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Digitalisierung

Teilflächenspezifisch arbeiten - auch ein Thema für Süddeutschland?

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Karola Meeder, Wochenblatt
am
07.06.2019

Geht es nach den BayWa-Experten, lohnt sich Precision Farming auch für die kleinstrukturierte Landwirtschaft. Aber was ist besser – Pflanzensensor oder Daten aus dem All? Oder gar beides zusammen? Das testen derzeit zwei Praktiker.

Noch vor einem Jahr hatte ich mit Precision Farming nichts am Hut“, erklärt Joachim Unger als er auf den Schlepper steigt. Dass sich das mittlerweile geändert hat, verrät schon der erste Blick auf seinen Schlepper: An der Fronthydraulik hängen zwei große grüne Metallarme, die links und rechts weit über die Spur des Schleppers hinausragen.

Eigentlich geht es weniger um die Metallarme als viel mehr um die Sensoren, die an ihnen verbaut sind. Denn sie ermöglichen eine teilflächenspezifische Bewirtschaftung – heute düngt Unger seinen Weizen: Während der Fahrt über das Feld ermitteln diese Sensoren Bestandesdichte und Photosyntheseleistung. Blitzschnell werden dann die Daten verrechnet, die nötige Stickstoffgabe ermittelt und der Düngerstreuer entsprechend geregelt.

Über den Monitor in der Kabine hat Unger alles im Blick – und hat sich auch schon so manches Mal gewundert, wie er erklärt. Denn nicht selten ermittelt der Sensor Unterschiede, während der Bestand vom Schleppersitz aus gleichmäßig erscheint. „Der Sensor sieht, was man mit bloßem Auge nicht wahrnehmen kann“, erklärt Unger begeistert – und es dürfte wohl kaum einen Pflanzenbauer geben, der das nicht interessant findet: Während der Fahrt durch den Bestand wollen die Zahlen auf dem Monitor kaum still stehen, die Augen wandern zwischen Monitor und Bestand hin und her – und der Kopf versucht alles nachzuvollziehen.

Doch wo hört echter Nutzen auf – und wo fängt Spielerei an? Was bringt die teilflächenspezifische Bewirtschaftung wirklich? Die Versprechen sind groß: Betriebsmittel - und damit Kosten sparen, Dünge- und Pflanzenschutzmittel bedarfsgerechter ausbringen und damit die Umwelt und Ressourcen schonen. Kurzum: Die Effizienz erhöhen. Klingt einleuchtend – zumindest für Schläge, die schon alleine aufgrund ihrer Größe von 20, 50 oder gar 200 ha nicht homogen sein können.

Aber bringt die teilflächenspezifische Bewirtschaftung auch den süddeutschen Bauern einen echten Nutzen? Bei BayWa und dem Tochterunternehmen FarmFacts heißt die Antwort natürlich „ja“ – nur auf die Frage, wie hoch dieser Nutzen in Zahlen ausgedrückt ist, können auch sie keine verbindliche Antwort geben. Das soll sich aber ändern. Darum läuft seit diesem Jahr ein Projekt mit zwei Praktikern aus Baden-Württemberg.

Die zwei Systeme im Vergleich

Einer der beiden Praktiker ist Joachim Unger, er steht stellvertretend für die tierhaltenden Betriebe. Als Beispiel für einen reinen Ackerbaubetrieb dient der Hof von Jürgen Rüdt. Beide Landwirte bewirtschaften in etwa 200 ha, ihre durchschnittliche Schlaggröße liegt bei rund 2 ha. Hier die beiden Systeme, die sie testen im Vergleich:

