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Vermarktung - jede Region ist eine Gunstlage

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Externer Autor
am
08.11.2018

Waldland GmbH: Vertragsanbau und Veredelung bringen Erfolg für Bauern vor Ort

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Rund 950 Bauern aus dem Waldviertel in Niederösterreich liefern heute ihre Ernte an die Waldland Naturstoffe GmbH in Friedersbach-Oberwaltenreith im Bezirk Zwettl: Pflanzen aus Sonderkulturen für die Pharma- und Lebensmittelindustrie, Körner- und Ölfrüchte, die Waldland selbst hochwertig verarbeitet und vermarktet. Vielfalt ist die Devise.
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Fast die Hälfte der überwiegend kleinbäuerlichen Betriebe des Waldviertels hat aufgrund der örtlichen Begebenheiten (siehe Kasten) in den letzten 30 Jahren aufgegeben. Rund 10 000 Betriebe mit durchschnittlich 21 ha versuchen heute noch, das Beste aus ihrer Situation zu machen. 950 von ihnen haben mit Waldland den idealen Partner gefunden.
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Robert Haidl, heute Obmann des „Waldviertler Sonderkulturenvereins“, schildert die Geschichte und die Aktivitäten des Unternehmens Waldland, einer GmbH, die zu 100 % dem Sonderkulturenverein, also den Mitgliedsbauern gehört. Die Mitglieder des Vereins zahlen eine einmalige Beitrittsgebühr in Höhe von 100 € und einen Mitgliedsbeitrag von jährlich 29 €. Damit können sie alle Einrichtungen und Vorteile des Waldlandhofes nutzen. Auch eine finanzielle Beteiligung an der GmbH ist auf freiwilliger Basis möglich.
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Der „Waldviertler Sonderkulturenverein“ wurde 1984 gegründet, vor allem auf das Betreiben von Adi Kastner, dem damaligen Direktor der Landwirtschaftlichen Fachschule Edelhof, der dann Gründungsobmann wurde. „Ein Mann mit klaren Visionen“, sagt Haidl, „der schon früh erkannt hat, dass wir den Bauern im Waldviertel Alternativen bieten müssen, wenn wir die Landwirtschaft in der Region erhalten wollen.“ So hat er den Mohnanbau wieder eingeführt. Heute stehen hier rund 1000 ha im Vertragsanbau. Mariendisteln wachsen auf 1300 ha. Zusammen mit über 60 verschiedenen Kulturen hat Waldland rund 4000 ha unter Vertrag.

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Diese Vielfalt und die Größe des Unternehmens erfordern ein ausgefeiltes Management. So wird die Waldland GmbH von zwei Geschäftsführern geleitet: Gerhard Zinner sorgt für den weltweiten Vertrieb und Regina Almeder für das Geschehen vor Ort. Die 20-köpfige Vorstandschaft des Sonderkulturenvereins unter Vorsitz von Obmann Robert Haidl gestaltet mit.
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Die einzelnen Produktionszweige sind genau abgegrenzt und werden jeweils wieder in Form einer GmbH geführt und von einem Geschäftsführer geleitet. „Wir sind bemüht, die Führungspositionen aus dem Kreis unserer Mitarbeiter zu besetzen. Sie kennen die Szenarien und haben alle Abläufe größtenteils selbst mitentwickelt“, sagt Robert Haidl. „Jeder Geschäftsführer hat bei uns irgendwann im Arbeitsoverall begonnen.“
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Zentrum ist der Waldlandhof fünf Kilometer südöstlich von Zwettl mit der Verwaltung und den weitläufigen Gebäuden zur Annahme der Ernte, Trocknung, Lagerung, Verpackung, Versand. Mit Labor und Werkstatt, mit Ölpresse, Indoor Aquakultur, Backstube, Küche und Fleischerei, Gastronomie mit Catering, Café und Veranstaltungsräumen. Insgesamt sorgen hier über 160 Mitarbeiter für den reibungslosen Ablauf.

