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Studie

Energieverluste durch Lebensmittelmüll

pd
am
29.02.2016

München - Bayernweit gehen jährlich 1,3 Millionen Tonnen Lebensmittel verloren. Wenn Lebensmittel im Müll landen, ist auch die Energie, die für deren Produktion zum Einsatz kam, verschwendet. Doch wo in der Wertschöpfungskette - vom Feld bis zum Teller - lässt sich die meiste Energie einsparen, wenn dort Verluste vermieden werden?

Das Energiesparpotenzial durch Lebensmittelverluste beträgt in Bayern rund 14.500 Terajoule (TJ) pro Jahr bzw. 4.000 Gigawattsunden (GWh) pro Jahr. Dies entspricht etwa dem Primärenergieverbrauch von 330.000 Einwohnern in Bayern und damit fast dem jährlichen Energieverbrauch von Würzburg, Fürth und Erlangen zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Expertenteam der Universität Stuttgart, des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) und der Technischen Hochschule Deggendorf unter Federführung des Kompetenzzentrums für Ernährung (KErn).

Das größte Einsparpotenzial durch Lebensmittelabfälle liegt mit rund 6.189 TJ pro Jahr in den bayerischen Privathaushalten. An zweiter Stelle rangiert die Außer-Haus-Verpflegung mit 3.935 TJ pro Jahr, die Lebensmittelverarbeitung mit 2.118 TJ pro Jahr. Bei Landwirtschaft (952 TJ pro Jahr) und Lebensmittelhandel (668 TJ pro Jahr) sind die Energiesparpotenziale vergleichsweise gering.

Höchster Energierucksack bei Büfettresten in der Außer-Haus-Verpflegung

Der größte Energieeintrag – also eine Art Energierucksack, der sich im Laufe der Wertschöpfungsstufen immer weiter anfüllt – je Kilogramm Lebensmittel ist in der Außer-Haus-Verpflegung anzutreffen. „Das liegt daran, dass in Kantinen, Betriebsrestaurants u. a. viele Speisen erst nach dem Kochvorgang entsorgt werden. Büfettreste verzeichnen hierbei besonders große Energierucksäcke, da diese in der Regel noch zusätzlich warm gehalten werden. Hinzu kommt ein oftmals hoher Fleischanteil im Speisenangebot oder in den entsorgten Lebensmittelmengen“, stellt Gerold Hafner von der Universität Stuttgart fest, der die Daten erhoben hat.

Verlängerte Haltbarkeit für Kochschinken und Champignons

Um Lebensmittelverluste zu reduzieren, hat das Fraunhofer IVV die Auswirkung von ausgewählten aktiven Verpackungssystemen bei Kochschinken und Champignons untersucht. Aktive Verpackungen können die Haltbarkeit von Lebensmitteln verlängern, indem sie Verderbnisprozesse, zum Beispiel bedingt durch Licht, Sauerstoff oder Wachstum von Mikroorganismen, verhindern oder reduzieren. Ein Sauerstoffabsorber beispielsweise in der Schinkenverpackung bindet den restlichen Sauerstoff und verzögert dadurch das Vergrauen des Produktes. Mit Hilfe dieser Maßnahme konnte eine Veränderung der Produktqualität um vier Tage hinausgezögert werden.

„Die Haltbarkeit von abgepackten Champignons im Handel ist auf wenige Tage begrenzt“, erklärt Dr. Peter Muranyi vom Fraunhofer IVV. „In der Folie eingeschweißte Champignons zeigen nach kurzer Zeit unansehnliche Verfärbungen. Eine feuchteregulierende Verpackung mit eingearbeitetem Kochsalz kann Kondenswasserbildung verhindern und Qualitätsveränderungen entgegen wirken.“

App für Filialleiter verbessert Kalkulation im Lebensmitteleinzelhandel

„Lebensmittelverluste im Lebensmitteleinzelhandel verschlechtern die Energiebilanz eines Unternehmens“, sagt Prof. Diane Ahrens von der Technischen Hochschule Deggendorf. Gründe für Lebensmittelverluste in den Filialen seien u.a. fehlerhafte Disposition aufgrund menschlicher Fehleinschätzungen. Die Deggendorfer Wissenschaftler haben eine Filialleiter-App entwickelt, die bei Eingabe der vorhandenen Restmengen unter Berücksichtigung der Bestell- und Lieferrhythmen und Gebindegrößen die optimale Bestellmenge vorschlägt. In fünf Testfilialen eines Lebensmittelhändlers zeigte sich, dass durch die optimierte Prognose mittels App der Verlust bei Champignons von 8,5 Prozent auf 5,3 Prozent reduziert werden konnte. Eine Hochrechnung auf den gesamten Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland ergibt laut TH Deggendorf eine Einsparung von 1.697.882 kg Lebensmittelverlusten pro Jahr, entsprechend 135.830 kWh, im Frischwarenbereich.

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