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Trinkwasser

Stadt ordert, Land liefert

Schild Wasserschutzgebiet
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Ulrich Graf, Wochenblatt
am
20.12.2018

Städte beziehen ihr Trinkwasser aus dem ländlichen Umland. Welche Gegenleistung bringen sie dafür? Keine. Im Gegenteil: Über marode Abwassersysteme verschärfen sie sogar die Trinkwasserproblematik.

Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Damit ist seine Reinheit ein absolutes Reizthema, das noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Passen die Trinkwasserwerte in der Region nicht, stellen Politiker und Bevölkerung fast reflexartig die Landwirte an den Pranger. Vor allem die organische Düngung und der Nitratgehalt im Wasser gerät häufig in den öffentlichen Fokus. Die Folgen sind bekannt. Seit dem letzten Jahr schränkt eine neue Düngeverordnung die Ausbringungszeiträume und -mengen stark ein. Und die ebenfalls seit 2017 gültige Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen (AwSV) hat die baulichen Anforderung an neue Lagerstätten für Jauche, Gülle und Silosickersäfte deutlich nach oben geschraubt. Das stellt die Bauern vor immense finanzielle und logistische Herausforderungen.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ...

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass andere weiter machen dürfen wie bisher, obwohl auch sie zu einem erheblichen Maß zur Grundwasserbelastung beitragen. Das trifft vor allem auf die Kommunen zu. 80 Millionen Deutsche leben nicht allein von Luft und Liebe. So hinterlässt das bayerische Leibgericht aus Schweinebraten, Knödel und einer Maß Bier nach Verlassen des Körpers ein nährstoffreiches Exkrement im Abwasserkanal. Damit ist die Landwirtschaft nur eine mögliche Nitratquelle von vielen. Warum gerät nun gerade sie so stark in die Kritik, wenn es um die Trinkwasserqualität geht? Die Antwort ist relativ simpel: Dort wo kommunale Abwässer in größerer Menge durch die Gegend dümpeln, ist für Trinkwasserversorger nichts mehr zu holen. Es gilt das Prinzip der verbrannten Erde.

Dazu ein Beispiel: Die Landesmetropole München ist unheimlich stolz auf die hohe Qualität ihres Trinkwassers. Nur, das Münchner Wasser kommt nicht aus der Region, sondern aus dem Mangfalltal und wird über viele Kilometer in die Landesmetropole geleitet – von wegen Münchner Wasser.

Aber warum trinken die Münchner nicht ihr eigenes Wasser? Warum treiben sie nicht in der Stadtmitte einen Brunnen in die Tiefe und beziehen daraus das wichtige Lebenselixier? Das ist so eine Frage, bei der die Manager der Trinkwasserversorger erregt die Hand vor die Stirn schlagen ob der Dummheit des Fragenden. Aber es ist auch genauso eine Frage, die sich Bürgermeister täglich bayernweit stellen sollten, damit klar wird, warum bei der Trinkwasserversorgung so oft die Landwirtschaft am Pranger steht und die Kommunen außen vor bleiben.

Allein in München entledigen sich rund 1,5 Millionen Einwohner täglich von dem, was sie an Essen und Trinken zu sich nehmen – eine Massenhaltung sondergleichen. Ein Druck auf die Klospülung und das Ganze landet im Münchner Untergrund. Hinzu kommen zahlreiche weitere Eintragsquellen in das Abwassersystem, wie Rückstände aus Hausbrand, Verkehr, Industrie, Laboren und Krankenhäusern – um nur einige zu nennen. Wer glaubt, diese Fracht würde zu hundert Prozent bei den zuständigen Entsorgern ankommen, soll weiter träumen. Damit ist klar: Für Wasserversorger ist der Münchner Untergrund verlorenes Terrain. Mit dem, was sich da ansammelt, sollen die Ratten ihren Spaß haben. Hochholen will das keiner mehr.
Der Münchner im zehnten Stock seines Hochhauses bekommt von alledem nur wenig mit. Beim Thema Untergrund denkt er vielleicht an seinen neuen dicken SUV, der nicht mehr in den Tiefgaragenstellplatz passt. Und zu Wasser und Lebensmitteln fällt ihm ein, dass sie möglichst billig sein sollten. Dass er mit dieser Einstellung und seinem Konsumverhalten eigentlich die Triebfeder der ganzen Entwicklung ist, will ihm nicht so recht in den Kopf.
Videobefahrungen von kommunalen Abwässerkanälen liefern mitunter drastische Bilder aus den sich ergebenden Konsequenzen. Statt in Beton gefasste Röhren gibt es Abschnitte mit Erdhöhlen oder es finden sich Fremdkörper, beispielsweise im Durchschuss-Verfahren verlegte Leitungen. All das führt zu erheblichen Verlustströmen in die umliegenden Flächen und letztendlich auch ins Grundwasser. Ähnliche Effekte verursachen Starkniederschläge. Was in den einen Gullydeckel einfließt, schießt beim nächsten wieder heraus und nimmt bei gemischten Systemen gleich die gesamten Fäkalien mit.

