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Feldtag

Unkräuter für Bayerns Feldanbau

Natternkopf genannte Blume
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
15.09.2016

Straubing - Beim Feldtag des TFZ in Straubing gibt es durchaus etwas zum Staunen: Hier werden Gartenblumen, Exoten und auch Unkräuter geprüft, ob sie zum Anbau in Bayern taugen. Manche sind vom praxisreifen Einsatz nicht mehr weit entfernt.

Anbauen, was andere als Unkraut fürchten – die Wissenschaftler des Technologie- und Förderzentrums (TFZ) haben beim Feldtag Ende August am Stadtrand von Straubing – unter anderem – unter Beweis gestellt, dass sie ungewöhnliche Wege beschreiten, um eventuelle Hoffnungsträger zu entdecken. Mit dem Projekt Oilivia suchen Julia Hofele und Timo Weidemann nach teils exotischen Pflanzen, die in Zukunft den Bedarf an pflanzlichen Ölen decken könnten. Dabei gibt es durchaus Arten, die sehr ungewöhnlich erscheinen.
Etwa das Erdmandelgras, in Maisanbaugebieten als einwanderndes und kaum mehr wieder los zu werdendes Ungras gefürchtet, in Spanien wegen der Erdmandeln als Spezialität kultiviert, in Straubing aber steht es wegen des Ölgehalts von rund 30 % und der für manche Einsatzgebiete gesuchten Ölsäure in diesem zunächst einjährigen Sorten-Screening. Andere Testpflanzen sind eher aus den Hausgärten bekannt, etwa der Natternkopf, der Borretsch und die Kapuzinerkresse. Andere wiederum werden in anderen Weltregionen schon kultiviert. Beispiel dafür sind die Rhizinus-Christuspalme, die in tropischen Gebieten bis zu 20 m hoch wird und deren Früchte Ölgehalte bis über 50 % aufweisen.
Die beiden Wissenschaftler bauten 37 verschiedene Ölpflanzen – je nach Saatgutverfügbarkeit – in bis zu drei Parzellen an. Allerdings hatten sie mit diesem Testjahr Pech. Starkregen nach der Saat hat im Versuchsfeld die Feldaufgänge teils extrem verhindert. Und doch gibt es Erkenntnisse. „Manche Arten haben gezeigt, dass sie im Feld mit unseren Verhältnissen besser als andere zurechtkommen“, sagte Julia Hofele.
Die beiden TFZ-Forscher erheben in diesem ersten Anbautest grundlegende Daten wie

  • Feldaufgang und Blühbeginn,
  • Bodenbedeckungsgrad,
  • Pflanzenhöhe und Standfestigkeit zur Ernte sowie die Mähdruschfähigkeit,
  • Kälteschäden, Krankheiten, Unkrautbesatz,
  • Korn-/Frischmasseertrag,
  • Wassergehalte und Ölgehalte sowie
  • die Qualität der Pflanzenöle.

Auffällig ist das ungewöhnlich bunte Versuchsfeld allemal. Falls tatsächlich einmal eine im Anbau wirtschaftliche Verwertung solcher Pflanzen möglich wird, werden diese Arten für farbige Unterbrechungen in der Flur sorgen. Das eigentliche Ziel jedoch ist, Pflanzen zu identifizieren, die importiertes Palmöl als Rohstoff der Industrie ersetzen könnten.
Mitten im Zuckerrübenanbaugebiet fällt eine weitere „Kultur“ der TFZ-Forscher auf: das Ackerhellerkraut. Gemeinsam mit dem schon eher zu erwartenden Leindotter testen die Wissenschaftler das als Sommerunkraut bekannte Hellerkraut als schnell wachsende Ölpflanze zwischen einer früh räumenden Hauptfrucht und einer Wintergetreideaussaat. In den Versuchen geht es um Saattermine sowie Saatstärken und deren Einfluss auf die Erträge sowie um optimierte Säverfahren. Natürlich wird dann auch Kornertrag und Ölgehalt ermittelt. Übrigens untersuchen die Forscher auch, ob nicht gekeimtes Saatgut im Folgejahr als Unkraut durchwachsen kann.
Die in diesen Low-Input-Pflanzen enthaltene Linolensäure könnte eine ganz spezielle Verwertung ermöglichen: Es lässt sich Kerosin, das Flugzeugbenzin, daraus herstellen. Dieser Versuch erscheint tatsächlich auch für die Industrie interessant, zumindest beteiligt sich eine Firma an den Kosten.
Ein weiterer TFZ-„Unkraut­forscher“ hat beim Feldtag sein Projekt vorgestellt. Andreas Trauner untersucht mit Amaranth eine Pflanze, deren Körner neuerdings als „Superfood“ gehandelt werden. Die Amaranthkörner sind getreideähnlich, aber glutenfrei. Allerdings testet das TFZ den Amaranth nicht als Nahrungspflanze, sondern als Biogas-Rohstoff. Dafür hat er eine ganz besondere Eigenschaft: Er enthält hohe Mengen von Cobalt und Nickel, zwei Spurenelemente, die für die Biogasmikroben von wichtiger Bedeutung sind und oft zusätzlich in den Fermenter zugegeben werden müssen. Gewisse Anteile von Amaranth könnten dies unnötig machen.
Noch aber fehlt den Amaranth-Typen eine wichtige Anbaueigenschaft. Sie reifen nicht zuverlässig ab, sondern bleiben in den TS-Gehalten zurück. Selbst im heißen Jahr 2015 blieben die TS-Gehalte zur Ernte bei 23 % stecken, wie Trauner sagte. Seine Aufgabe ist es, die eher passenden Linien zu identifizieren. Dabei schaut er durchaus auf den Unkrautaspekt. Denn es sind offenbar vor allem die rotrispigen und schwarzkörnigen Amaranthpflanzen, die den anschließenden Winter überstehen und dann als Unkraut Probleme machen können. Die orangen, weißkörnigen hingegen laufen im Herbst noch auf und erfrieren dann im Winter.
Ach ja, und auch die gefürchteten Erdmandeln werden in Straubing hoffentlich keine langfristigen Probleme bereiten. „Wir werden die Erdmandeln sorgfältig wieder aus der Erde holen“, versprach Timo Weidemann. Das TFZ ist übrigens auch beim Zentral-Landwirtschaftsfest mit einem eigenen Stand vertreten. Dort können interessierte Landwirte die Experten nach den Versuchen befragen.

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