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Landessortenversuch Wintergerste

Rechtzeitig reif geworden

Ulrike Nickl, Lucia Huber Annalisa Wiesinger LfL Pflanzenbau, Freising
am
25.08.2017

München - Die Wintergerste konnte wieder einmal ihren Vorteil ausspielen und vor der Hitzewelle ihre Körner füllen. Die Landessortenversuche machen in diesem Jahr vor allem die Besonderheiten im Anbau und in der Qualität sichtbar.

Mit gut 75 dt/ha wurde heuer der bis jetzt höchste Wintergerstenertrag in Bayern gemessen. Um rund 5 dt/ha liegt das Ergebnis über dem Vorjahr und um 9 dt/ha über dem Fünfjahresmittel. Neben hervorragenden Erträgen sind auch das Hektolitergewicht (HLG) mit 68,4 kg und der Vollgerstenanteil mit 90 % um 1,6 kg bzw. 9 % besser als der fünfjährige Schnitt. Das Tausendkorngewicht (TKG) sowie der Proteingehalt bewegen sich im Mittelfeld. Die Wintergerstenfläche betrug 2017 in Bayern rund 229 000 ha und lag damit etwa 5 % unter Vorjahresniveau.
13 zweizeilige und ebenso viele mehrzeilige Sorten standen heuer an neun bzw. fünf Standorten im Landessortenversuch (LSV). In den letzten Jahren wurden an vier bis sechs Orten die zwei- und mehrzeiligen Versuche nebeneinander angebaut. Ein Vergleich der beiden Sortimente an diesen Standorten ergibt im fünfjährigen Mittel einen Ertragsvorteil von 4 % zugunsten der Mehrzeiler.
In den LSV werden alle Sorten unter intensiver (Stufe 2) und extensiver Bestandesführung (Stufe 1) geprüft. Düngung, Herbizid- und Insektizideinsatz sind in beiden Stufen einheitlich. Während bei den Intensivvarianten Wachstumsregler und Fungizide nach Bedarf eingesetzt werden, erhalten die extensiven Varianten keinen oder nur wenig Wachstumsregler und keine Fungizide. Die Anlage von zwei Behandlungsstufen hat den Zweck, dass mit der extensiven Stufe Informationen über Krankheitsresistenzen, Lagerneigung und Strohstabilität der Sorten gewonnen werden können. Mithilfe der Stufe 2 wird dagegen das Leistungsniveau der Sorten unter ortsüblichen, intensiven Produktionsbedingungen ermittelt.
Im fünfjährigen Schnitt bringen die Intensivvarianten einen Mehrertrag von rund 17 dt/ha (23 %) bei zusätzlichen Kosten von etwa 130 €/ha. Neben der Ertragssteigerung wird durch den Einsatz von Wachstumsreglern und Fungiziden häufig auch eine Verbesserung der Kornqualität erzielt. Im Schnitt erhöht sich durch den Mehraufwand das HLG um 3 kg, das TKG um 5 bis 6 g und der Marktwarenanteil (> 2,2 mm) von 92 auf 97 %.

Ertrag ist nicht alles

Zu beachten ist, dass die Intensitätssteigerung jedoch nicht immer wirtschaftlicher ist. Heuer reichten zum Beispiel am Standort Wöllershof im Landkreis Neustadt an der Waldnaab die Mehrerträge von 3,3 dt/ha nicht aus, um die zusätzlichen Kosten für Pflanzenschutzmittel zu decken.
Der Ertrag ist wichtig, sollte aber nicht das alleinige Entscheidungskriterium bei der Sortenwahl sein. Abbildung 1 zeigt die mehrjährigen Leistungen neuer und bewährter Sorten in den vier bayerischen Anbaugebieten. Die Auswertung umfasst die Ergebnisse der zurückliegenden fünf Jahre aus LSV und vorangegangener Wertprüfung. Bei den dargestellten Erträgen handelt es sich um Relativerträge.
Bei der Sortenwahl sollte nicht nur auf die optimal behandelte Stufe geachtet werden, sondern auch das Ergebnis der Stufe 1 ist zu berücksichtigen. Sorten, die dort gute Leistungen erzielen, sind unproblematischer in der Bestandesführung, da sie eine nicht termingerechte oder ausbleibende Pflanzenschutzbehandlung eher tolerieren. In den folgenden Sortenbeschreibungen wird vorrangig auf die Besonderheiten der Sorten eingegangen. Es werden somit in der Regel nur die Eigenschaften beschrieben, die deutlicher vom Versuchsmittel abweichen.

