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Zuckerrüben

In guten wie in schlechten Zeiten?

Zuckerrüben Anfang Juni 2019
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Karola Meeder, Wochenblatt
am
04.06.2019

Die Zuckerbranche steckt in einer nie da gewesenen Krise. Rübenanbauer überlegen, aus dem Anbau auszusteigen. Dabei sollte aber eines klar sein: Jedem Werk, das nicht optimal ausgelastet werden kann, droht die Schließung.

Wir werden Weltmarktführer – dieses Ziel hat Südzucker nach dem Ende der Quotenregelung ausgerufen. Der Weg dorthin war klar: Die Produktion ausdehnen und die Werke besser auslasten – dadurch die Kosten senken und darauf warten, dass genügend Konkurrenten die Luft ausgeht. Dann sollten die Zuckermengen, die auf den Markt drängen, sinken und die Preise wieder steigen – dass auch den bayerischen Rübenanbauern und Südzucker selbst die Luft knapp werden könnte, damit hat man wohl nicht gerechnet. Aber genau das ist passiert. Die Märkte sind zusammengebrochen und die Preise gnadenlos abgestürzt. Ein bayerischer Betrieb mit 8 ha Rüben habe seit 2016 im Schnitt 10 000 €/Jahr verloren, resümierte Helmut Friedl, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zuckerrübenanbauer bei der Mitgliederversammlung in Mamming. Erstmals gebe es Betriebe, die mit der Rübe kein Familieneinkommen erwirtschaften konnten.

Zuckerrüben Anfang Juni 2019

„Höchste Zeit, um aus dem Rübenanbau auszusteigen“, dürften sich wohl schon viele Anbauer gedacht haben – einige haben es auch gemacht: Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) schätzt, dass die Rübenanbaufläche 2019 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 12 000 ha gesunken ist – da die Verträge für 2019 abgeschlossen wurden, als das Ausmaß der Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der EU noch nicht absehbar war, geht die WVZ davon aus, dass die Rübenanbaufläche 2020 noch einmal deutlich sinken wird.

Wenn die Marktlage gut ist, anbauen, und wenn die Preise im Keller sind, nicht anbauen – was aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht völlig richtig ist, gilt nicht für die Rübe. Wenn nämlich zu viele Anbauer nach diesem Motto handeln, kann das fatale Folgen für den bayerischen Rübenanbau haben – und die Angst, dass sich zu viele Anbauer von der Rübe verabschieden, ist bei Südzucker und den Anbauverbänden durchaus präsent. Und so ist man bemüht, bei Veranstaltungen zum einen die Strategie und die Beweggründe von Südzucker zu erklären und zum anderen vorsichtige Zuversicht zu verbreiten: Man könne mit einer leichten Entspannung der Märkte rechnen – so der Tenor von Südzucker und Anbauverbänden (siehe Kasten unten).

Kritik an der Verbandsspitze

Von Entspannung kann bei den Anbauern dagegen keine Rede sein. Einige machten ihrem Ärger bei der Mitgliederversammlung in Mamming Luft: „An diesem Preisdesaster ist Südzucker mit Schuld und ausgetragen wird es auf unserem Rücken“, kritisierte ein Rübenanbauer – und bekam lautstarken Beifall. Die Verbandsspitze sei ohnehin nur noch das ausführende Organ von Südzucker und solle über einen Rücktritt nachdenken, führte er weiter aus und forderte dazu auf, den Vorstand bei der anstehenden Abstimmung nicht zu entlasten – auch dafür gab es Beifall. Die reißerische Stimmung hatte sich aber schnell wieder gelegt, von über 100 Stimmberechtigten, waren nur 15 gegen die Entlastung des Vorstandes.
Friedl

Trotzdem gab es reichlich Klärungsbedarf. Helmut Friedl und Fred Zeller, Geschäftsführer der SZVG, standen Rede und Antwort – auch zu der Frage, warum die Produktion nach dem Quotenende erhöht wurde, obwohl doch absehbar war, dass es deutliche Überschüsse am Markt geben würde. Die schlichte Antwort: Weil die Verarbeitungskapazitäten da waren – und die mussten genutzt werden, um die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten. Hätte man das nicht getan, hätte man schon 2017 Werke schließen müssen. „Und das zu einer Zeit in der wir noch geglaubt haben, dass es in Europa künftig auf einem liberalisierten Markt einen freien Wettbewerb gibt“, erklärte Zeller.

