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Biodiverstät

Artenvielfalt - Erst die Insekten, dann die Vögel

Dieser Artikel ist zuerst im Bayerischen Landwirtschaflichen Wochenblatt erschienen.

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Lerche
© imago/blickwinkel
von , am
12.06.2017

Gut Thambach - Der Rückgang der Artenvielfalt oder auch Biodiversität genannt ist einer der Vorwürfe, die der intensiven Landwirtschaft gemacht werden. Dabei ist gesichertes Wissen rar, vor allem darüber, wie sich dieser Trend umdrehen lässt.

Eine von zehn – mehr hat Vogelkundler Mark Schönbrodt nicht brüten sehen. Das heißt, von den zehn Vogel­arten Feld- und Haubenlerche, Neuntöter, Gold- und Grauammer, Braunkehlchen, Steinkauz, Rotmilan und Uferschnepfe zieht auf den Beobachtungsflächen am Gut Thambach lediglich die Goldammer Nachwuchs auf. Die zehn Vogelarten beschreiben bundesweit als sogenannte Agrarindikatoren den Zustand von Acker- und Grünland als Lebensraum für Vögel. Aber: Zugleich hat der Vogelkundler auf den 180 ha 423 Brutpaare von anderen 24 Vogelarten entdeckt.
Worauf soll man also die Lupe richten? Auf das, was fehlt oder auf das, was da ist? Dem Thema Artenvielfalt oder Biodiversität (wie Artenvielfalt auch genannt wird) lässt sich nicht einfach gerecht werden. Das zeigte wieder einmal ein Praxistag am Gut Thambach. Dieser Betrieb ist in ein deutschlandweites Nachhaltigkeitsprojekt der Firma BASF eingebunden. Ende Mai trafen sich zum wiederholten Mal Landwirte und Experten aus der Region und aus ganz Deutschland, um zu begutachten, wie sich Biodiversität und moderner Ackerbau vereinbaren lassen – oder auch nicht. Das ist ein überaus aktuelles Thema, denn egal wie man es dreht und wendet, dem Erhalt der Artenvielfalt müssen sich die Landwirtschaft und die Landwirte stellen.
Keine invasiven Arten und keine Kulturarten
Einer der das tut, ist Hans Holland. Der Verwalter der beiden landwirtschaftlichen Betriebe der Gutsverwaltung Huber in Thambach (Lks. Mühldorf) und Dorfen (Lks. Erding) stellt sich dem Thema seit mehreren Jahren. In Thambach sind dazu mehrere Flächen aus der Produktion genommen und in wertvolle Blühflächen umgewandelt worden. Gemeinsam mit externen Wissenschaftlern, die das BASF-Projekt begleiten, hat er spezielle Beobachtungsflächen eingerichtet.
Zu zwei von ihnen hat er am Praxistag die Gäste geführt. Auf einem Streifen entlang des Waldsaums blüht zu diesem Zeitpunkt vor allem die Margarite. Aber die anderen Wildkräuter stehen schon parat, bald wird es bunt. Die Blühmischung stammt von Landwirt Georg Hans, der nur wenige Kilometer entfernt Saatgutmischungen mit regionalen Blühpflanzen entwickelt und vermehrt.
Das ist ein wichtiger Punkt, der vor Ort diskutiert wird. Blühmischungen sollen – wenn möglich – an den Naturraum angepasste Arten enthalten und frei sein von invasiven Arten. Damit sind Pflanzen gemeint, die sich schnell ausbreiten und andere Arten unterdrücken können. Als Beispiel gelten Kreuzblütler wie Raukearten oder das Barbarakraut. Auch Pflanzenarten, die als Kulturarten angebaut werden, sollten nicht in den Mischungen enthalten sein, und der Gräseranteil generell gering bleiben.
Dann sind die Voraussetzungen, dass eine Blühfläche, auch wenn das Saatgut zunächst teurer ist, auch über einen längeren Zeitraum ihren vielfältigen Kräuteranteil behält. Sie bleibt damit in sich artenreich und bietet dauerhaft einer Vielzahl Insekten Lebensraum. Diese sind wiederum die Nahrungsgrundlage für die Vögel. Dann fehlt diesen nur noch eines: der geeignete Lebensraum. Und oft scheint es dieser Punkt zu sein, der das Vorkommen begrenzt. „Uns fehlen die offenen Brachen“, sagt Vogelkundler Schönbrodt.
Was es früher öfter gegeben hat – wilde, unbebaute, ungepflegte Teilflächen, die keinen gekümmert haben, aber damit umso wertvoller sind für Wildarten – sind oft verschwunden. Das gleiche gilt für Agrarbrachen. Und auch die Übergänge zwischen Wald, Wiese und Acker sind oft zu abrupt. Hecken werden oft falsch gepflegt, nach oben wachsen sie in den Himmel, unten lichten sie aus – oben darf der Raubvogel Ausschau halten, unten fehlt die Deckung für das Rebhuhn und den Feldhasen.