  • Satellitengestützte Technik: Jürgen Rüdt testet auf seinem Betrieb die TalkingFields-Dienste von FarmFacts – und so funktionierts: Mit Hilfe von Satellitendaten der letzten Jahre werden die unterschiedlichen Ertragszonen innerhalb eines Feldes ermittelt. Auf Grundlage dieser Daten wird dann die sogenannte Basiskarte erstellt. Mit dieser Basiskarte, aktuellen Wetter- und Satelittendaten sowie einem Pflanzenwachstumsmodell werden dann Applikationskarten für die teilflächenspezifische Ausbringung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln erstellt. Vorteil dieses Systems: Die Anschaffungskosten für die Software sind wesentlich geringer als die für den Sensor. Für die kleineren Betriebe gibt es mit Next Farming Live auch eine kostenlose Software – für die Erstellung der einzelnen Karten fallen aber natürlich Kosten an. Nachteilig an diesem System ist, dass man gut planen muss, denn für die Erstellung der Applikationskarten sind einige Tage Vorlaufzeit nötig.
  • Sensorgestützte Technik: Joachim Unger testet auf seinem Betrieb, wie schon erläutert, den Sensor GreenSeeker zur teilflächenspezifische Bewirtschaftung. Der Greenseeker kann aber nur den aktuellen Zustand des Bestandes ermitteln – unterschiedliche Bodeneigenschaften kann er logischerweise nicht erkennen. Darum nutzt Unger das Angebot von FarmFacts, die Sensordaten mit der Basiskarte zu verschneiden. Bevor also anhand der Sensordaten die nötige Düngermenge berechnet wird, stellt das System erst noch fest, in welcher Ertragszone sich der Sensor gerade befindet. So kann die Düngemenge noch bedarfsgerechter berechnet werden. Der Vorteil des Pflanzensensors liegt in der Flexibilität: Anders als bei den Applikationskarten, für die einige Tage Vorlaufzeit nötig sind, kann sich der Landwirt spontan auf den Schlepper setzen und mit der Feldarbeit beginnen. Dafür sind die Anschaffungskosten für den Sensor relativ hoch – man muss mit rund 25 000 € rechnen.
Aber welches System ist jetzt besser? Um das herauszufinden wurden auf dem Betrieb Unger Exaktversuche angelegt: Auf insgesamt sechs Schlägen werden die sensorgestützte und die satelittengestützte Technik genau miteinander verglichen.
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Da das Projekt erst heuer gestartet ist, konnten weder Unger noch Rüdt etwas zum messbaren Nutzen der Systeme sagen. Für Rüdt gibt es aber keinen Zweifel, dass auch die kleinstrukturierte Landwirtschaft von den vielen Möglichkeiten der modernen Technik profitiert. So erleichtere beispielsweise die Teilbreitenschaltung die Arbeit vor allem auf Betrieben mit vielen kleinen und asymmetrischen Schlägen. Es gehe darum, ökonomisch und ökologisch voranzukommen – und die besten Voraussetzungen dazu biete Precision Farming.

Auswirkungen auf die Qualität der Ernte

Neben den schon genannten Vorteilen der teilflächenspezifischen Bewirtschaftung, sieht Rüdt einen weiteren großen Vorteil in der besseren Homogenität der erzeugten Feldfrüchte: Ertragspotenziale von 60 bis 100 dt/ha Winterweizen auf ein und dem selben Schlag seien keine Besonderheit. Wird überall auf dem Feld gleich viel gedüngt, wird in den guten Zonen Ertrag verschenkt „und in den Niedrigertragszonen produziere ich Hühnerfutter“, fasste Rüdt zusammen. Verarbeiter brauchen aber möglichst homogene Produkte – und moderne Techniken helfen dabei, dieses Ziel so gut wie möglich zu erreichen.
Auch wenn Joachim Unger zu dem Systemvergleich auf seinem Betrieb noch keine Ergebnisse hat, hat er schon ein favorisiertes System: Den Greenseeker. Der passe einfach besser zu ihm und seinen Betrieb, denn die meiste Zeit verbringt er im Stall – um so wichtiger ist da die zeitliche Flexibilität des Sensors im Vergleich zu den Applikationskarten.

Aber Unger hat nicht nur seinen persönlichen Favoriten gefunden, sondern ganz offensichtlich auch Feuer gefangen für die neuen Techniken rund um Precision Farming: Für nächstes Jahr hat er sich schon gemeinsam mit seinem Pflanzenbauberater Versuche zur teilflächenspezifischen Ausbringung von Wachstumsregern überlegt. „Und mit Fungiziden will ich natürlich auch Versuche machen“, erzählt Unger begeistert, als er wieder vom Schlepper steigt – kaum zu glauben, dass er noch vor einem Jahr mit Precision Farming nichts am Hut hatte.

Förderung für digitale Technik

Mit dem bayerischen Sonderprogramm Landwirtschaft Digital (BaySL Digital) fördert der Freistaat Investitionen im digitalen Bereich – beispielsweise für Agrarsoftware oder Pflanzensensoren. Hier geht es zum Förderwegweiser: www.stmelf.bayern.de/agrarpolitik/ foerderung/200529/index.php

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