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Humus

Die Zinsen der Sparkasse Boden

Humustag Hägler
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Wolfgang Piller, Wochenblatt
am
17.10.2017

Deindorf - Der Humus als Ausdruck von Bodenfruchtbarkeit rückt immer mehr ins Bewusstsein vieler Ackerbauern. Ein Feldtag in der Oberpfalz zeigt das Bemühen von Josef Hägler, der mit einigen ungewöhnlichen Maßnahmen Erfolg hat.

Es gibt viele Gründe, sich den Hof von Josef Hägler in Deindorf in der Oberpfalz anzusehen. Doch die Themen Boden und Humus sind es immer. Für etwa 200 Landwirte aus ganz Bayern war es heuer im Sommer der gemeinsame Feldtag der beiden bayerischen Regionalgruppen der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung, kurz GKB.

Sie alle nutzten die Gelegenheit, um sich anzuhören und anzusehen, wie es Hägler schafft, dass sein Boden „aufgeht wie ein Hefeteig“, wie es Max Stadler, einer der zwei Vorsitzenden der GKB Südbayern ausdrückte. Wie das genau zustande kommt, sei wissenschaftlich nicht komplett zu klären, sagte Bernhard Göbel, Pflanzenbauprofessor an der Hochschule Triesdorf und Stadlers Gegenüber bei der GKB Nordbayern, doch auch er gesteht ein, dass es in der landwirtschaftlichen Praxis immer noch Dinge gibt, die wir nicht erklären können.

Und natürlich hat Hausherr Josef Hägler trotzdem versucht zu erklären, wie er es schafft, dass „mein Boden besser wird und nicht schlechter“ – und das ist nicht ganz einfach, weil er einige eher ungewöhnliche Verfahren anwendet. Doch zunächst die Grundlagen: Gute 40 ha Ackerland bewirtschaftet er, dazu etwa 10 ha Grünland. Seit acht Jahren lässt er sich in der Düngung nach den Kinsey-Kriterien beraten, achtet dabei vor allem auf das Verhältnis zwischen Calcium und Magnesium. Auf den Pflug verzichtet er seit 2014, seit diesem Mai stellt er den Betrieb um auf biologische Landwirtschaft.

Heutee als Impfung für die Gülle

Einer der zentralen Punkte ist seine organische Düngung. Statt Milchvieh zieht er mittlerweile Kalbinnen auf oder mästet sie. Die Tiere hält er in einem Tiefstreustall. Die restliche Gülle bereitet er auf, zum einen durch den Zusatz von Leonardid (eine Art wenig zersetzter Dauerhumus und noch nicht fertige Braunkohle), zum anderen durch einen selbst angesetzten Heutee. Das eingerührte Leonardid bindet nach seiner Erfahrung drei Viertel des Geruchs und 95 % des Ammoniaks.

Für den Heutee gibt er in Kartoffelsäcke circa 30 Kilo Heu und ein bisschen Melasse. Die Säcke lässt er in 800 Liter aufgefangenem Regenrinnenwasser etwa zwei Stunden ziehen. Danach leitet er das Wasser in die nicht-abgedeckte Güllegrube. Letzteres ist wichtig, sagt er, denn die Bakterien brauchen Licht. Die Gülle rührt er nicht auf. Der Heutee, sagt er, reicht für etwa 800 m³ Gülle, die werde dadurch richtig fließfähig.

Kompost aus Mist, Gärsubstrat und Holz

Aus seinem Mist, abgepresstem Gärsubstrat und bei Bedarf Hackschnitzel macht er Kompost. Grüne Pflanzenteile kommen nicht auf den Haufen, denn „sie erzeugen Fäulnis“, weiß Hägler und dies will er nicht. Mithilfe des Miststreuers setzt er den Komposthaufen an. Die Miete deckt er nicht ab und setzt sie auch nicht um. 2,50 Meter ist der Haufen hoch und er lagert mindestens acht Wochen. „Der Misthaufen darf nicht dampfen und es darf nichts herauslaufen“, sagt Hägler, wenn alles passt, nimmt der Haufen das komplette Regenwasser auf.

Trotzdem hat er am Schluss einen Gehalt an Trockensubstanz um 50 %. Das ist trockener als eine Silage. 70 % des Komposts besteht übrigens aus Lignin, der Rest sind Eiweißstoffe. Eine Waage oder ähnliches braucht er beim Ansetzen nicht. „Ich mische nach Gefühl“, sagt er stattdessen. Je Hektar Ackerland bringt er etwa zehn Tonnen des Mists aus – und zwar fein verteilt ausgehend von fest angelegten Fahrgassen.

