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Unwetterschäden

Wir haben jetzt Zeit bis zum Frühjahr

Sturm Oberfrauenwald
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Sepp Kellerer, Wochenblatt
am
31.08.2017

Heindlschlag - Der Sturm am 18. August hat den Wald von Georg Rodler aus Heindlschlag bei Jandelsbrunn schwer getroffen. Nachdem der erste Schock verdaut ist, rät Rodler jetzt zur Besonnenheit. Die Details in unserem Interview.

Georg Rodler

Wochenblatt: Herr Rodler, wie hat Sie der Sturm getroffen?
Rodler: Wir bewirtschaften 36 Hektar Wald. Davon sind gut 18 Hektar zerstört. Die größte zusammenhängende Schadfläche ist drei Hektar groß. Dort liegt ein 80-jähriger Bestand komplett am Boden. Ich habe auch kleinere Flächen, die zu 100 Prozent geschädigt sind. Auf größeren Flächen liegt da mal ein Hektar und dort ein Hektar.
An einer Hobbywetterstation im Nachbarort wurden 170 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit gemessen. Das hält kein Bestand aus.

Wochenblatt: Wie hoch beziffern Sie den Schaden?
Rodler: Ich gehe bei mir von einem Vorrat von 500 Festmeter je Hektar aus. Bei 18 Hektar Schadfläche ergibt das rund 9000 Festmeter Holz. Was davon letztlich verwertbar ist, das muss sich erst herausstellen.
Rechnet man erhöhte Aufarbeitungskosten, nicht verwertbares Holz und einen sinkenden Holzpreis, dann schätze ich, dass der Schaden bei mir zwischen 100.000 und 200.000 Euro liegen wird.

Wochenblatt: Was hat man für Gefühle, wenn man das sieht?
Rodler: Man steht zunächst unter Schock, vor allem wegen der Dimension. Man hat jedes Jahr ein paar Bäume, die vom Wind geworfen oder vom Schnee gebrochen werden. Aber dass es in die Tausende geht, das haben wir noch nie gehabt, das hat auch mein Vater noch nicht erlebt.
Es hat auch gemischte Bestände erwischt mit Tanne und Buche und nicht nur die reine Fichte. Ich arbeite schon lange konsequent in Richtung Mischwald, aber auch der war dieses Mal keine Garantie. Es hat bei uns im Dorf fast jeder Wald und jeder ist tief mit ihm verwurzelt. Noch keiner hat so etwas erlebt. Da herrscht Ratlosigkeit. Mancher bräuchte fast eine psychologische Beratung.

Wochenblatt: Wer könnte das übernehmen?
Rodler:  Nun ja, in gewisser Weise die Waldbesitzervereinigung und die Forstabteilung am Landwirtschafts­amt. Da sind örtlich schon Informationsveranstaltungen gelaufen.

Wochenblatt: Wie viel Holz geht denn in bestehende Verträge?
Rodler: Die großen Sägewerke in Niederbayern haben sofort die Verträge gekündigt, auch bestehende, sowohl bei den Forstzusammenschlüssen als auch bei den Holzhändlern. Man hat immer geglaubt, man sei Partner, aber dem ist nicht so.
Jetzt wird es darum gehen, dass die Forstzusammenschlüsse andere Absatzwege finden, möglichst weit weg. Aber das führt natürlich zu erhöhten Transportkosten.

Wochenblatt: Was bedeutet das für Sie in der aktuellen Situation?
Rodler: Die Aufarbeitung schaffe ich nicht alleine. Ich habe meine Flächen bei der WBV gemeldet, damit die eine Grundlage für die Plannung haben.

Wochenblatt: Heißt das, so schnell raus mit dem Zeug wie möglich?
Rodler: Nein, eben nicht. Zum einen muss vorrangig der Absatz des Holzes geklärt werden und zum anderen bleibt das Holz im Wald noch am ehesten frisch. Wenn es auf dem Polter liegt und nicht abgefahren wird, dann verliert es stärker an Qualität.
Dort wo ein Harvester im Einsatz ist, sollte er in der Ecke sämtliche Flächen aufarbeiten, unabhängig davon, wem sie gehören. Natürlich müssen die Eigentümer wollen. Meine Waldflächen sind recht weit verteilt. Es macht keinen Sinn, wenn die Maschine alle meine Flächen abfahren würde, und dann in einer zweiten Runde bei den Nachbarn arbeitet.
Es geht jetzt vorrangig darum, dass der Absatz geklärt wird. Und wie bereits gesagt, da muss man sich überregional umsehen. Bei früheren Kalamitäten hat es auch staatliche Transportkostenzuschüsse gegeben. Das sollte man wieder aufgreifen.
Bezogen auf ganz Bayern oder Deutschland sind die Schadholzmengen gar nicht so groß. Und wir haben mit der Aufarbeitung keine Eile. Wir haben Zeit bis März, April und können bis dahin kontinuierlich aufarbeiten.
Die Bayerischen Staatsforsten haben bis Ende November den Einschlag frischen Holzes gestoppt und das andere Holz bringen sie ins Nasslager, auch das hilft uns.

