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Leinanbau - blau, blau, blau blüht...

Öllein:Lipp_B2
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
05.07.2018

... in diesem Fall nicht der Enzian, sondern der Öllein. Ein Landwirt im Nebenerwerb setzt auf Nischen – auch in seinem Hauptberuf.

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Um halb acht Uhr morgens wird es rund um Brandmeier blau, um halb zehn ist es noch blauer: Der Öllein blüht seit Mitte Juni und setzt seine Farbpunkte nahe der Einöde der Gemeinde Rechtmehring am westlichen Rand des Landkreises Mühldorf. Dass dort auf drei Feldern mit insgesamt gut 5 ha die Ölfrucht das Landschaftsbild auflockert, ist der kurz entschlossenen Entscheidung von Jakob Lipp geschuldet.

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Der Nebenerwerbslandwirt hatte kurz vor Ostern vom Interesse seitens der Ölmühle Garting (bei Schnaitsee am Chiemsee) am Öllein erfahren, sofort die wenigen verfügbaren Informationen rund um den Anbau recherchiert, sich über die Ölmühle das Saatgut verschafft und am Osterdienstag die Felder bestellt. „Unsere Großväter haben noch Lein angebaut und sie wussten alles darüber“, sagt Lipp, doch heute ist kaum noch Wissen verfügbar. In den Fachbüchern gibt es nur ein paar dürre Zeilen und „auch Dr. Google weiß nicht viel“, hat Lipp bei seiner Internetsuche erfahren müssen.

Mehr Wasser hätte gutgetan

Der Lein ist gedrillt im Reihenabstand von 12 cm und einer Sästärke von 650 Körnern/m². Bei einem TKG von nur 8 g ist das Einstellen der Sämaschine durchaus anspruchsvoll. Als Ziel hatte Lipp eine Bestandesdichte von rund 550 Pflanzen angestrebt. „Da bin ich nicht weit weg davon“, meint er, obwohl ihm das allzu trockene Jahr nicht geholfen hat. Im Gegenteil: Denn der Lein mit seiner nur sehr kleinen Pfahlwurzel braucht Wasser in seiner Jugend.
In der Folge sind jetzt die Pflanzen 20 bis 30 cm kürzer, als sie sein sollten. Die Folgen davon sind noch nicht ganz abzusehen. Denn weil der Lein üblicherweise beim Mähdrusch relativ weit oben abgeschnitten wird, könnten viele der Samenträger am Reststängel hängen bleiben – und den eh schon reduzierten Ertrag weiter schmälern. Um 18 dt/ha Ertrag sollten die kleinen Kapseln mit ihren fünf Kammern und je zwei Körnern liefern, theoretisch. Ob Lipp so viel von seinen Feldern holt, kann noch nicht gesagt werden, er hofft auf immerhin 12 bis 14 dt/ha.
Öllein geht als extensive Frucht durch. Er braucht allenfalls eine kleine Düngergabe zum Start. Hilfreich war, das glaubt Lipp, dass er anders als in den Jahren zuvor den Pflug in der Scheune ließ. So hat er nur am Tag vor der Saat den abgefrorenen Zwischenfruchtbestand gemulcht und oberflächlich eingearbeitet. Das gesparte Wasser hat wohl noch Schlimmeres verhindert. Weil er auf den Düngeeffekt der eingearbeiteten organischen Masse setzte, hat er den Lein gar nicht gedüngt. Dafür hat er im Vorauflauf mit Callisto eines der wenigen erlaubten Herbizide verwendet. Denn der Lein braucht etwas Schutz vor Unkrautkonkurrenz. Die wenigen Distelflecken dagegen werden wohl zur Beschäftigung an einem Sonntagnachmittag werden.

Goldener Lein schmeckt besser

Übrigens wächst auf Lipps Feldern sogenannter goldener Lein. Die Körner sind heller als die bekannten dunkelbraunen Körner und sie liefern das schmackhaftere Öl. Mit seinem hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren ist es in der ernährungsbewussten Küche mittlerweile sehr beliebt. Im Hofladen der Ölmühle (www.oelmuehle-garting.de) kostet der halbe Liter handwerklich gefertigtes Leinöl acht Euro, wobei kleinere Flaschen empfehlenswert sind, da das Öl nicht sehr lange haltbar ist.
Ebenfalls im Trend, und zwar bei den vielen Hummeln, Bienen und Schmetterlingen, sind derzeit die blauen Blüten. An den warmen und langen Junitagen summte es unüberhörbar in den Leinfeldern. Damit dies in den Jahren, wo auf den Äckern keine so attraktiven Blühpflanzen wachsen, nicht abreißt, hat Lipp übrigens mehrere Dauerblühflächen etabliert.

Eine Fruchtfolge macht der Nebenerwerbslandwirt, der übrigens als Mentalmagier und Gedankenkünstler auf der Bühne Menschen begeistert und zum Querdenken anregt, über die Jahre. Jedes Jahr wächst eine andere Kultur auf seinen Äckern: Leguminosen wie die Erbse oder blaue Lupine genauso wie Getreide. Im nächsten Jahr könnte der Brotroggen wieder dran sein. Auch für diesen hat er einen Abnehmer aus der Region. Mit der Draxmühle in der Heimatgemeinde Rechtmehring hat schon sein Vater Geschäfte gemacht. Über die Verträglichkeit von Vor- und Nachfrucht braucht er sich keine Gedanken machen. Der blaue Lein ist mit so gut wie keiner anderen Kultur verwandt, allerdings braucht er eine Anbaupause von einigen Jahren. Aber vielleicht kommt er ja wieder etwas heraus aus seiner Vergessenheit und setzt seine Farbpunkte auf weiteren Feldern in Bayern.

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