Arzneimittelpflanzen für europäischen Markt

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Pflanzen für die Pharmazie haben immer mehr an Bedeutung gewonnen. So stehen hier im Vertragsanbau Mariendisteln, die von pharmazeutischen Firmen in Präparate zur Stärkung der Leber verarbeitet werden. Roggenpollen werden unter anderem nach Skandinavien geliefert. Die daraus erzeugten Arzneimittel dienen der Prostatatherapie. Die im Johanniskraut vorkommenden Wirkstoffe finden in Medikamenten zur Aufhellung der Stimmung und gegen Depression ihre Verwendung. „Mit unserer neuesten Sonderkultur Ginkgo haben wir großen Erfolg, denn die Blätter werden zu Mitteln verarbeitet, die vorbeugend gegen Demenz eingesetzt werden“, sagt Robert Haidl.
Auch Kräuter und Körner wurden in einer eigenen GmbH zusammengefasst. Verschiedene Teekräuter, wie zum Beispiel Ysop und Zitronenmelisse, sind gefragt, weil sie unter den besonderen Klimabedingungen des Waldviertels gute, aromatische Inhaltsstoffe entwickeln. „Bei Trockenschnittlauch zählt Waldland zu den größten Produzenten Europas“, sagt Haidl. „Bei Backsaaten hat der Waldviertler Graumohn mit geschützter Ursprungsbezeichnung als Prämienprodukt für uns die größte Bedeutung.“
Beste Qualität ist das A und O bei der Produktion von Kräutern und Körnern wie Mohn, Raps oder Mariendistel. „Entsprechend sorgfältig sind die Kontrollen bei der Annahme“, erklärt Haidl. „Bei Körnerfrüchten muss wie überall der Feuchtegehalt stimmen. Dann reinigen und lagern wir sie. Genaue Aufzeichnungen über Anbau und Kulturführung sind wesentliche Bestandteile einer umfangreichen Qualitätskontrolle. Rückstellmuster dokumentieren die Qualität und damit die entsprechende Bezahlung.“

Eigene Maschinen für die Kulturen entwickelt

Für die Sonderkulturen werden auf dem Waldlandhof in einer eigenen Werkstatt Maschinen umgebaut oder neu entwickelt, um Anbau, Pflege und Ernte möglichst effektiv zu gestalten, die Pflanzen zu schonen und beste Qualität zu erzielen. Auch der bestmögliche Erntezeitpunkt wird durch Untersuchung von Pflanzenproben im betriebseigenen Labor bestimmt.
Neue Pflanzenarten und Sorten werden auf dem Versuchsgut in Mühlbach am Mannhartsberg, Bezirk Hollabrunn an der Grenze zum Weinviertel, auf Eignung für den Anbau im Waldviertel und ihre wertgebenden Inhaltsstoffe getestet. Die dortigen Fachleute sind durch die gesammelten Erfahrungen mit der Pflanze vertraut und können dann die Anbauer fundiert beraten. Heute achten sie besonders darauf, dass einwandernde Giftpflanzen wie Kreuzkraut restlos aus den Beständen entfernt werden.
Die Mitgliedsbetriebe haben die Sicherheit, dass sie bei auftretenden Problemen, die es bei neuen Kulturen immer wieder gibt, rasch und kompetent unterstützt werden. Das schafft Vertrauen und fördert die nötige Bereitschaft, sich auf diese neuen Kulturen einzulassen.
In der Abteilung „Pflanzenveredelung“ ist unter anderem auch die Verarbeitung von Ölsaaten wie Mohn, Raps und Leindotter organisiert. Sie werden in den Waldland
Ölmühlen in Oberwaltenreith und Kautzen kalt gepresst und als Speise- oder Futteröl vermarktet, ebenso die eiweißreichen Ölpresskuchen. Die Presskuchen aus den Samen der Mariendistel liefert Waldland an pharmazeutische Unternehmen, die daraus das leberwirksame Silymarin extrahieren. Die Umrüstung von Motoren auf Betrieb mit Pflanzenöl sowie die Herstellung von Pflanzenölkraftstoff in standardisierter Qualität habe allerdings nachgelassen, bedauert Haidl.
Dafür ist die Indoor-Aquakultur mit dem „Waldland Edelwels“ in einer Kreislaufanlage ein voller Erfolg. Gottfried Pichler, der Leiter der Fischproduktion, kann stolz darauf sein. Wie er sagt, sei das rot marmorierte, feste und fast grätenfreie Fleisch sehr beliebt. Und so ergänzten die Welse das hauseigene Angebot an Karpfen und Forellen.
Die Abteilung Tierveredlung mit Enten, Gänsen und Hähnchen ist allerdings noch ausbaufähig. In einer kleinen Fleischerei werden Fische und Geflügel geschlachtet und küchenfertig gemacht. Besonders beliebt ist der Räucherwels.

