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Stroh zu Gold

Das Märchen von der Bioökonomie

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Sepp Kellerer, Wochenblatt
am
26.10.2017

Der Weg scheint vorgegeben zu sein: weg vom Erdöl, hin zu regenerativen Rohstoffen.

Sepp Kellerer

Stroh zu Gold spinnen, das funktioniert nur im Märchen und auch da nur mit höchstem Risiko und lebengefährlichem Einsatz. Textilfasern aus Buchenholz herzustellen, das ist Realität, aber golden sind die Fäden aus Sicht der Waldbesitzer und in Bezug auf den Holzpreis keineswegs. Die Textilfasern sind nur ein Beispiel aus der sogenannten Bioökonomie. Mit ihr soll auf dem unausweichlichen Pfad weg vom Erdöl hin zu regenerativen Rohstoffen zügig vorangeschritten werden.

Zunächst einmal Hut ab vor der Wissenschaft und teilweise auch der Wirtschaft. Es ist schon erstaunlich, was es da alles an Produkten schon gibt und an welchen da gearbeitet wird. Berechtigt ist aber auch die Frage, die bei der Infotagung der Forstzusammenschlüsse in Kelheim gestellt wurde, ob man denn all den Schmarrn, den man jetzt aus Erdöl mache, auch in der Bioraffinerie machen müsse?

Eigentlich nicht, aber wenn eine Nachfrage besteht, werden die Produkte hergestellt. Die Bioökonomie ist eben auch eine Ökonomie und gehorcht den gleichen Gesetzen. Die Landwirte und die Waldbauern werden sich also darauf einstellen müssen, dass sie zwar in der Produktionskette das erste Glied sind, aber in der Wertschöpfungskette das letzte. Zwar hat der Bioökonomierat das Ziel ausgegeben, die Wertschöpfung je Rohstoffeinheit zu erhöhen, aber die Rohstofferzeuger kriegen nur das bezahlt, was nach Abzug aller Kosten und Margen in den Verarbeitungs- und Handelsstufen übrig bleibt.

Und da gibt es keinen Ausweg? Nun ja, wenn wir unsere Raffinerien und Fabriken so weiter fahren wie bisher, dann nicht. Wir zerlegen den Rohstoff, egal ob Erdöl oder Pflanze runter bis fast aufs Molekül und bauen daraus die neuen Werkstoffe und Produkte wieder zusammen. Der andere Ansatz wäre, wir nutzen die Syntheseleistung der Natur. Wir schauen einfach, was uns denn die Pflanzen möglichst wenig verändert schon an positiven Eigenschaften anbieten und setzen die entsprechend in Produkten ein. Und diese Eigenschaften könnten dann beim Produzenten der Pflanze in Wert gesetzt werden.

Könnte sein, dass ich mich mit solchen Gedanken schon fast wieder im Reich der Märchen bewege. Aber wenn die Brüder Grimm zu ihrer Zeit geschrieben hätten, dass die Müllerstochter Buchenholz zu Garn spinnen sollte, dann wäre das genauso unrealistisch gewesen wie Stroh zu Gold. Das Erste ist heute Realität.

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