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Waldumbau

Sind die Fichten noch zu retten?

Fichte-Totbaum
Hannelore Summer
am
04.08.2017

Deggendorf - Borkenkäferalarm: Jetzt müssen alle zusammenhelfen. Die Situation im Kreis Deggendorf steht für ganz Niederbayern.

So richtig lachen kann Walter Schubach, Leiter der Abteilung Forsten im AELF Deg­gendorf nicht mehr, wenn er in den Wald sieht. Viele Fichten sind noch grün, aber schaut er genau hin, sieht er braunes Bohrmehl auf den Schuppen der Rinde einer stattlichen Fichte liegen und Harztröpfchen glänzen. „Dieser Baum wird nicht überleben“, sagt er. Es sei eine Illusion zu glauben, dass es heuer eine Fichte, die Borkenkäfer anfliegen, schaffen kann, mit ihrem Harz die Käfer wieder hinaus zu befördern. „Wir haben das dritte Borkenkäferjahr in Folge, wir haben eine Kalamität wie noch nie.“ Die Trockenheit hat die Fichten geschwächt, die Wärme den Borkenkäfer gefördert. Die Situation im Kreis Deggendorf steht allerdings für ganz Niederbayern und die Oberpfalz: Die Bedrohung durch den Käfer ist in diesem Jahr ganz besonders gefährlich.
2015 und 2016 schlugen die Waldbauern im Landkreis Deggendorf 30 000 fm Käferholz ein, für 2017 rechnet er mit mindestens 60 000 fm. Durch die Klimaerwärmung bricht der Fichten-Borkenkäfer, der Buchdrucker, alle Rekorde. Früher hieß es, dass der Schwärmflug des Buchdruckers Mitte bis Ende April beginne, heuer haben die Förster bereits am 5. April in den Lockstoff-Fallen 5000 Käfer gefunden. Ab 3000 Käfern in einer Falle ist der Befallsdruck so groß, dass die Waldbesitzer handeln müssen. Sie müssen befallene Bäume erkennen und mit den Käfern und ihren Larven aus dem Wald holen. Fällen und abtransportieren – mindestens 500 m weit weg von anderen Fichten.
Früher hieß es, Mitte September, etwa ab der Tagundnachtgleiche begebe sich der Borkenkäfer in die Winterpause. 2016 war der September so warm, dass sich noch eine ganze Generation entwickelt hat. Da hat die Temperatur eine größere Rolle gespielt als die abnehmende Tageslänge. Früher hieß es, vom Ei bis zum fertigen Borkenkäfer, der ausschwärmt, dauert es sechs bis zehn Wochen, im warmen Juni/Juli 2017 hat er es in fünf Wochen geschafft.
Eigentlich gibt es für die Forstexperten keine Worte mehr für das, was sich in den Wäldern zurzeit abspielt. „Es ist mehr als ernst, es brennt, es ist einfach der Wahnsinn“, findet Schubach. Wenn jetzt nicht alle – die Waldbesitzer, die Förster und die Forstunternehmer zusammenhelfen, dann werde der Waldumbau sehr viel schneller gehen als eigentlich geplant. Besonders in Lagen unter 550 m würden die Fichten absterben und Waldbesitzer werden Tannen, Douglasien, Buchen und andere Laubbaumarten nachpflanzen.
In Gegenden, in denen wenige größere Waldbauern ihren Wald bewirtschaften und pflegen, sieht Schubach noch bessere Chancen, die Vermehrung des Buchdruckers zu stoppen. Große Sorgen machen ihm Strukturen, in denen viele Waldbesitzer nur wenige Hektar große Waldstücke besitzen. Wald, den sie vielleicht irgendwann einmal geerbt haben. Grundbesitz, eher als Kapitalanlage denn als Wald, den sie bewirtschaften und für den sie Verantwortung übernehmen. Viele seien überfordert und kennen die Alarmzeichen nicht mehr.
Dürre Fichten beispielsweise sind nicht mehr gefährlich. Aus ihnen sind die Käfer längst ausgeflogen. Viel wichtiger ist es, Fichten, in denen sich die Käfer entwickeln, aus dem Wald zu holen. Die sind noch grün und wirken vital. Ein erfahrener Forstwirt erkennt das braune Bohrmehl und sieht die Harztröpfchen. Im Zweifelsfall solle man lieber einen Baum zu viel fällen als einen zu wenig. Denn aus einem befallenen Baum, der im Wald bleibt, werden schnell 400 tote Fichten. Aus einem begrenzten Käfernest eine flächendeckende Kalamität.
Revierförster als Berater und Helfer
Die Revierförster sind unterwegs, aber in den großen Forstrevieren können sie unmöglich alle Käferbäume finden. Die, die sie sehen, markieren sie mit einem K und suchen Kontakt zu den Waldbesitzern.
„Uns ist es wichtig, mit den Waldbesitzern zu reden, auch um sie zu beraten und zu informieren, wer sie bei der Waldarbeit unterstützen kann“, sagt er. Die Aufarbeitung von Käferholz ist gefährlich, das sollten nur erfahrene Waldarbeiter machen. Kontakt zu Forstunternehmen vermittelt unter anderem die Waldbesitzervereinigung. Auf Wunsch kümmert sie sich auch um Vermarktung und Abtransport des Käferholzes.
„Der Regen in dieser Woche war dringend notwendig, aber er wird die befallenen Bäume nicht mehr retten.“ Schubach will keine Entwarnung geben. Im Gegenteil, der Regen mache es schwieriger, Käferbäume zu erkennen, weil er das braune Bohrmehl von den Stämmen gewaschen habe. Und der weiche Waldboden sei nicht ideal für die Arbeit mit schweren Maschinen im Wald. Noch ist er optimistisch, dass es mit vereinten Kräften gelingt, den Borkenkäfer einzudämmen und die Fichte als Brotbaum für die Waldbauern noch einige Zeit zu erhalten.

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