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Molkereien

Schafhaltung - die Vermarktung selbst übernommen

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Patrizia Schallert
am
22.11.2018

Genossenschaft der Weizer Schafbauern lockt Kunden mit Erlebniskäserei.

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Obergreith/Steiermark Kauf dir einen Kaiser, hieß es im Mittelalter bei den Fuggern. Kauf dir eine Molkerei, dachten sich 40 Schafbauern im Bezirk Weiz, nachdem sie ihre Molkerei im Stich gelassen und die Milchlieferverträge aufgrund von Absatzschwierigkeiten gekündigt hatte. Heute betreiben die 300 Mitgliedsbetriebe der Weizer Schafbauern eGenmbH ihre eigene Molkerei in Obergreith und ihre Schafmilchprodukte verkaufen sich bestens. „Inzwischen vermarkten wir unseren Schafkäse und unser Lammfleisch nicht nur über unseren eigenen Shop, sondern auch in österreichischen Supermärkten und an die Gastronomie“, sagt Karina Neuhold, seit 2010 Obfrau der Schafbauerngenossenschaft.

Jahrzehntelange Arbeit führt zum Erfolg

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Der Erfolg der Weizer Schafbauern kam nicht über Nacht. „Da steckt jahrzehntelange intensive und harte Arbeit dahinter und viele Berufskollegen dachten, dass die Genossenschaft ohnehin den Bach runter geht“, sagt Karina Neuhold, deren Schwiegervater Johann als „Vater“ der Genossenschaft gilt. Er erkannte bereits vor mehr als 30 Jahren das Potenzial der Schafzucht, die hervorragend zur kleinstrukturierten Landwirtschaft und den teils steilen Flächen im Naturpark Almenland in der Oststeiermark passt.
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Auf Initiative von Johann Neuhold schlossen sich 1986 mehrere Schafbauern aus der Gemeinde Naas zusammen, kauften einen kleinen Sammeltankwagen und lieferten ihre Milch an die Molkerei Berglandmilch in Voitsberg. In der Folge stellten immer mehr Landwirte auf Milchschafe um, sodass der lose Zusammenschluss bald jeweils 20 Voitsberger und Weizer Betriebe umfasste.
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Die Molkerei sah sich jedoch von der steigenden Schafmilchmenge überfordert und kontingentierte sie, um Absatzprobleme zu vermeiden. Schließlich kündigte Berglandmilch 1995 die Lieferverträge. „Das war das Ende des losen Zusammenschlusses der Schafbauern“, erinnert sich Karina Neuhold.
Doch einfach das Handtuch zu werfen, kam für die Schafbauern nicht infrage. Ein Jahr später kauften 40 von ihnen ein Gebäude der Weizer Molkerei und gründeten die Genossenschaft „Weizer Schafbauern“. Die Voitsberger Berufskollegen, denen offenbar der Mut zu diesem neuen Projekt gefehlt hatte, blieben außen vor.
Die größte Herausforderung in der Schafmilchproduktion ist die Vermarktung der Lämmer. „Die Gesellschaft hatte viele Vorurteile gegenüber dem Lammfleisch“, erklärt Neuhold. „Während und nach dem zweiten Weltkrieg galt Lamm- und Schaffleisch als minderwertig. Das ist bis heute in vielen Köpfen.“
Die Weizer Schafbauern hatten das Problem der Lämmervermarktung bereits vor der Genossenschaftsgründung erkannt. Von 1991 bis 1996 versuchten sie auf der jährlich stattfindenden Grazer Messe mit einem Lammfleischgrillstand der Bevölkerung das Lammfleisch schmackhaft zu machen. „Wir mussten vor allem die Fleischhauer und Gastronomen von der hohen Qualität und dem guten Geschmack des Lammfleisches überzeugen. Bereits während der ersten Messe 1991 haben wir das gegrillte Fleisch von 100 Lämmern verkauft und zahlreiche Fans gewonnen, die in den Folgejahren allein wegen unseres Grillstands auf die Messe gekommen sind.“
Überzeugungsarbeit galt es auch in der Gastronomie zu leisten. Als dies gelungen war, schaffte die Genossenschaft vor zehn Jahren einen Kühlwagen an, mit dem sie ihr Lammfleisch zu den Gastronomen bis in die Thermenregion und nach Wien transportiert. Hilfreich für die Vermarktung war 2007 die Aufnahme der Region in den Verein Genuss Region Österreich, an der Karina Neuhold maßgeblich beteiligt war. Unter der Marke „Genuss Region Weizer Berglamm und Schaf“ arbeitet die Genossenschaft intensiv mit „GenussWirten“ zusammen.