Bürokratie hemmt die Eigeninitiative
Beileibe nicht alle Vorwürfe sind bei den Landwirten richtig aufgehoben. Das findet an diesem Tag zumindest der Landshuter BBV-Kreis­obmann Georg Sachsenhauser. Er bedauert vor allem auch bürokratische Vorgaben, die sich kontraproduktiv auswirken. „Wenn man Vielfalt will, muss man Vielfalt walten lassen“, sagt er und allzu oft fehlt der Freiraum für Initiativen der Landwirte.
Es sind Stichworte wie Umbruchverbot oder Unveränderlichkeit, die sich als Hemmnisse erweisen. Aber auch starre Mindestgrößen etwa für Randstreifen werden, weil sie sich immer leichter messen lassen, auch bei geringfügigsten Abweichungen den an sich am Wohl der Natur interessierten Landwirt auf die Füße geworfen. Aber die Landwirte können natürlich schon etwas tun. Ein Beispiel sind die Lerchenfenster, also etwa 20 m2 große Sälücken in den Wintergetreidebeständen, die den Lerchen als Start- und Landebahn sowie als Lebensraum für die Jungvögel dienen. Sie erhöhen nachweislich die Anzahl der Brutpaare und auch der erfolgreichen Bruten und kosten mit etwa 20 ct/m² wirklich nicht viel.
Lerchenfenster
helfen nachweislich
Mark Schönbrodt konnte in einem anderen Modellbetrieb für Biodiversität feststellen, dass mit Lerchenfenstern sich die Anzahl der Brutpaare um bis fast 50 % im Wintergetreide erhöht. Vor allem sind auch zu späteren Zeitpunkten im Jahr noch Brutpaare zu finden, was schlicht bedeutet, dass sie nicht nur die ersten Eier ausgebrütet haben, sondern auch eine zweite Brut betreuen konnten.
In Thambach konnte der Vogelkundler bislang zwar einzelne Feldlerchen beobachten, aber noch keine Brutpaare nachweisen. Das gleiche gilt für die Zeigerart Neuntöter. Der Trend, dass die Vogelarten in den Agrarlandschaften abnehmen, gilt als sicher, und der vor Jahren ausgegebene Zielwert ist noch lange nicht erreicht.
Generell gilt, dass im Süden Deutschlands die Feldlerche mittlerweile vergleichsweise selten geworden ist. „Es gibt Landkreise ganz ohne die Feldlerche“, bedauert Schönbrodt. Das bedeutet natürlich auch, dass sie nicht sofort wieder zu sehen sein wird, wenn irgendwo die eine oder andere Maßnahme durchgeführt wird. Es braucht schon längerfristigere Maßnahmen, das BASF-Projekt ist jedenfalls auf eine Mindestlaufzeit von zehn Jahren angelegt. „Wir wissen ja auch vieles noch gar nicht“, sagt Betriebsleiter Hans Holland. Zum Beispiel, wie die Blühflächen wirklich optimal geführt werden. Also lieber sich selbst überlassen oder mähen und das Schnittgut abfahren oder lediglich mulchen?  Holland sieht es auch als enorm wichtig an, dass es mehr Vernetzung von solchen die Biodiversität unterstützenden Maßnahmen gibt.
Das könnte auf Gemeindeebene beginnen, dürfte dort aber nicht enden. Ein wichtiger Punkt sind Feld­raine und Straßenböschungen. Während Landwirte ihre Feldraine aufwerten könnten oder zumindest nicht immer alle zeitgleich (und zur unpassenden Zeit, wenn die Wildtierarten sie brauchen) abmähen, könnten auch die Gemeindebauhöfe mehr Bewusstsein für den Naturschutz entwickeln. Es muss nicht immer jeder Straßenrand bis auf wenige Zentimeter heruntergeschnitten werden.
Bei der Veranstaltung in Thambach wurde eine Vielzahl an Themen diskutiert. Das war auch gut so. Denn bestimmt nicht zufällig waren auch Vertreter von Naturschutzbehörden, aber auch des bayerischen Landwirtschaftsministeriums und sogar des Bundeslandwirtschaftsministeriums und der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) angereist. Das Thema Artenvielfalt in den Agrarlandschaften bleibt mit Sicherheit auf der Tagesordnung.
Noch gilt vor allem eines: Viel weiß keiner darüber. Projekte wie das in Thambach leisten von daher wichtige Grundlagenarbeit. Und eine der getroffenen Aussagen ist für die Landwirtschaft schon wichtig: Moderner Ackerbau und Biodiversität müssen sich nicht ausschließen. Aber etwas Anstrengung, um der begleitenden Flora und Fauna auch etwas Raum zu geben, braucht es schonWolfgang Piller

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