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Sabotage

Mulmiges Gefühl bei der Maisernte

Maishäcksler
Michael Ammich
am
07.10.2017

Dillingen - Sabotage in Schwabens Äckern: Im Mais versteckte Metallteile gefährden Menschen und zerstören Maschinen.

Mit immer größerer Raffinesse gehen die Täter vor, die insbesondere in Nordschwaben, aber auch im angrenzenden Mittelfranken und Baden-Württemberg und zuletzt im Ostallgäu vor der Ernte Metallteile in Maisfeldern platzieren. Die Saboteure kennen weder Respekt vor der leiblichen Unversehrtheit der Häckslerfahrer noch vor dem Vermögenswert der teueren Maschinen. Die angerichteten Schäden belaufen sich bis heute auf mehrere Hunderttausend Euro. Die Bewirtschafter der Maisfelder, die Lohnunternehmer oder Häckslerfahrer haben letztlich keine Chance, die Sabotageakte zu verhindern, sagt Wolfgang Gumpp, Mitarbeiter des Maschinenrings Dillingen und technischer Betreuer der Häcksel- und Siliergemeinschaft (HSG) Dillingen. „Es ist unmöglich, jeden einzelnen Maisstängel vor dem Häckseln zu untersuchen.“

Nur magnetisches Metall schlägt an

 Wolfgang Gumpp

Auch die HSG war bereits von einem Sabotageakt betroffen. Ein unbekannter Täter hatte in einem Maisfeld vor der Ernte eine Metallstange platziert. Als sie vom Häckslergebiss erfasst wurde, gingen mehrere Messer zu Bruch. Hält sich bei Attacken mit Eisenstangen der Schaden am Gebiss noch in Grenzen, so kann er gewaltig sein, wenn ein Metallteil in die Trommel gelangt. Zwar verfügen moderne Maishäcksler über einen Metalldetektor an der unteren Einzugswalze hinter dem Gebiss, aber die Sensoren haben einen Schwachpunkt, den die Saboteure auszunutzen wissen. Der Detektor arbeitet nämlich mit einem Magnetfeld, das dementsprechend nur magnetisches Metall erfassen kann. Erkennt der Detektor solche Metallgegenstände, wird der Häcksler sofort abgeschaltet. Nichtmagnetischer Edelstahl oder Aluminium schlüpfen jedoch durch das Raster.

Das bedeutet wiederum, dass die Saboteure zumindest Grundkenntnisse über die Funktionsweise eines Häckslers haben müssen. Von daher kommen also nicht nur „Maisfeinde“ oder vorgebliche Tier- und Umweltschützer als Täter infrage, sondern beispielsweise auch Landwirte, die ihren Biogas-Kollegen den unternehmerischen Erfolg neiden, räumt Gumpp ein.

Tatsache ist jedenfalls, dass der Schwerpunkt der Sabotageakte im Landkreis Donau-Ries mit seiner bekannt hohen Dichte an Biogasanlagen liegt. Andererseits werde es den Tätern und Nachahmetätern auch von den Medien leicht gemacht, schimpft Gumpp. „Die Medien puschen dieses Thema hoch und jeder kann in den Zeitungsberichten im Detail nachlesen, wie er vorgehen muss, damit die Häcksler zielsicher beschädigt werden.“ Die einzige wirksame Maßnahme gegen die Saboteure wäre Stillschweigen, meint Gumpp.

War es im vergangenen Jahr noch die Gegend um Wolferstadt im Nordostries, wo sich die meisten Sabotageakte an Häckslern ereigneten und Schäden von mehr als 200.000 € verursachten, so erfolgten die Anschläge heuer regional deutlich breiter gestreut. Allein im September waren beispielsweise Maisfelder bei Trochtelfingen im Ostalbkreis, bei Bechhofen im Landkreis Ansbach sowie Ehingen, Rain, Niederschönenfeld und Megesheim im Donau-Ries-Kreis betroffen. Bei den Attentaten wurden sowohl Metallstangen als auch Schrauben und kleine Winkelkreuze aus Edelstahl als Waffe eingesetzt.

