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Untersuchung

Eine Aktion gegen die Tierhaltung?

Hühnchen
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Andrea Tölle, Wochenblatt
am
25.04.2019

Germanwatch weist antibiotikaresistente Keime in Hähnchenfleisch nach.

Dass Billighähnchen aus Discountern zu 56 % mit Keimen kontaminiert sind, die gegen Antibiotika resistent sind, meldeten die Medien in der Woche vor Ostern. Dabei sei jedes dritte Hähnchen mit Keimen belastet, die Resistenzen gegen Reserveantibiotika aufweisen. Hintergrund für diese Meldung ist eine bundesweite Stichprobenuntersuchung im Auftrag von Germanwatch, bei der insgesamt 59 Hähnchenfleischproben mit den Haltungsziffern 1 und 2 sowie weitere elf Proben aus Hofschlachtungen auf resistente Erreger untersucht wurden.

„Wir haben Hähnchenfleisch der Haltungsstufen 1 und 2 untersucht, weil diese im Durschnitt der Märkte die preisgünstigsten waren und die Produkte aus den Haltungsstufen 3 und 4 nicht überall zur Verfügung standen. Wir wollten Fleischwaren untersuchen, die Verbrauchern überall zur Verfügung stehen“, erklärte Reinhild Benning, die Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung bei Germanwatch. „Wir fordern seit Jahren systematische Untersuchungen durchzuführen, welche Haltungssysteme den geringsten Antibiotikaverbrauch und geringere Resistenzraten aufweisen.“

Wirksame Wege gegen Resistenzen finden

Das Ziel der Untersuchtung von Germanwatch ist: „Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung hat sich nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vom Jahr 2011 bis zum Jahr 2017 halbiert. Die Resistenzbelastung auf Hähnchenfleisch aber nicht. Wir wollen mit der Untersuchung dazu beitragen, dass der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen mit wirksameren Gesetzen erfolgreich wird.“ Es gebe ja bereits allerhand Gesetze, aber die seien eben noch nicht wirksam.

Von den Testkäufen wiesen 20 % der Billighühnchen Multiresistenzen gegen drei verschiedene Antikörperklassen gleichzeitig auf, sechs Fleischproben trugen MRSA-Erreger (10 %) und drei Hähnchenproben ESBL-bildende Keime (5 %). Hohe Resistenzraten von 49 bis 66 % auf Hähnchenfleisch zeigten auch anonymisierte staatliche Untersuchungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Laut Germanwatch wurden trotz dieser hohen Kontaminationsraten auf Hähnchenfleisch von der Bundesregierung bislang keine Maßnahmen zur Bekämpfung von Resistenzen ergriffen.

Natürliche Resistenzen werden oft mitgezählt

Darauf, dass die Kontrolle der Geflügelmastbetriebe bereits sehr intensiv ist, weist Bernd Adleff vom Landesverband der Bayerischen Geflügelwirtschaft hin. So muss der Tierhalter jeden Medikamenteneinsatz in eine Datenbank eingeben. Die Daten werden anonymisiert gespeichert und „deutschlandweit“ zusammengefasst veröffentlicht. Zudem hat sich die Menge der abgegebenen Antibiotika in der Tiermedizin von 2011 bis 2017 halbiert.

Der Vorsitzende des Landesverbandes der Bayerischen Geflügelwirtschaft bedauerte, dass Germanwatch die Ergebnisse nicht im Detail veröffentlichte. So weiß man nicht, welche Bakterien gegen welche Antibiotika getestet wurden. Das wäre aber wichtig. Denn viele Bakterien sind „von Haus aus“ gegen bestimmte Antibiotika unempfindlich. „Diese natürlichen Resistenzen werden oft in publikumswirksamen Studien ‚mitgezählt‘, obwohl diese überhaupt nicht im Zusammenhang mit den Behandlungen stehen. Man könnte also z. B. auch jederzeit wahrheitsgemäß publizieren, dass alle Viren aus Geflügeluntersuchungen multiresistent gegen Antibiotika sind“, meint Adleff.