Mähh hält die Verbraucher bei Laune

Nachdem der Molkereistandort in Weiz nicht mehr zeitgemäß war und die Lage in der Stadtmitte keine Erweiterung zuließ, kaufte die Genossenschaft im benachbarten Obergreith ein 4000 m² großes Grundstück. Mit einem Investitionsvolumen von rund 4 Mio. € wurden auf eineinhalb Ebenen 1000 m² Fläche verbaut. Unter der Produktmarke „Mähh“ hat das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren das Sortiment von ursprünglich drei Käsesorten auf 40 verschiedene Produkte ausgeweitet. „Es ist immer wieder eine Herausforderung, die Verbraucher bei Laune zu halten“, betont Neuhold. „Deshalb haben wir Produkte mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen im Angebot.“

Erlebniskäserei eröffnet

Im vergangenen Jahr eröffneten die Weizer Schafbauern ihre Erlebnis- und Schaukäserei, die seither rund 4500 Besucher angelockt hat. Den Kunden werden Führungen durch Produktions- und Reiferäume, Verkostung und in mehreren Stationen die wichtigsten Infos rund ums Schaf geboten. „Am neuen Standort haben wir bereits im ersten Jahr nach der Eröffnung 13 Prozent mehr Umsatz erzielt als in Weiz“, freut sich Genossenschaftsgeschäftsführer Josef Fuchs. Der Jahresumsatz beläuft sich auf 3 Mio. €. 26 Angestellte arbeiten in Obergreith in der Produktion, im Verkauf, Büro, Marketing und Qualitätsmanagement. „Josef Fuchs hat viele Jahre im Handel gearbeitet“, sagt Karina Neuhold. „Er weiß, wie der Handel tickt und wir versuchen seine Wünsche umzusetzen.“
Die hochwertige Qualität der Produkte der Weizer Schafbauern eGenmbH kommt nicht von ungefähr. „Je besser die Milch, desto besser das Produkt und umso höher der Milchpreis“, stellt die Obfrau fest. „Das hat der Landwirt deshalb selbst in der Hand.“
Deshalb legen die Schafbauern ihren Tieren nur gutes, vorzugsweise hofeigenes Futter vor, hauptsächlich Gras und Heu. Wird Silage gefüttert, sollte sie keine Vollgärung aufweisen. „Unsere Schafbauern verzichten auf Intensivmast und setzen deshalb nur wenig Kraftfutter ein.“ Die inzwischen 300 Genossenschaftsbetriebe sind meist kleinstrukturiert, die durchschnittliche Herdengröße beläuft sich auf 25 Muttertiere.

Milchpreis je nach Qualität und Saison

Der Milchpreis wird nach der Qualität der Milch berechnet und beläuft sich im Schnitt auf 1,25 €/kg. Für besonders hohe Qualitäten bezahlt die Genossenschaft bis zu 1,40 €/kg. „Der Preis ist über das Jahr hinweg nicht immer gleich, weil die Betriebe ihre Muttertiere zu verschiedenen Zeiten trocken stellen, damit wir ganzjährig Milch verarbeiten können“, erklärt Neuhold.
Die Genossenschaft führt auch eine Bioschiene mit 15 Schafbauern, 13 produzieren Lämmer, zwei liefern Biomilch. „Erst wenn wir die Milchmenge am Markt platziert haben, nehmen wir einen neuen Biobetrieb auf. Auf diese Weise wollen wir den guten Preis für die Bioschafmilch stabil halten.“
Um den Bestand der Genossenschaft insgesamt nicht zu gefährden, wurde die jährliche Milchmenge pro Betrieb auf maximal 100 000 kg kontingentiert. Aber schon die Spitzenbetriebe erreichen ja nur 40 000 bis 60 000 kg, so Neuhold. „Unsere Philosophie ist die Produktion auf Nachfrage. Lieber klein und fein, dafür aber gesund. Wir wollen die kleinen Betriebsstrukturen in unserer Region erhalten, ehrlich produzieren und unseren Kunden eine gute Qualität gewährleisten.“ Derzeit verarbeitet die Schafbauerngenossenschaft jährlich 600 000 kg Milch und vermarktet 6000 bis 7000 Lämmer.
Das Tierwohl steht nicht nur bei den Schafbauern an oberster Stelle, sondern auch bei der Schlachtung“, betont Geschäftsführer Fuchs. „Schächten ist bei uns kein Thema.“ Zum einen sei es illegal und entspreche nicht dem österreichischen Tierschutzgesetz, zum anderen passe es nicht zur Philosophie der Genossenschaft. „Wer trotzdem an Kunden verkauft, die Tiere schächten, wird aus der Genossenschaft ausgeschlossen. Kunden, die bei der Schlachtung zuschauen wollen, dürfen das auch. Die Schlachtung erfolgt ausnahmslos nach Betäubung unter Aufsicht eines Tierarztes.“