Zweizeilige Sorten

Die meisten zweizeiligen Sorten unterscheiden sich im LSV im Ertrag nicht wesentlich. Lediglich die Braugerste KWS Liga fällt in allen Anbaugebieten deutlicher ab.
California wird seit mehreren Jahren von der staatlichen Beratung bayernweit zum Anbau empfohlen. Ihre Kombination aus mittel bis guter Standfestigkeit und guter Halm- und Ährenstabilität ist positiv zu beurteilen. Abgesehen von ihrer mittleren Zwergrostresistenz verfügt sie über eine überdurchschnittliche Blattgesundheit.
Sandra hebt sich durch ihr sehr großes Korn von den anderen Gersten ab. Sie besitzt auch ein gutes HLG, ein sehr hohes TKG und ein schön ausgebildetes Korn. Ihre Mehltau­resistenz ist gut. Bei der früher reifenden Sorte ist auf Ährenknicken, Ramularia/Blattflecken und Zwergrost zu achten. Ihre Winterhärte ist unterdurchschnittlich. Sandra wird bayernweit von der staatlichen Beratung zum Anbau empfohlen.
SU Vireni bringt bei mehrjähriger Betrachtung überdurchschnittliche Ergebnisse in der extensiven Stufe 1. Bei intensiver Bestandesführung zählt sie mit Relativerträgen zwischen 97 und 100 % nicht zu den Ertragsstärksten. Sie weist große Körner sowie ein hohes Hektoliter- und Tausendkorngewicht auf. Im LSV ist sie die Sorte mit der besten Standfestigkeit und Halmstabilität. SU Vireni eignet sich deshalb gut für Gülle­betriebe und Standorte, die viel Stickstoff nachliefern.
Colonia ist eine früher reifende Sorte mit etwas unterdurchschnittlicher Sortierung. Im zweizeiligen Sortiment liegt ihre Halm- und Ährenstabilität im schwächeren Bereich. Beim Anbau ist auf Netzflecken zu achten. Ihre Winterhärte ist unterdurchschnittlich.
Caribic weist ein hohes HLG auf. Vorteilhaft ist auch die Kombination aus guter Standfestigkeit und geringer Neigung zu Halm- und Ährenknicken. Für Mehltau und Rhynchosporium ist die später abreifende Sorte anfällig. Gegenüber Ramularia/Blattflecken zeigt sie sich widerstandsfähig. Caribic ist sowohl gegen das bodenbürtige Gelbmosaikvirus Typ 1 als auch gegen Typ 2 resistent. An Standorten, die mit Virustyp 2 befallen sind, erkennbar daran, dass einfachresistente Sorten Befallssymp­tome zeigen, hat der Anbau dieser Doppelresistenten Vorteile.
KWS Infinity liefert in der intensiven Stufe 2 überdurchschnittliche Ergebnisse. Unterbleibt aber eine Fungizidbehandlung und wird kein/kaum Wachstumsregler eingesetzt, fällt sie ertraglich stärker ab. Beim Anbau ist auf Mehltau zu achten, ihre Zwergrostresistenz dagegen ist gut. In den Versuchen neigt sie stärker zu Halmknicken.
Anisette ist in der Ertragstabelle nicht ausgewiesen, da sie heuer nicht mehr im LSV stand. Standfestigkeit, Strohstabilität, Blattgesundheit und Kornqualität liegen im Bereich des Versuchsmittels. In der Winterhärte gehört sie zu den Besseren. Zu beachten ist, dass sie keine Gelbmosaikvirusresistenz besitzt. Deshalb eignet sie sich nur für befallsfreie Standorte.
Kathmandu ist eine kurzstrohige Sorte mit guter Ährenstabilität, aber nur mittlerer Standfestigkeit. Ihr HLG und ihre Korngröße sind geringer als bei den meisten anderen Zweizeilern. Sie hat eine gute Zwergrostresistenz, anfälliger zeigte sie sich jedoch für Ramularia/Blattflecken.

Einjährig im LSV geprüfte Sorten

Von den neueren Sorten sticht im Ertrag keine besonders hervor.