Den richtigen Riecher für die Region gehabt

Im riesigen Hofladen im ehemaligen Kuhstall mit böhmischem Gewölbe wird einem erst richtig bewusst, wie vielfältig auf dem Waldlandhof gearbeitet wird. Bei über 1000 Produkten fällt es schwer, sich einen Überblick zu verschaffen, geschweige denn, sich zum Kauf einer ganz bestimmten Spezialität zu entschließen. Allein in den Regalen und auf den Tischen, auf denen die Flaschen mit den Pflanzenölen stehen, gibt es zahlreiche Sorten und Flaschengrößen. „Waldviertler Graumohnzelten oder einen Waldviertler Graumohnstrudel aus der hofeigenen Backstube aber nehmen die meisten Besucher mit“, sagt Obmann Robert Haidl.
Wieder ein Beispiel von konsequenter Strategie, wie sie schon Waldlandgründer Adi Kastner vorgegeben hat: „Wir müssen es schaffen, dass wir den Mohn nicht in Bigbags aus dem Waldviertel schaffen, sondern wir müssen ihn als Mohnstrudel hinausbringen.“ Als veredeltes Produkt also, damit möglichst viel von der Gewinnspanne in der Region bleibt. Die meisten Lebensmittel von Waldland finde man in ausgesuchten Spezialitätengeschäften von Wien bis Salzburg.
Am Waldlandhof können die Kunden aus der Umgebung oder die Besucher, die jedes Jahr in etwa 150 Bussen kommen, nach dem Einkauf auch im Café essen. Firmen oder Privatleute buchen für Feiern mit bis zu 300 Personen den Kamin- oder Panoramasaal. Ein Cateringservice liefert für Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen außer Haus.
Damit das Interesse am Waldlandhof nicht nachlässt, arbeitet die Geschäftsleitung eng mit Gemeinden und Städten sowie den Busunternehmen zusammen. So gelingt es, verschiedenste Personen für die Region Waldviertel und damit auch für Waldland zu begeistern. Ein Erfolgsrezept, von dem im Endeffekt die Bauern profitieren.
„Heute würden gern noch weit mehr Bauern Mitglied im Sonderkulturenverein werden. Das Interesse an Anbauverträgen mit Waldland ist groß“, sagt Obmann Robert Haidl und bedauert, dass eine Ausweitung derzeit aufgrund der begrenzten Kapazitäten bei Annahme, Verarbeitung und Lagerung nur in überschaubaren Schritten möglich ist. „Auch die richtige Dimension des Wachsens ist ein Teil unserer Philosophie. Die Sicherheit und Zufriedenheit unserer Mitglieder muss immer im Vordergrund stehen.“ Zum Schluss verrät Haidl einen häufig zitierten Spruch von Adi Kastner: „Jede Region ist Gunstlage, man muss nur wissen wofür.“
Walter Neugebauer

234 Biobetriebe für Waldland

Von den Waldland-Mitgliedern betreiben 234 ihren Betrieb als zertifizierten Biobetrieb, also knapp 25 %. Der überwiegende Teil von ihnen ist Bio Austria zertifiziert. Ihre Anforderungen sind wesentlich anspruchsvoller als die der EU-Bioverordnung. Der Waldlandhof ist als Ganzes biozertifiziert, um die Produkte der Biobetriebe als Bioprodukte verarbeiten und vermarkten zu können. Die Anzahl an Biobetrieben steigt kontinuierlich. Diese Betriebe produzieren für Waldland im Vertragsanbau jene Pflanzen, die von den Abnehmern in Bioqualität nachgefragt werden. Bei den Produkten für die Pharmazie spielt Bio eine eher untergeordnete Rolle.

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