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Dampfpflüge

Revolutionäre Technik

Walter Langohr
am
05.09.2017

Marktheidenfeld - Heute kaum vorstellbar, wie eine neue Technik das Landleben völlig verändert hat. Es gab riesige Dampflokomobile, eigentlich richtige stählerne Ungetüme, die aber gut funktionierten. Das war die Sensation. Man baute die erste Eisenbahnstrecke in Deutschland um 1835 und zwar von Nürnberg nach Fürth. Das war noch nicht alles.

Die Herren Gutsbesitzer samt allen Landadeligen suchten Möglichkeiten, die vielen Handarbeiten bei der Bewirtschaftung ihrer großen Felder und Wälder durch den Einsatz von Maschinen und Geräten kostengünstiger zu ersetzen. Dabei sollte die Dampfkraft helfen. Denn es gab schon  gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts auf den Landgütern Mangel an Arbeitskräften (damals Leutenot genannt.) So hatten viele Güter Saisonarbeiter aus dem Osten, vor allem Polen beschäftigt. Doch auch das kostete Geld und brachte Probleme bei der Unterbringung. Max Eyth, ein begabter junger Maschinenbauingenieur, ein pfiffiger Schwabe aus Kirchheim/Teck, reiste schon im Jahre 1861 nach England und zwar nach Leeds, Bezirk Yorkshire. Dort baute die Firma Fowler in ihrer Fabrik neuartige Dampflokomobile samt den dazugehörigen Kipp- bzw. Wendepflügen. So waren seinerzeit die Engländer (allen voran die Quäkerfamilie Fowler) uns Deutschen in der Landtechnik weit voraus.
Max Eyth erkannte dies schnell und wurde (für mehr als 20 Jahre) Mitarbeiter dieser Firma. Er projektierte und verkaufte für Fowler riesige komplette Dampfpfluganlagen in alle Welt. Er war aber auch als Konstrukteur für Fowler tätig und verbesserte, ja perfektionierte z. B. die riesigen Kipppflüge, die mittels Stahlseilen von den Dampflokomobilen auf den großen Äckern hin und her gezogen wurden. Im Mai 1862 öffnete die Weltausstellung in London ihre Pforten. Fachleute aus aller Welt, natürlich auch aus Deutschland, Frankreich, USA, Russland, Türkei, ja selbst aus Ägypten und Indien kamen auf diese Weltausstellung und ließen sich von Eyth, dem Repräsentanten der Fabrik Fowler, beraten. Fortan reiste unser rühriger Schwabe für die englische Landtechnik durch die ganze Welt. Er projektierte und verkaufte nach Beendigung dieser riesigen Ausstellung modernste Dampfpfluganlagen für fast alle Erdteile. Aber erstmalig ging es nach Ägypten. Dort veranstaltete er am Fuße der Pyramiden große Dampfpflugvorführungen auf fruchtbarem Ackerland. Man sprach vom dampfpflügenden Pascha.