  • SU Ruzena ist eine kurzstrohige Sorte mit guter Standfestigkeit, aber nur mittlerer Ährenstabilität. SU Ruzena und die ebenfalls erstmals im LSV geprüfte LG Caspari schieben früh die Ähren, reifen jedoch nicht zeitiger ab als die meisten anderen Sorten. LG Caspari besitzt eine gute Mehltauresistenz und weist eine geringe Wuchshöhe auf, in der Halmstabilität gibt es bessere.
  • KWS Carbis wurde in einem anderen europäischen Land zugelassen. Sie kann somit auch in Deutschland vertrieben werden. Die kurzstrohige Sorte wird als standfest und wenig anfällig für Ährenknicken beschrieben. Ihre Mehltauresistenz ist unterdurchschnittlich.
  • Padura ist großkörnig und weist ein hohes TKG auf. Sie besitzt als einzige Neuzulassung keine Resistenz gegen bodenbürtige Gelbmosaikviren. Padura und Julena haben beide, abgesehen von der mittleren Mehltauresistenz, eine überdurchschnittliche Blattgesundheit. Julena wird als gut standfest und halmstabil bewertet. Sie bringt in Stufe 1 überdurchschnittliche Erträge. In den Intensivvarianten überzeugt sie mit Relativerträgen von 97 und 98 % nicht.

Winterbraugerste

  • KWS Liga ist eine Sorte mit guten Mälzungs- und Braueigenschaften. Sie bildet im Ertrag jedoch das Schlusslicht. Die Produktion von Winterbraugerste ist deshalb nur empfehlenswert, wenn Preisaufschläge für die Ware gezahlt werden. Vor dem Anbau ist es sinnvoll, die Sorte mit dem Abnehmer abzustimmen oder einen Anbauvertrag abzuschließen. Beim Anbau ist auf die nur mittlere Standfestigkeit und Halmstabilität sowie auf die schwache Mehltauresistenz zu achten. Gegenüber Ramularia/Blattflecken ist sie weniger anfällig.

Mehrzeilige Sorten

  • KWS Meridian bringt im Vergleich zu den anderen Mehrzeilern mittlere Erträge bei guter Korngrößensortierung. Sie neigt zu Lager und Halmknicken. Ihre Winterhärte ist dagegen überdurchschnittlich. KWS Meridian ist seit mehreren Jahren bayernweit zum Anbau empfohlen.
  • Die Hybridsorte Wootan, die wie alle Hybriden auf Wunsch des Züchters um 25 % dünner gesät wurde, liefert durchschnittliche Erträge. Sie ist eine kleinkörnigere Sorte mit unterdurchschnittlichem TKG, aber mittel bis hohem HLG. In den bayerischen Versuchen zählt sie zu den lageranfälligeren und stärker zu Halm- und Ährenknicken neigenden Sorten. Gegenüber Zwergrost ist die längerstrohige Wootan anfällig, ihre Mehltauresistenz ist dagegen gut. Zu beachten ist, dass Hybridsaatgut nicht nachgebaut werden darf und die Saatgutkosten pro Hektar, trotz niedrigerer Saatstärke, höher sind als bei herkömmlichen Liniensorten.
  • KWS Tonic bringt mehrjährig in allen Anbaugebieten gute Erträge. Negativ fällt jedoch ihre erhöhte Anfälligkeit für alle wichtigen Blattkrankheiten auf.
  • SU Ellen zeigt sich besonders in der extensiven Stufe ertragsstark. Sie besitzt ein großes Korn, aber nur ein mittel bis geringes HLG. Die früher reifende Sorte bildet dünnere Bestände. Sie ist die standfesteste im mehrzeiligen Sortiment, jedoch mit Hang zu Ährenknicken. Ihre Resistenzen gegen Mehltau und Rhynchosporium sind gut, anfälliger erweist sie sich für Zwergrost und Ramularia/Blattflecken. Gegen die bodenbürtigen Gelbmosaikvirustypen 1 und 2 (BaYMV) ist sie resistent, nicht jedoch gegen das Milde Gerstenmosaik­virus (BaMMV), das nach jetzigem Kenntnisstand weniger ertragswirksam ist als die beiden erstgenannten Typen.
  • KWS Kosmos hebt sich, abgesehen von der überdurchschnittlichen Winterhärte und der hohen Anfälligkeit für Zwergrost, in den weiteren Eigenschaften kaum vom Versuchsmittel ab.
  • Joker schneidet in den Intensivvarianten mit 99 bzw. 102 % deutlich besser ab als in den extensiv geführten Parzellen. HLG, Sortierung, Kornausbildung und TKG liegen im schwächeren Bereich. In den bayerischen Versuchen traten Halmknicken und Ramularia/Blattflecken bei ihr stärker auf. Sie gehört zu den wenigen Sorten, die sowohl gegen das Gelbmosaikvirus Typ 1 als auch gegen Typ 2 resistent sind.
  • Bella zählt zu den ertragsschwächeren Prüfkandidaten. Im mehrzeiligen Sortiment fällt sie durch ihre mittel bis guten Noten bei Standfestigkeit, Halm- und Ährenknicken positiv auf. Bis auf die mittlere Zwergrostanfälligkeit weist die längerstrohige, etwas später reifende Sorte durchwegs gute Krankheitsresistenzen auf. Die Winterhärte ist ebenfalls überdurchschnittlich.
  • LG Veronika kann ertraglich bis jetzt nicht überzeugen und auch Standfestigkeit und Halmstabilität sind unterdurchschnittlich. Zu erwähnen sind ihre guten Resistenzen gegen Zwergrost und Mehltau.
  • Sonnengold bringt mittlere Erträge. Das HLG der später reifenden Sorte ist unterdurchschnittlich. Auf die mittel bis hohe Mehltauanfälligkeit ist zu achten.
  • Bazooka, eine längerstrohige Hy­bride, hebt sich ertraglich nicht hervor. Im HLG zählt sie im mehrzeiligen Sortiment zu den besten. Gegenüber den bestehenden Hybridsorten wurden bei ihr die Halm- und Ährenstabilität verbessert. In den mehrzeiligen Versuchen liegt sie bei diesen Merkmalen damit etwa im Mittelfeld. Die höhere Anfälligkeit für Mehltau kommt teilweise zum Tragen.