Da hatte man die Rechnung aber ohne die Politik gemacht, denn länderspezifische Entscheidungen haben zu Rahmenbedingungen geführt die alles andere als gleich sind: 13 von 19 zuckererzeugenden Staaten haben gekoppelte Zahlungen an ihre Rübenanbauer ausbezahlt, führte Zeller weiter aus. Dazu komme noch die massive Diskriminierung im Pflanzenschutz – alleine der Wegfall neonicotinoider Beizen verursache den deutschen Rübenanbauern rund 300 €/ha Mehrkosten im Vergleich zu den europäischen Kollegen, die dank Notfallzulassung weiterhin die bewährten Beizen haben. In Deutschland wurde die Möglichkeit, für die neonicotinoiden Beizen eine Notfallzulassung zu erlassen, von Anfang an strikt abgelehnt.
Erst kürzlich hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner wieder „ihre klare Linie gegen Neonicotinoide“ betont – das Paradoxe daran: Die Ausbringung geringer Wirkstoffmengen über das Saatgut wird strikt abgelehnt, aber für das Insektizid Carnadine mit dem Neonikotinoid Aacetamiprid wurde für die Ausbringung in Zuckerrüben eine Notfallzulassung für 120 Tage erteilt. Was fachlich kaum nachvollziehbar ist, versteht die Öffentlichkeit natürlich erst recht nicht und so braucht man sich über empörte Schlagzeilen wie „120 Tage Tod“ (Süddeutsche Zeitung) nicht wundern.

Sorgen der Rübenanbauer finden kaum Gehör

Das Beispiel Rübenbeize macht deutlich, dass es Rübenanbauern an politischem Rückhalt fehlt. Das wurde auch bei der Mitgliederversammlung in Mamming mehrfach betont – unter anderem von Bauernpräsident Walter Heidl. Helmut Friedl berichtete von einem Termin zwischen Vertretern der Zuckerbranche und Julia Klöckner. Dabei sei vor allem eines deutlich geworden, nämlich, dass „die Sorgen der Rübenanbauer kaum Gehör finden“. Dabei sind die Rübenanbauer darauf angewiesen, dass sich die Politik für sie stark macht – oder wie es Friedl ausdrückte: „Am Ende des Tages entscheidet die Politik, wie es mit der Rübe weiter geht“. Zur Verdeutlichung: Nur die beiden Faktoren „Notfallzulassung für neonikotinoide Beizen“ und „gekoppelte Prämien“ (bis zu 600 €/ha) ergeben für viele europäische Rübenanbauer einen Kostenvorteil von bis zu 900 €/ha.
„Von einem freien Wettbewerb kann hier keine Rede sein“, fasste Zeller zusammen. Daher jetzt der Kurswechsel von Südzucker: Zuckermengen zurückfahren und Kosten sparen. Der sogenannte Restrukturierungsplan von Südzucker sieht jährliche Einsparungen von 100 Mio. € vor. Wesentlicher Bestandteil ist die Schließung von fünf Zuckerfabriken mit einem Produktionsvolumen von rund 700 000 t. Davon sind auch zwei Werke in Deutschland betroffen: Brottewitz (Brandenburg) und Warburg (Nordrhein-Westfalen). Die Lieferrechte der betroffenen Anbauer sollen zum Teil zurückgegeben werden und zum Teil über Transferprogramme an die Anbauer der Werke Zeitz und Wabern übergehen, wie Fred Zeller erklärte.

Rohstoffsicherungsprämie unter Beschuss

„Zum ersten mal werden Anbauer ausgeschlossen. Das ist ein sehr harter Schritt“, resümierte Dr. Stefan Streng, Vorsitzender des Verbandes fränkischer Zuckerrübenanbauer bei einer Kontrahierungsveranstaltung in Oberscheckenbach (Lks. Ansbach). Dieser Schritt sei aber unumgänglich gewesen. Man habe gemerkt, dass es keinen Sinn ergebe, für den Weltmarkt zu produzieren. Daher müsse Südzucker die Zuckermengen herunterfahren – über alle Werke verteilt gleichmäßig weniger Zucker zu produzieren, wäre aber fatal, denn dann wären alle Werke schlecht ausgelastet und die Produktionskosten würden überall steigen. Die schmerzhafte, aber logische Konsequenz daraus: Werke schließen und die restlichen optimal auslasten.

Optimal auslasten – das bedeutet rund 125 Kampagnetage. In den bayerischen Werken erreiche man das mit rund 140 % der Lieferrechtsmengen, wie Fred Zeller in Mamming erklärte. Er erklärte auch, dass es für den Fortbestand eines jeden Werkes zwingend nötig sei, dass es betriebswirtschaftlich optimal ausgelastet ist – und dazu braucht es gewisse Rübenmengen.