Mit unterschiedlichem Maß gemessen

Den meisten Gemeinden ist das Problem der maroden Abwasserleitungen bewusst. Ob sie handeln, ist aber eine ganz andere Frage. Der vom Gesetzgeber auferlegt Druck ist bei weitem nicht so hoch wie bei Nutztierhaltern. Die AwSV stuft Jauche, Gülle und Silagesickersäfte als allgemein wassergefährdende Stoffe ein. Damit gelten zahlreiche Auflagen. Kommunale Abwässer blieben davon verschont. Solange Abwasser im Abwasserprozess bleibt, findet das Abwasserrecht Anwendung. Eine Einstufung in eine Wassergefährdungsklasse ist nach § 62 Absatz 6 WHG ausgeschlossen.
Und das obwohl sich in kommunalen Abwässern neben den Exkrementen noch viele weitere umweltgefährdende Belastungen in bedenklichen Konzentrationen finden, wie Schwermetalle, Krankheitserreger oder Arzneimittel. So gibt es Untersuchungen zu kommunalen Klärschlämmen aus denen sich das „Who is Who“ der Umweltgefährdung ableiten ließe.
Aus Sicht des Wasserschutzes wäre deshalb naheliegend, kommunale Abwässer schärfer zu behandeln als Gülle tierischen Ursprungs. Die Handhabung ist aber genau anders herum. Über die Gründe kann man spekulieren, mit dabei sein dürften aber die folgenden zwei: Politik und Umsetzbarkeit. Aus politischer Sicht zählt vor allem die Frage: „Was können und dürfen wir den Kommunen überhaupt zumuten?“ Scharfe Vorgaben würden sofort einen hohen Investitionsbedarf auslösen. Das ist zwar bei den Landwirten nicht anders, aber über die Kommunen würde man die breite Bevölkerung treffen, denn die Gemeindeverwaltungen müssten die Ausgaben auf die Allgemeinheit umlegen. Den Unbill der breiten Masse auf sich ziehen, das will dann doch keiner.
Auch die Umsetzung ist bei Kommunen deutlich schwieriger als bei Privatunternehmen. Auf jedem Betrieb gibt es einen Verantwortlichen, den man zur Rechenschaft ziehen kann. Bei Unregelmäßigkeiten drohen zusätzliche Kontrollen und verschärfte Auflagen bis hin zum Entzug der Betriebserlaubnis. Diese Vorgehensweise ist bei Kommunen nicht praktikabel. Die Verwaltung zu zwingen, marode Kanäle still zu legen ist undenkbar. Das Chaos würde nur größer. Also begnügt man sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der da lautet: Augen zu und durch.

Ausweichen auf dünnbesiedelte Räume

Die Versorger versuchen den schädlichen Einträgen der Kommunen zu entfliehen und begeben sich bei der Suche nach Trinkwasser in möglichst dünn besiedelte Räume. Dort können sie die Quellen für stoffliche Einträge im Wesentlichen auf zwei reduzieren: Die Natur und die Landwirtschaft. Da die Natur sich per Rechtsakt nicht beeinflussen lässt, muss mit den regionalen Begebenheiten gelebt und versucht werden, das Beste daraus zu machen.
Bleibt als letzte Stellgröße die Bewirtschaftung der Flächen. Wo diese in der Vergangenheit besonders vorbildlich erfolgte, hat sie die Grundwasserqualität positiv beeinflusst, was sofort das Interesse der Trinkwasserversorger weckt. Wer nun aber meint, die Bewahrer dieses Juwels könnten mit Dank und großzügigen finanziellen Zuwendungen rechnen, irrt sich. So funktioniert unser System nicht. Wer reich werden will, sollte in Ressourcen verbrennende Industriebereiche wechseln, wie Energie-, Automobil- oder chemische Industrie.

Wer Ressourcen erhalten hat, ist eher arm dran. Das bekommen Bauern immer wieder zu spüren. Egal, ob es sich um die Ausweisung von Natur- oder Wasserschutzflächen handelt, Begehrlichkeiten werden vor allem dort laut, wo es noch was zu schützen gibt. Dass man dann aber mit den Auflagen und den Einschränkungen bei der Bewirtschaftung absolut die Falschen trifft, ist den Umweltschützern oder den Verwaltungsbehörden meist ziemlich egal. Für dieses gespaltene Rechtsbewusstsein gibt es bislang keine Lösung. Die Bauern aus dem Mangfalltal haben sich deshalb diesen Sommer unter dem Motto „Für faires Wasser – stoppt Behördenwillkür“ zur Interessengemeinschaft Heimatwasser zusammengeschlossen.

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