Nachhaltigkeit als Grundprinzip

Regionalität – kein Mitgliedsbetrieb ist weiter als 18 km von der Molkerei in Obergreith entfernt – und Nachhaltigkeit sind Grundprinzipien der Genossenschaft. Mit der Photovoltaik-Anlage wird ein Teil der benötigten Strommenge erzeugt und die thermische Solaranlage mit 15 m² Fläche erzeugt so viel heißes Wasser, dass sich auch ein benachbarter Gewerbebetrieb damit versorgen kann. Die Joghurtbecher bestehen zu 100 % aus recycelbarem Material. Die Naturmolke findet ihre Verwendung in der Kosmetikherstellung.
Im neuen Produktions- und Verkaufsgebäude der Weizer Schafbauern werden nicht nur Schaf- und Lammprodukte verkauft. Weil ein Schaf mehr zu bieten hat als Milch und Fleisch, wurde im Geschäft eine Wollecke eingerichtet. Hier können die Kunden Erzeugnisse aus dem Angebot der Obfrau Karina Neuhold erwerben, die ansonsten nur auf ihrem Hof erhältlich sind. Die Genossenschaft verkauft auch Erzeugnisse von nicht schafhaltenden Betrieben aus der Region wie Käferbohnen, Kürbiskerne, Öle oder Weine.
Von der hohen Produktqualität der Weizer Schafbauern zeugen die vielen Preise, die sie bislang eingeheimst haben, darunter beim World Cheese Award 2014 die Goldmedaille für ihren Käse „S‘Bergschaf“ und für den Käse „S’Würzige Schaf“ 2017 Super Gold und 2018 Gold. „Das waren hervorragende Ergebnisse, nachdem sich an den Wettbewerben jeweils mehr als 30 Nationen mit rund 3000 Käseprodukten beteiligen“, sind sich die Verantwortlichen Neuhold und Fuchs einig. Patrizia Schallert

Die Weizer Schafbauern eGenmbH

Gründungsjahr der Genossenschaft: 1995 mit 20 Milch- und 20 Fleischschafbetrieben

Region: Naturpark Almenland Oststeiermark

Aktuelle Mitgliederzahl: 300 aktive Mitgliedsbetriebe, davon 15 Biobetriebe. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 25 Mutterschafen.

Mitarbeiter: Geschäftsführer Josef Fuchs, Obfrau Katharina Neuhold, 26 Angestellte

Jährlich verarbeitete Milch: rund 600 000 kg

Jährlich vermarktete Lämmer: 6000 bis 7000

Jährlicher Umsatz: 3 Mio. €

Produktpalette im GenussLaden: Frischfleisch vom Lamm, mehrere Lammwurstwaren, zahlreiche Schafmilchprodukte. Einige Produkte von regionalen landwirtschaftlichen Betrieben und „Karinas Wollwelt“.

AMA-Gütesiegel: seit 2012

Bio Austria: Bio-Lammfleischprodukte seit 2013, für Bio-Schafmilch seit 2018

GenussRegion: 2004 Auszeichnung zur „GenussRegion Weizer Berglamm & Schaf“

Prämierungen: World Cheese Award: 2017 Super Gold mit dem Käse „S‘Würzige Schaf“. 2018 Gold mit dem Käse „S’Würzige Schaf“, jeweils Silber mit dem Camembert und dem „S’Gschmackige Schaf“ sowie Bronze mit dem Käse „S’Bergschaf“.

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