Dampfpflügen in aller Welt

Die Effektivität  und die riesige Flächenleistung der neuen Technik mit dem hochmodernen, von Eyth konstruierten Stahlpflug faszinierte. Eyth erzielte schon ab 1862 für Fowler riesige Verkaufserfolge. Er reiste auch in die USA, und zwar nach Kentucky und danach nach Louisiana. Dort auf den großen Feldern für Zuckerrohr und Baumwolle führte er auf verschiedenen Plantagen für die Amerikaner die neue Technik des Dampfpflügens vor. Natürlich wurden auch im Herstellerwerk in Leeds von Fowler gemeinsam mit Eyth die Dampflokomobile weiterentwickelt und deren Wirkungsgrad stets erhöht. Ebenso die Kipppflüge aus Stahl, die nun leichter zu bedienen waren und in 3-, 4- und 5-schariger, ja sogar in 6-schariger Ausführung zu liefern waren. Für die Zuckerrohrfelder (z. B. in Louisiana) ließ Eyth von der Maschinenfabrik Fowler spezielle Kipp- und Wendepflüge bauen. Nach seiner Rückkehr aus den USA reiste unser rastloser Schwabe nach Russland, um bei den dortigen Großgrundbesitzern die neue Pflugtechnik vorzuführen und zu verkaufen. Dann ging es weiter in die Ukraine, wo man ebenfalls fruchtbarste Ackerböden hat. Anschließend reiste Max Eyth nach Rumänien, Algier, aber auch nach Südamerika. Immer mit großem Erfolg bei Projektierung und Verkauf der neuen Technik der Dampflokomobile samt allem Zubehör. Die damaligen Lokomobile (um 1863/70) hatten noch zwischen 14 bis 30 PS. So war die Tagesleistung beim Pflügen der Felder je nach Bodenqualität und Tiefgründigkeit recht unterschiedlich. Zum Vergleich: Die Tagesleistung lag bei einem konventionellen Gespann mit zwei guten Pferden und 2-Scharpflug bei ca. 0,3 ha. Im Vergleich dazu lag die Tagesleistung bei einer Fowler-Dampflokomobile mit 14 PS und dem dazu passenden Kipppflug zu jener Zeit bei 6 ha (also rund das 20-fache), später wurde (nach 1900) mit der Weiterentwicklung der Technik (mehr PS und 5- oder 6-Scharpflüge) diese Leistung noch verdoppelt, ja sogar manchmal verdreifacht. (Also 12 bis 18 ha fruchtbares Ackerland pro Tag.) Das war für die Herren Gutsbesitzer samt ägyptischem Pascha phänomenal. Zu einem kompletten Dampfpflugsatz (Garnitur) gehörten beim 2-Maschinensystem: 2 Dampflokomobile, 2 Kipppflüge z.b. 4-scharige, 2 Wasserwagen, 1 Kohlewagen.
Natürlich wurden im Laufe der Jahre die Effektivität der Dampflokomobile erhöht und die Leistung (PS) gesteigert. Auch die Firma Lanz in Mannheim baute ab 1870 Lokomobile für die Landwirtschaft, die aber auch als starkes Antriebsaggregat für andere Zwecke wie z. B. Sägewerke, Mühlen und für die Stromerzeugung eingesetzt wurden. Man verbesserte die englischen Lokomobile und umging auch geschickt bestehende Patente dank fähiger eigener Konstrukteure. So war im Jahre 1883 schon Lanz/Mannheim der größte Produzent von Landmaschinen in Kontinentaleuropa. Auch bei der Produktion von Dampflokomobilen lag Lanz rasch an der Spitze. So produzierte diese Firma von 1870 bis zum Jahre 1923 laut verlässlichen Angaben 40 000 Dampflokomobile.
Beim Einsatz dieser für die damalige Zeit hochmodernen Technik wurden manche leichtsinnig. Man umging viele Firmenempfehlungen und erhöhte die Drücke in den Kesseln, um die Leistung zu steigern. So kam es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, ja in ganz Europa zu verheerenden Dampfkesselexplosionen mit vielen Todesopfern. Aus diesem Anlass gründete man in Deutschland und zwar im Jahre 1866 in Baden-Baden den Dampfkesselüberwachungsverein. Dieser wurde Jahrzehnte später zum Vorgänger des heutigen TÜV. Dieser Dampfkesselüberwachungsverein bewährte sich rasch. Er klopfte den Herstellern der Dampfkessel gehörig auf die Finger und sorgte für die genaue Beachtung der Sicherheitsvorschriften (z. B. Einbau und Funktion von Manometern und Sicherheitsventilen). Der Verein überwachte auch die im praktischen Einsatz befindlichen Lokomobile samt sonstigen Dampfkesseln.
Häufig wurden die Lokomobile auch zum Antrieb der gerade neu aufgekommenen Dreschmaschinen eingesetzt. Schließlich war die Zeit der Dreschflegel und der damit verbundenen mühevollen Handarbeit vorbei. Doch damals  gab es noch keine Dieselmotoren. Diese wurden erst viel später und zwar im Jahre 1897 von dem genialen Rudolf Diesel erfunden. Doch nun zurück zum 19. Jahrhundert: Rudolf Diesels Erfindung samt der Weiterentwicklung dieses Selbstzünders zum leistungsfähigen Dieselmotor brachte erst die Grundlage für leistungsfähige kleine Antriebsaggregate. Erst in den 20er- und 30er-Jahren schuf man kleinere, kostengünstigere Dieselmotoren, die vor allem in Traktoren eingebaut wurden. Zum Beispiel bei Lanz, Fendt und Hanomag. Diese neue Technik läutete schließlich das Ende der Dampflokomobile und der gesamten Dampfpflugtechnik ein. Doch dies geschah ganz langsam und allmählich.
Unser Max Eyth erkannte schon früh durch seine Reisen in alle Welt, aber auch durch seine Mitwirkung bei den Weltausstellungen in London 1862 und später in Paris, dass es uns in Deutschland an einem zentralen landwirtschaftlichen Ausstellungswesen mangelt. Es gab zwar um 1884 schon 1650 regionale landwirtschaftliche Ausstellungsvereine mit vielen örtlichen, meist kleineren Ausstellungen. Max Eyth, der nun nach seinem Ausscheiden von der Firma Fowler in Leeds 1882 wieder in Deutschland war, zog nach Berlin.

Der Beginn der Landtechnikaustellung

Im Jahre 1884 gründete er als Zentrale für das ganze Ausstellungswesen und für die landwirtschaftlichen Vereine in Berlin die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, als Abkürzung: DLG. Diese wurde gleich als zentrale Wanderausstellung (um allen Regionen Deutschlands gerecht zu werden) konzipiert und ein Riesenerfolg. So fand im Jahre 1887 nach sorgfältiger Planung und Organisation von Eyth die erste DLG-Wanderausstellung in Frankfurt statt. Sie wurde ein Riesenerfolg und gleich zum Sprungbrett für die deutsche Landmaschinenindustrie. Auch viele ausländische Fachleute waren zu Gast. Weitere Wanderausstellungen der DLG in Städten wie München, Köln, Breslau und Hannover folgten in regelmäßigem Abstand. Zu den Mitgliedern zählten Landwirte, Gutsbesitzer und natürlich auch die Vertreter und Repräsentanten der Landmaschinen- und Düngemittelindus-
trie. Auch wurden die Mitarbeiter und Direktoren der staatlichen regionalen Beratungsstellen (Landwirtschaftsämter und Landwirtschaftskammern) Mitglied der DLG. Ja, es war für viele eine Ehre, dazu zu gehören. Selbst Bismarck, der damalige Reichskanzler, wurde Mitglied. So hatte die DLG schon im Jahre 1896, also 12 Jahre nach der Gründung, bereits 12 000 Mitglieder. Nun wissen wir um die Ursprünge der DLG und kennen den Vorgänger des heute unentbehrlichen TÜV, den damaligen Dampfkesselüberwachungsverein.

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