwirtschaft ist erst einmal vorbei“, konstatierte Dr. Mila Kletsky von der Beratungsfirma Picking Alpha. Umfragen in den USA hätten gezeigt, dass bei den Landwirten derzeit das Thema Nummer eins die Senkung der Produktionskosten sei. Bei den US-Landwirten herrsche die einhellige Meinung vor, dass es schwierig sei, noch Gewinne zu erzielen. Die schlechte wirtschaftliche Situation wirke sich ganz entscheidend auf die Kaufentscheidungen der Landwirte aus. Einige Investmentgesellschaften in den USA hätten deshalb weitere Investitionen in die Agrartechnologie bereits gestoppt.

 

Niemand fragt offenbar die Landwirte selbst

Es mache sich zudem die Ansicht breit, so Dr. Kletsky auf der Farm & Food 4.0, dass sich im Bereich der Agrartechnik eine Technologieblase entwickelt habe, die völlig an den Bedürfnissen der Landwirte vorbeigehe. Vielen Entwicklern fehle der Draht zu den Landwirten und ihren wirklichen Problemen. „Bei der Digitalisierung der Landwirtschaft mischen zu viele Unternehmen mit, die zu wenig oder gar nichts von den Bedürfnissen der Landwirte und der Landwirtschaft wissen“, kritisiert Remi Schmaltz, Vorstand der kanadischen Firma Decisive Farming. Aaron Magenheim, Vorstand der Firma AgTech Insight, Kalifornien, drückt es noch drastischer aus: „Wenn die innovativen Entwickler weiter an den Bedürfnissen der Landwirte vorbeiarbeiten, wird die Technologieblase platzen“.     
Ein Blick auf die Finanzierungen im Bereich Agrarinnovationen zeigt, dass die Luft längst raus ist. Schon im vorigen Jahr haben die Geldgeber radikal umgeschichtet: Weg vom Agrarbereich, hin zum Lebensmittelsektor. Nicht mehr die digitale Landwirtschaft steht im Fokus, sondern die Digitalisierung des Ernährungssektors. Fast zwei Drittel aller Investitionen flossen 2017 in Start-ups, die innovative Lösungen für digitale Food-Marktplätze, E-Restaurants und den digitalen Lebensmitteleinzelhandel entwickeln.

Rausfinden, was der Kunde wirklich will

Vor der Gefahr, dass innovative Projekte schnell zur Kostenfalle werden, warnte auch Prof. Olaf Plötner von der European School of Management and Technology. Viele digitale Produkte seien zu komplex und scheitern, weil die Anforderungen an Mensch und Technik zu hoch sind.
Wie riskant es ist, die Bedürfnisse der Kunden nicht zu kennen oder falsch einzuschätzen, konnte auch Daniel Kraus bestätigen, der Mitbegründer der Firma Flixbus ist. Nach der Öffnung des Marktes für Fernbusverbindungen stiegen zahlreiche Wettbewerber in den Personentransport ein, darunter große Player wie die Deutsche Bahn und die Deutsche Post, die allesamt inzwischen ihr Busgeschäft wieder eingestellt haben. „Der Fehler der Großen war, dass die Kunden sich nach ihrem Angebot richten sollten“, so Kraus. „Wir dagegen haben unser Angebot nach den Wünschen der Kunden ausgerichtet, die nicht nur umweltfreundlich und kostengünstig reisen wollen, sondern im Bus großen Wert auf Internet samt Stromanschluss legen“. Entscheidend für das Erkennen der Kundenwünsche ist laut Kraus auch das hauseigene Softwaresystem. Kraus: „Nur wer weiß, was im Betrieb und bei den Kunden passiert, hat Zukunft.“   