Letztlich gilt all sein Bestreben, den Boden zu verbessern. „Der Boden ist meine Sparkasse“, sagt Hägler anschaulich. Wenn man im Bild bleiben will, wäre der Humus dann sozusagen das Zinsguthaben. Mit Anteilen von 3 bis 7 % ist es überdurchschnittlich hoch.

Hägler scheint mit seinen Methoden also erfolgreich zu sein. Dazu gehört auch, was sich die GKB als erstes auf die Fahnen geschrieben hat: der Verzicht auf den Pflug. Hägler begründet das ganz einfach so: Wenn ich mit dem Pflug den Boden wende, bringe ich die Bakterien dorthin, wo ich sie nicht haben will.

Der Pflug bringt alles durcheinander

Ein Punkt, den Dominik Christophel bei seinem Vortrag auf dem GKB-Tag in der Oberpfalz auf die theoretischen und trotzdem anschaulichen Füße stellte. Auch er sprach davon, dass man „beim Pflügen dem Bodenleben jedesmal einen Schlag versetzt“. Der Pflug vergrabe die lichtliebenden Bodenlebewesen inklusive der Bakterien in den dunklen Boden und holt stattdessen die Bewohner der tieferen Bodenschicht nach oben ans Licht. Stattdessen gelte es das Gegenteil zu praktizieren: die Bodenlebewesen füttern und zu unterstützen, den Humus zu pflegen. „Kohlenstoff will ich im Boden halten und keinesfalls als CO2 verlieren“, sagte Christophel, der sich als landwirtschaftlicher Berater selbstständig gemacht hat. Jedoch die Boden-Dauerbeobachtungsflächen in Bayern zeigen ihm zufolge das Gegenteil: „Wir verlieren dramatisch an Humus“. Sein Blick richtete sich auch auf die Kationen-Austauschkapazität, von der in letzter Zeit so Viele sprechen, ohne genau zu wissen, was sie ist. Gemeint ist die Fähigkeit von negativ geladenen Bodenteilchen, positiv geladene Kationen wie Ca++, Mg++, K++, Na+, Al+++, aber auch H+ binden und wieder abgeben zu können.

Der Blick auf die Kationenaustauscher

Christophel nutzte das Bild eines Kühlschranks: Solange der Kühlschrank (also der Boden) alle Nährstoffe im geregelten Maß enthält, kann sich jede Pflanze nach ihren Bedürfnissen daraus bedienen. Eine Bodenuntersuchung, die eine Kationen-Austauschkapazität (z. B. in mval/100 g Boden) ausweist, sagt nichts anderes als, wie groß der Kühlschrank ist und wie er gefüllt ist. Dazu unterscheiden die Bodenkundler zwischen der totalen (= potenziellen) und der tatsächlichen Austauschkapazität. Der Unterschied ist, was ein Boden an Austauschkapazität vorhält und wie sehr die Austauschplätze an den Bodenteilchen tatsächlich belegt sind (= Sättigung). Dabei gibt es im Boden zwei große Austauscher, die Tonminerale und den Humus.

Humusteilchen halten gegenüber den Tonmineralen sogar mehr Kationenaustauschplätze vor – mit ein Grund, warum der Humus laut Christophel gepflegt werden sollte. Er sieht den Humus als zentralen Baustein im Bodenkomplex an. Humus sorgt für stabile Bodengefüge, er speichert Nährstoffe und Wasser.

Wer Humus aufbauen will, muss organische Masse in den Boden bringen. Aber nicht nur das. Es ist auch wichtig, den Kalkhaushalt im Griff zu behalten. Die beiden GKB-Vorsitzenden Göbel und Stadler griffen dieses Thema am Feld nochmals auf. Ihr Credo: Böden, die nicht mit Kalk in Ordnung gebracht sind, kommen mit dem Humus nicht weiter. Der Kalk hilft, den Humus zu stabilisieren. Und: Bei niedrigen pH-Werten verdrängen H+-Ionen die wertvollen Nährstoffe von den Austauschplätzen. Also: Erst die Bodenchemie in Ordnung bringen, dann die Bodenbiologie.

Sepp Hägler schaut durchaus auch auf „die Bodenchemie“. Er düngt nicht nur mit Kompost und Gülle, sondern auch mit Kalk, Borsäure und Elementarschwefel, mit Patentkali und Bittersalz. Und trotzdem verfolgt er eisern einen Grundsatz: So wenig einkaufen wie möglich und so viel betriebseigene Dinge so gut wie möglich einsetzen. Der Heutee ist der beste Ausdruck davon. Die Zinsen seiner Sparkasse sollen ja am Betrieb bleiben und nicht für Pulver und Mittel ausgegeben werden, die es kostenfrei am Betrieb gibt.

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