Auch das Vorkommen von resistenten Bakterien wird seit Jahren kontrolliert und veröffentlicht. Sowohl auf Lebensmitteln wie auch in Wasser, Boden, Abwasser, Staub oder von Menschen ständig benutzten Gegenständen/Oberflächen. „Einzelstudien mit wenig Proben geben oft ein schiefes Bild, wenn man die Ergebnisse mit dem amtlichen Monitoring der LGL von Tausenden Untersuchungen vergleicht“, bedauerte Adleff. Es gibt kein Gesetz und auch keine Überwachungsmöglichkeit, um die Resistenzentwicklung bei Bakterien zu regeln. Antibiotikaresistenzen werden z. B. auch ausgebildet, wenn Bakterien mit unterdosierten Desinfektionsmitteln zu Leibe gerückt wird, wie das z.B. bei Wischdesinfektion von Türgriffen, Handläufen, Tischplatten etc. regelmäßig geschieht.

Einzelstudien geben oft ein schiefes Bild

Adleff weist darauf hin, dass in der Untersuchung von Germanwatch auch Resistenzen gegen Antibiotika festgestellt wurden, die noch nie in der Geflügelhaltung eingesetzt wurden. Das zeigt, wie kompliziert die Zusammenhänge sind. Der einfachen Denke „weniger Antibiotika = weniger Resistenzen“ werden dadurch schnell die Grenzen aufgezeigt. „Wenn Resistenzen gegen reine Humanantibiotika in der Umwelt und in Lebensmitteln nachgewiesen werden, sollte man doch darüber nachdenken dürfen, ob die Tierhaltung wirklich für alles verantwortlich sein kann“, betonte Adleff und weiter: „Aus meiner Sicht ist das Ziel der Aktion gegen Massentierhaltung, Billigfleisch und Discounter gerichtet. Das wird aber nicht gelingen, da der Verbraucher immer zu den preiswerteren Produkten greift.“

Die Pressestelle des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) verweist darauf, dass bei der Resistenzentwicklung in Deutschland in vielen Bereichen der Tierhaltung und der Lebensmittel demnach eine positive Tendenz zu verzeichnen ist. Das heißt: Die Resistenzraten nehmen ab.

Das sogenannte „Lagebild zur Antibiotikaresistenz im Bereich der Tierhaltung und der Lebensmittelkette steht unter https://www.bmel.de. Suchwort: Lagebild

Germanwatch fordert Korrekturen zu obiger Aussage

Germanwatch sieht in den oben aufgeführten Ausführungen zwei Punkte, die einer Richtigstellung bedürfen:

  • Aussage: Germanwatch habe nicht im Detail veröffentlicht, welche Bakterien gegen welche Antibiotika getestet wurden.

    Richtig sei hingegen: Die Details zu Bakterienarten, die Resistenzarten und ihr Vorkommen auf jeder einzelnen Fleischprobe sei direkt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung  der Laboruntersuchung https://germanwatch.org/sites/germanwatch.org/files/Analyse%20von%20H%C3%A4hnchenfleisch%20auf%20antibiotikaresistente%20Erreger.pdf am 16.4.2019 um 10.30 Uhr veröffentlicht und online für jeden einsehbar und in der Pressekonferenz zur Verfügung gestellt worden: In Tabelle 3 auf den Seiten 10 ff in den Spalten "Spezies" und "Resistenz" seien die Informationen zu finden.

     
  • Aussage: Da man nicht wisse, welche Bakterien gegen welche Antibiotika getestet wurden, bleibe unklar, ob dabei auch Bakterien seien, „die „von Haus aus“ gegen bestimmte Antibiotika unempfindlich seien.

    Richtig sei hingegen, dass dies geprüft, und im Vorfeld ausgeschlossen worden sei, dass es sich bei diesen Bakterien und Resistenzen um natürliche Resistenzen handele. Durch die Auflistung in Tabelle 3 sei auch dies nachvollziehbar.
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