Wochenblatt: Wäre ein Einschlagstopp auch im Privatwald ein Ansatz?
Rodler: Natürlich. Wir hoffen da schon auf ein wenig Solidarität. Lange wäre das eh nicht nötig. Allein der nächste Winter würde reichen. Wenn jeder außerhalb des Schadgebietes da ein paar Prozent zurückfahren würde, wäre der Markt sehr schnell entzerrt.
Die Borkenkäferbekämpfung muss natürlich weiterlaufen. Auch dabei fällt ja ein erklecklicher Anteil frisches Holz an, wenn man früh genug dran ist.
Ich denke, es ist nicht sinnvoll, wenn man jetzt auf Teufel komm raus Sturmholz aufarbeitet. Die Käferfront wird sich auf den Herbst zu beruhigen. Und dann haben wir Zeit, kontinuierlich auch das Sturmholz zu entzerren.

Wochenblatt: Wie sieht Ihre Strategie konkret aus?
Rodler: Ich werde bei den Flächen mit hohem Bruchholzanteil beginnen. Wo das Holz geworfen ist, kriegt es über die Wurzel noch Wasser, da bleibt es länger frisch, die Qualität wird erhalten. Das möchte ich so weit wie möglich nutzen. Gewissen Vorrang haben auch die Bestände in den Höhenlagen. Wenn da im Dezember viel Schnee kommt, dann kann ich erst im März wieder rein. Das Risiko ist mir zu hoch.

Wochenblatt: Was macht der Holzpreis?
Rodler: Man hört, dass die Sägeindustrie versucht, den Preis zu drücken. Die nutzt die Situation jetzt aus. Ich glaube aber nicht, dass die Schnittholzpreise demnächst sinken werden, also müssen auch die Rundholzpreise nicht runter. Sicher besteht bei Sturmholz das Risiko von Rissen. Darüber kann man in einem vernünftigen Rahmen reden.

Wochenblatt: Wie sieht es mit der Aufarbeitung aus?
Rodler: Das ist für uns der nächste Schlag. Die Aufarbeitungskosten steigen ebenfalls im Sturmholz, weil die Leistung des Harvesters sinkt und weil da vielfach ein zweiter Mann dabei ist, der sogenannnte Abstocker.
Sind bei einem normalen Einsatz 16 bis 18 Euro je Festmeter frei Waldstraße üblich, so ist jetzt von 25 Euro die Rede, zum Teil sogar von 30 Euro und bezahlt werden muss sofort, wenn der Einsatz beendet ist.
Auch die Unternehmer versuchen, die aktuelle Situation für sich zu nutzen. Auf so einer Schadfläche wird ein Unternehmer in seiner aktiven Zeit eh keine Arbeit mehr bekommen.

Wochenblatt: Haben Sie noch weitere Hiobsbotschaften?
Rodler: Ja, leider. Der hohe Anteil an Bruchholz wird auch den Markt für Hackschnitzel unter Druck setzen. Da ist vielleicht noch der Hacker bezahlt, aber mehr nicht mehr. Wir haben bei uns in der Region im Vergleich zu Österreich zu wenig Heizwerke.

Wochblatt: Wo erwarten Sie Hilfe vom Staat?
Rodler: Ich möchte nicht auch noch auf den Kosten der Wiederaufforstung sitzen bleiben. Ich hoffe, dass die Verjüngung, wo sie vorhanden ist, die Aufarbeitung überlebt. Wo wir pflanzen müssen, werden Mischwälder entstehen auf Basis der Ergebnisse der Standorterkundung. Die haben wir Gott sei Dank vorliegen. Die Gesellschaft hat ein Interesse, dass wir Mischwald bekommen. Jeder kann ihn betreten, Pilze suchen, sich erholen. Der Sturm ist eine Folge des Klimawandels und den haben wir Waldbauern nicht verursacht.
Hinzu kommt, dass ich bei den großen Flächen die Pflanzung vergeben muss an Firmen, an Baumschulen. Da kommen inklusive Pflegeaufwand schnell 8000 bis 10 000 Euro pro Hektar zusammen. Wenn ich da noch den mickrigen Rest der Holzerlöse reinstecken muss, dann ist der Ofen aus.
Die normale Ausstattung des Waldbauförderprogrammes und dessen Fördersätze reichen da nicht aus. Und bei der aktuellen Haushaltslage in Bayern wäre das Geld auch da.
Ich gebe auch zu bedenken, dass der Wald im Gegensatz zu einem Gebäude nicht versicherbar ist.
Wichtig ist auch ein unbürokratisches Vorgehen bei den notwendigen Maßnahmen. Ich nenne da einmal das Thema Nasslager. Ein weiteres ist die Holzlagerung vor Ort. Die Lagerplätze im Wald reichen nicht aus. Es ist wichtig, dass es keine Sanktionen gibt, wenn auf einem Acker oder einer Wiese vorübergehend Holz liegt.
Ich denke auch, dass bei der Holzabfuhr die Straßen in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich hoffe nicht, dass da dann die Waldbesitzer zur Rechenschaft gezogen werden. Da gibt es sicher Fördermittel, damit die Kommune die Reparatur nicht alleine tragen muss.

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