Eine Datenkette für die Lieferkette

Die Kunden in den Vordergrund stellen und alles dafür tun, dass das Vertrauen der Kunden nicht enttäuscht wird, ist auch das Geschäftsmodell der in Paris ansässigen Firma Connecting Food, die beim Thema Lebensmittelsicherheit völlig neue Wege geht. Um die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln vom Verbraucher bis zum Landwirt sicherstellen zu können, sind in den vergangen Jahren zahlreiche Qualitätssicherungssysteme eingeführt worden. Das Problem: Auf den einzelnen Stufen der Lieferkette kommen oft verschiedene Kontrollsysteme zum Einsatz. Jede Stufe ist für sich zertifiziert, ein Datenaustausch zwischen den Stufen aber nur schwer möglich.
Das heißt: Zwischen den Stufen werden derzeit nur Zertifikate weitergereicht, die bestätigen, dass der Betrieb entsprechend der Vorgaben produziert. Die Produktionsdaten selbst bleiben aber beim jeweiligen Betrieb. Um die Sicherheit in der Kette zu garantieren, sind ständige Audits und Kontrollen durch eine zentrale Organisation notwendig.
„Wir wollen weg von diesem zentralen System“, sagte Britt Kritzler von Connecting Food. Mit der neuen Blockchain-Technologie steht uns ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem wir den Datenfluss zwischen den verschiedenen Stufen der Lebensmittelkette digital und fälschungssicher gestalten können. Blockchain bedeutet, dass einzelne digitale Datenblöcke zu einer Kette verbunden werden.
Am Beginn einer Blockchain könnten beispielsweise die Produktionsdaten einer Partie Mastschweine stehen, die der Landwirt während der Mast in einer speziellen QS-Software erfasst hat: vom Einstalldatum, über die verwendeten Futtermittel bis hin zu Behandlungen mit Arzneimitteln. In dieser QS-Software sind auch alle Informationen gespeichert, die im Rahmen der Qualitätssicherung vom Landwirt zugesichert werden, vom Platzangebot  bis zum Holzspielzeug. Aus dieser Software kann am Mastende per Knopfdruck ein Datenblock erstellt werden, in dem alle diese Informationen nach einem bestimmten Schema wie an einer Kette aufgereiht sind.
Diese „Datenkette“ übergibt der Landwirt an den Schlachthof, der die Kette mit seinen eigenen QS-relevanten Daten rund um die Schlachtung ergänzt und anschließend an den Zerlegebetrieb weiterleitet, bis die immer länger werdende Kette irgendwann beim Verbraucher landet, beispielsweise in Form einer auf der Verpackung aufgedruckten Nummer. Diese Nummer wäre dann der Schlüssel, mit dem der Kunde über eine Handy-App die gesamte Produktionskette zurückverfolgen könnte.

Datentransparenz in Echtzeit

Britt Kritzler ist überzeugt, dass die Land- und Ernährungswirtschaft mit einer solchen „Datentransparenz in Echtzeit“ das verloren gegangene Vertrauen vieler Verbraucher wieder zurückgewinnen könne. Die Blockchain biete die einzigartige Möglichkeit, Daten fälschungssicher ohne eine vermittelnde Stelle auszutauschen.
Eine solche unternehmensübergreifende Transparenz wäre in der Tat eine Revolution. Denn sie beruht darauf, dass alle Beteiligten ihre Daten offenlegen und jedermann zugänglich machen. Gerade in der Landwirtschaft galt bisher  jedoch die Parole, dass die Daten dem Landwirt gehören. „Der Datenschutz ist für die Akzeptanz digitaler Prozesse von elementarer Bedeutung“, findet Andreas Rickmers, Vorstandsvorsitzender des Agrarhandelsunternehmens Agravis. Die Daten seien Eigentum des Landwirtes und nur der Landwirt bestimme, was damit geschehe.
Dass jeder Landwirt selbst die Wahl haben muss, welche Daten er freigibt, daran hält auch Dorothee Töreki, Zukunftsforscherin bei der Firma IBM fest. Die Frage wird jedoch sein, ob man sich künftig dem Trend nach voller Transparenz entziehen wird können. Auf die Frage „Wo wird das alles aufhören?“ hat die IBM-Frau eine klare Antwort: „Es hat eben erst begonnen!“

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