Leib und Leben des Fahrers in Gefahr

Die Wirkung ist verheerend. Gelangt ein Edelstahlteil am Detektor vorbei über die Vorpresswalzen zur Häckslertrommel, kann ein immenser Schaden entstehen. Die Trommel läuft mit rund 1.000 Umdrehungen pro Minute, erklärt Gumpp. „Da kann sich jeder vorstellen, was passiert, wenn ein Metallteil zwischen die Messer kommt. Sie können komplett abgerissen werden.“ Dann hilft es nur noch, die Trommel vollständig zu ersetzen. Die Kosten dafür belaufen sich schnell einmal auf bis zu 20.000 €.

Das ist aber nicht das Schlimmste. Direkt über der Trommel und nur von einem Bodenblech von ihr getrennt sitzt der Häckslerfahrer in seiner Kabine. „Wer schon einmal einen Steinschlag auf der Windschutzscheibe seines Autos erlebt hat, der weiß, welche Durchschlagskraft dann erst ein Metallteil entwickeln kann, das aus der Trommel in die Häckslerkabine abgefeuert wird.“ Durchdringt das Metall den Kabinenboden, sind Leib und Leben des Häckslerfahrers in Gefahr.

Übernehmen die Versicherungen die Schäden an den Häckslern, die durch Sabotage verursacht werden? „Im Einzelfall sicher“, sagt Gumpp. „Aber wenn sich bei einem Lohnunternehmen solche Schäden häufen, dann wird die Versicherung sagen: Diesen Kunden wollen wir nicht mehr.“

Der oder die Täter konnten bisher nicht gefasst werden. Ein mulmiges Gefühl wird also die Häckslerlenker wohl auch künftig begleiten, wenn sie mit ihren schlagkräftigen Großmaschinen über die Maisfelder fahren. Allein die HSG Dillingen hat im vergangenen Jahr rund 9.500 ha Ackerfläche beerntet: 4.200 ha Mais, 4.800 ha Gras, 350 ha Ganzpflanzensilage und 15 ha Miscanthus.

Einer der HSG-Fahrer ist der Deisenhofener Landwirt Jürgen Hochstädter. Er denkt immer wieder daran, welcher Gefahr er durch die Metallteile im Mais ausgesetzt sein könnte. Schließlich wird die Häckslertrommel mit ihren 36 Messern unter seinen Füßen von 650 PS angetrieben. Da kann schon ein kleiner Metallsplitter ungeheure Kräfte entfalten.

Neid auf die Biogasbauern?

Georg Dölle

Während Hochstädter mit einem zwölfreihigen Claas Jaguar über ein Maisfeld bei Gundelfingen fährt, wird er seitlich vom Peterswörther Landwirt Georg Dölle begleitet. Mit seinem Schlepper und Transportanhänger fährt er neben dem Häcksler im gleichen Tempo her, um das Häckselgut aufzunehmen. Dölle betreibt eine Biogasanlage und schließt nicht aus, dass hinter den Anschlägen auch Berufskollegen stecken könnten.

Der Neid auf die Biogasbauern und der Ärger über die ihnen oft vorgeworfene Pachtpreistreiberei mag in manchem Landwirt Zorngefühle wecken. Aber deshalb beträchtliche Vermögenswerte zerstören, Leben und Gesundheit der Häckslerfahrer gefährden? Dölle schüttelt nur den Kopf. „Ich habe noch nie einem anderen Landwirt etwas weggenommen. Aber die Sorge, dass auch in einem meiner Maisfelder ein Metallteil stecken könnte, habe ich schon.“

Die Schäden können enorm sein: Bis zu 20 000 € kann es kosten, die Trommel eines Häckslers auszuwechseln, wenn sie durch Metallteile im Maisfeld beschädigt wurde. Auch der Peterswörther Biogasbauer Georg Dölle sorgt sich wegen der zunehmenden Anschläge auf Maishäcksler. Er will nicht ausschließen, dass hinter den Sabotageakten verärgerte Berufskollegen stecken könnten.

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