Um sicherzustellen, dass diese Mengen auch geliefert werden, gebe es die „Rohstoffsicherungsprämie“. Die Rohstoffsicherungsprämie für die Erntemenge 2017 habe Südzucker rund 45 Mio. gekostet, die geplanten 7 € für die Erntemenge 2018 kosten 77 Mio. € – „und das in einer Zeit, in der Südzucker im Zuckersektor 240 Mio. € Verlust gemacht hat“, verdeutlichte Zeller.

Viele Anbauer schauen aber mit anderen Augen auf die Sicherungsprämie. Für sie ist sie in erster Linie „ein Korsett, in das sie gezwängt werden“, wie es einer der Rübenanbauer ausdrückte. Denn ausbezahlt wird die Prämie nur, wenn der Liefervertrag für das Folgejahr abgeschlossen wird – und bei Nichtlieferung wird sie wieder zurückgefordert.

Dazu zwei Punkte zur Entschärfung: Bei der Rohstoffsicherungsprämie wird kein Unterschied gemacht, ob der Anbauer selbst, sein Nachfolger oder ein Übernehmer (Verkauf oder Leasing) die Rüben anbaut. Zurückzahlen muss also nur derjenige, der seine Lieferrechte entweder zurückgibt oder keinen Übernehmer findet. Die Chancen, einen Übernehmer zu finden, dürften sich mit der neuen Preisgarantie für Basisrüben (siehe unten) erhöht haben – denn die Preisgarantie macht es natürlich attraktiv, alle Mehrrüben, die die 125 %-Grenze überschreiten (Erfüllungsbonus), mit Hilfe von neuen Lieferrechte zu Basisrüben zu machen.

An diejenigen, die aus dem Rübenanbau aussteigen wollen, um wieder einzusteigen, wenn die Preise besser werden, richtete Friedl deutliche Worte: „Wir sind eine Solidargemeinschaft und ich hoffe doch, dass wir alle das selbe Ziel haben. Nämlich unsere Fabriken zu erhalten. Dann kann man aber nicht kommen und gehen, wie man gerade lustig ist, denn wenn eine Fabrik einmal zu ist, dann bleibt sie auch zu.“

Zusatzinfo: „Ab jetzt geht es bergauf“

Südzucker geht davon aus, dass die Talsohle der Krise erreicht ist und es ab jetzt bergauf geht. Mit Blick auf den Weltmarkt wird sich aber nicht viel tun. Denn es ist nicht zu erwarten, dass die zwei großen Zuckerproduzenten Brasilien und Indien (Subventionen von bis zu 150 $/t) ihre Produktion zurückfahren. Positiver stimmt dagegen der Blick auf die EU: Die Zuckerbestände liegen auf einem mehrjährigen Tief von 12,7 Mio. t – der Überschuss hat sich also merklich abgebaut, was natürlich auch mit der schlechten Ernte 2018 zusammenhängt. Südzucker geht außerdem von einem Rückgang der Anbaufläche von 5 % aus, wie Simon Vogel bei einer Kontrahierungsveranstaltung in Oberscheckenbach erklärte. Insgesamt sei daher eine leichte Erholung und Stabilisierung der Märkte zu erwarten.

Zusatzinfo: 30 €/t für Basisrüben zugesichert

Noch bis zum 7. Juni können die Zuckerrübenlieferverträge für 2020 abgeschlossen werden. Um die Rübenanbauer über Neuerungen zu informieren, haben im Mai bayernweit die jährlichen Kontrahierungsveranstaltungen stattgefunden. Hier das Wesentliche:

  • Bisher gab es den Erfüllungsbonus und die Treueprämie – jeweils in einer Höhe von 1,50 €/t. Ab 2020 werden diese beiden Prämien zusammengefasst, dann gibt es nur noch den Erfüllungsbonus in Höhe von 3 €/t. Um den Erfüllungsbonus zu bekommen, müssen mindestens 25 % Mehrrüben kontrahiert werden.
  • Es gibt wieder eine Rohstoffsicherungsprämie. Für die Erntemenge 2018 beträgt sie 7 €/t. Sie wird nur ausbezahlt, wenn der Zuckerrübenliefervertag 2020 abgeschlossen wird – egal ob vom Betriebsinhaber, Hofnachfolger oder dem Übernehmer (Verkauf, Leasing) der Lieferrechte.
  • Für 2020 sichert Südzucker zu, dass die Anbauer für Basisrüben 30 €/t bekommen. Die Differenz aus Kontraktrübenpreis und den zugesicherten 30 €/t soll die Rohstoffsicherungsprämie ausgleichen.
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