Einjährig geprüft

  • KWS Higgins bringt in den Intensivvarianten überdurchschnittliche Erträge. Sie erhielt eine sehr gute Note in der Sortierung und auch TKG und HLG liegen im besseren Bereich. Weniger günstig sind bei der längerstrohigen Sorte die stärkere Neigung zu Halmknicken sowie die schwache Zwergrostresistenz.
  • Toreroo (Hybride) liefert in Stufe 1 hohe und in Stufe 2 mittlere Erträge. Verglichen mit den älteren Hybriden stellt Toreroo einen Fortschritt in der Kombination aus Standfestigkeit und Halm-/Ährenstabilität dar. Ihre Blattgesundheit ist ausgewogen, lediglich für Ramularia/Blattflecken zeigte sich die längerstrohige Sorte im letzten Jahr anfälliger.
  • Hedwig ist eine langstrohige Neuzulassung mit unterdurchschnittlichen Erträgen in Stufe 2 und ansprechenden Ergebnissen in Stufe 1. Auffällig ist ihre starke Neigung zu Ährenknicken. Ihre Blattgesundheit ist ausgewogen ohne Schwächen. Sie gehört zu den wenigen Sorten, die resistent gegen die beiden Gelbmosaikvirustypen 1 und 2 sind.

Die Qual bei der Sortenwahl

Da keine Sorte nur positive Eigenschaften aufweist, muss bei der Sortenwahl stets ein Kompromiss eingegangen werden. Neben den Erträgen der intensiven Stufe sollten auf alle Fälle auch die der extensiven Stufe bei der Sortenentscheidung berücksichtigt werden.
Stehen hohe Kornerträge im Vordergrund, dann sind ertragsstarke Mehrzeiler in der Regel von Vorteil (z.B. KWS Tonic, SU Ellen).
Wird dagegen besonders auf eine geringe Lagerneigung und eine gute Halm- und Ährenstabilität geachtet, weisen zweizeilige Sorten wie SU Vireni oder Caribic nach wie vor die beste Kombination dieser Eigenschaften auf.
Soll Gerste vermarktet werden, ist das HLG meist von Bedeutung. Die höchsten Werte werden wiederum von Zweizeilern wie Caribic, SU Vireni oder Sandra erreicht.
Auch in der Sortierung liefert eine zweizeilige Sorte (Sandra) die besten Werte, wenngleich es auch immer mehr großkörnige Mehrzeiler gibt (KWS Higgins).
Im TKG sind die Sorten mit den höchsten Werten ebenfalls zweizeilig (Sandra, SU Vireni, Padura).
Bei der Sortenentscheidung sollten außerdem die Krankheitsanfälligkeit, die Winterhärte und eventuell die Reifezeit mit einbezogen werden. Zu empfehlen sind Sorten, die mehrjährig im LSV geprüft wurden.

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