Login
Untersaaten

Mit der Pinzette am Acker

Maisuntersaat
Thumbnail
Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
06.04.2017

München - Untersaaten im Mais können vieles: Boden durchwurzeln, Stickstoff binden, Regenwürmer füttern und das Wasser auf dem Feld halten. Aber eines können auch sie nicht: Die Bürokratie überwinden.

Maisuntersaat

An diesem Tag arbeitet am Maisacker bei Bruckmühl kein starker Traktormotor, sondern flinke Hände und kein geschmiedeter Stahl, sondern feines Eisen. Zwei Freiwillige fischen mit je einer Pinzette auf einem gekennzeichneten Quadratmeter nach Regenwürmern. Zwar geht es bei dieser Demonstrationsanlage viel mehr um Gräseruntersaaten im Mais, doch wie so oft müssen die Würmer ihren geringelten Leib hinhalten: Nichts drückt den Nutzen für die Bodenfruchtbarkeit und für den ökologischen Wert bildhafter aus als die Würmer.
Wer je auf einem der Feldtage von Max Stadler war, kennt dieses Spiel. Der Berater vom Fachzentrum Agrarökologie am Pfaffenhofener Landwirtschaftsamt markiert mit roter Sprühfarbe bei seinen Vorführungen einen Quadratmeter, begießt ihn mit einer Formaldehyd-Lösung und treibt so die Würmer an die Oberfläche. An diesem nasskalten Märzvormittag war es ein Fehler, sich freiwillig zum Einsammeln zu melden: Ein Wurm nach dem anderen kriecht hervor, die Pinzettenarbeit dauert einen ganzen Vortrag lang.
Mindestens vier große Tauwürmer sollten möglichst immer herauskommen. Sie sind die Tiefgräber unter den Regenwürmern und legen die wichtigsten Versickerungsbahnen für späteren Starkregen. Hier in Bruckmühl sind es 16. Und auch die anschließend gemessene Masse sämtlicher Würmer ist immens: 158 g am Quadratmeter entspricht 1580 kg am Hektar – drei Großvieheinheiten! Weil die Würmer nur etwa ein Viertel des Bodenlebens ausmachen, leben an diesem Feld etwa 12 GV je Hektar.
„Die wollen auch gefüttert sein“, sagt Stadler und ist damit mittendrin in seinem Thema. Denn der Vergleich mit der unbegrünten Praxisfläche zeigt eindrucksvoll, wie viel an organischer Masse die Untersaaten gebildet haben. Doch man muss mit ihnen Geduld haben: Noch im Herbst enttäuscht der Aufwuchs regelmäßig, erst über den Winter und mit der beginnenden Vegetation im Frühjahr schieben die Gräser richtig an.
Dabei gibt es Unterschiede zwischen den Mischungen. Je geringer der Anteil an Deutschem Weidelgras und je mehr stattdessen Welsches und Bastardweidelgras in den Mischungen ist, umso stattlicher ist auch der Aufwuchs. Doch der Blick täuscht auch: Denn unterirdisch zieht das Deutsche Weidelgras mit den anderen in etwa gleich. Das heißt: Die Durchwurzelung ist bei den Mischungen vergleichbar, die oberirdische Masse nicht.

Trotz aller Vorteile, für eine Untersaat braucht es Wasser

Das hat Vor- und Nachteile. Der geringere oberirdische Aufwuchs lässt sich leichter vor der nächsten Aussaat wieder umackern. Doch der mastigere Aufwuchs hat im Vergleich noch etwas mehr des Stickstoffs über den Winter transportiert. Geschätzt 40 bis 60 kg/ha haben die Gräser in Bruckmühl bis dahin aufgenommen, das entspricht übrigens einem Wert von – grob gerechnet – 40 bis 60 € für den eingesparten Dünger.
Wenn der Landwirt das anrechnet, kommt er beinahe auf die Kosten der Untersaat. Der Lohnunternehmer, die Firma Freiberger in Obing (Lks. Rosenheim), verlangt inklusive des Saatguts 60 €/ha.
Und die Gräser kosten nichts im Mais­ertrag. Denn ihre Konkurrenzkraft kommt erst nach der Ernte zum Zug. Eingesät werden sie, wenn der Mais in etwa kniehoch ist. In seinem Schatten bilden sie kaum ein Blatt, dafür schon ausreichend Wurzel. Wenn der Häcksler sie wieder ans Licht bringt, können sie gleich loslegen.
Voraussetzung dafür ist, dass es genug Wasser gibt. In Bruckmühl, einige Kilometer westlich von Rosenheim, ist das kein Thema. 1100 l durchschnittlicher Jahresniederschlag reichen bei Weitem. Auch 900 halten jedes Problem fern, bei 850, sagt Stadler, würde er es noch probieren, bei 750 aber es eher sein lassen. So ist dieses Verfahren vor allem für jene Betriebe geeignet, die an den Staulagen der Alpen oder des Bayerischen Walds neben ihrem Dauergrünland noch einige Ackerflächen, aber kaum eine Möglichkeit für weite Fruchtfolgen haben.
Neben den ökologischen Vorteilen wie die intensive Durchwurzelung und das „Futter“ für die Bodenlebewesen, den gespeicherten Stickstoff und die verbesserte Wasseraufnahmefähigkeit der Fläche kommt noch ein für viele Betriebe ausschlaggebender Vorteil hinzu: Sie können damit ihre Greeningauflagen erfüllen.

Klee darf nicht mit gesät werden

Allerdings nur mit reinen Gräsermischungen. Klee darf keiner darin enthalten sein. Warum? „Das weiß keiner“, sagt Stadler und schüttelt den Kopf über die Blüten der Bürokratie. Und aus der Welt schaffen kann diese Vorgabe wohl auch nur derjenige, der sie erschaffen hat. Ob es je dazu kommt? Dann aber könnten einige Praktiker mehr auf Untersaaten setzen. Denn sie könnten so ihrem nach dem Mais geplanten Kleegras einen deutlichen Vorsprung verschaffen.
Bei seiner Versuchsführung lässt Stadler nicht nur Freiwillige arbeiten, er legt auch selbst Hand an. Mit dem Spaten gräbt er Gräserbüschel aus und demonstriert damit die intensive Durchwurzelung des Oberbodens und dessen gute Struktur. Heuer hat der Frost mal wieder mitgeholfen, doch auch in den letzten Jahren ohne Frostgare hat Stadler regelmäßig strukturreiche Böden unter den Gräsersaaten vorgefunden. Er schreibt das nicht nur den Pflanzen zu, auch die Bodenchemie muss passen, vor allem der Kalk, und der Boden darf nicht „zusammengefahren“ sein, also verdichtet.
Noch, meint der Agrarökologe, arbeiten die Maisanbauer mit den Bodenbearbeitungsgeräten eher zu viel. Weniger Einsatz des geschmiedeten Stahls wäre oft besser, für den Mais, Regenwürmer und für die Bodenstruktur. Als Nächstes plant Stadler daher, das Verfahren der Maisuntersaaten zu erweitern zu einem pfluglosen Verfahren, ohne jedoch auf Glyphosatherbizide angewiesen zu sein. Da wird noch einige (Versuchs-)Arbeit vonnöten sein.

Auch interessant