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Pferde

Allergie-Alarm im Stall

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Anna Castronovo
am
08.01.2019

Immer mehr Pferde leiden unter Allergien. Liegt das wirklich nur an der genetischen Veranlagung? Tierheilpraktikerin Katrin Ehrlich sagt nein: Auch die steigende Umweltverschmutzung und falsches Futter spielen eine Rolle.

Allergien haben bei Menschen und Tieren in den letzten Jahren stark zugenommen. Die einzige Methode, der Allergie zu entgehen, ist es, den Auslöser zu vermeiden. Um den Auslöser zu finden, empfiehlt Tierheilpraktikerin und Pferdewirtin Katrin Ehrlich, ein Allergie-Tagebuch zu führen. „Wann und wo treten die Beschwerden auf? Bei einem Ausritt, der an bestimmten Pflanzen vorbeiführt? Oder wenn das Heu staubig ist? Welche Reaktionen hat das Pferd gezeigt?“ Solche Beo-bachtungen können wertvolle Hinweise bei der Ursachenforschung geben.

Als nachhaltige Therapien haben sich in der Humanmedizin drei Behandlungen etabliert, die auch bei Pferden angewendet werden: Eigenbluttherapie (das eigene Blut wird mit Medikamenten aufbereitet und wieder gespritzt), Hyposensibilisierung (das Immunsystem wird durch Spritzen des Allergens an dieses gewöhnt) und Gegensensibilisierung (schwächt die Antikörper und damit die Überreaktion des Immunsystems auf die Allergene ab). Die alternative Medizin sieht das Thema etwas anders. „Die genetische Veranlagung ist vielleicht eine Komponente“, sagt Ehrlich. „Es gibt aber auch viele Allergiker, die gesunde Eltern haben und irgendwann plötzlich eine Allergie entwickeln. Der Auslöser ist dann unbekannt.“

Das Heu sollte frei von Pilzen und Staub sein

Ehrlich hat eine Theorie: die Anreicherung von Giftstoffen und Schwermetallen im Pferdekörper. „Das Pferd ist ein Steppentier und seit Millionen von Jahren für eine karge pflanzliche Ernährung ausgelegt. In unserer modernen Welt ist es jedoch einer Vielzahl an Stoffen ausgesetzt, die in der ursprünglichen Lebenswelt nicht vorkommen. Werden es zu viele, können sie irgendwann nicht mehr verstoffwechselt werden und belasten den ganzen Organismus“, erklärt Ehrlich. „Dann kann es passieren, dass der Körper fremde Substanzen, die von außen kommen, fälschlicherweise als Gefahr einstuft. Das Histamin fährt hoch, und das Immunsystem reagiert über – so entsteht eine allergische Reaktion.“ Die wichtigste Maßnahme bei allergischen Reaktionen ist es, die Allergene fernzuhalten. „Hustet das Pferd aufgrund einer allergischen Reaktion, muss das Heu nass gemacht werden“, nennt die Tierheilpraktikerin ein Beispiel. „Auch die Heuqualität ist wichtig. Es sollte möglichst frei von Pilzen und Staub sein. Außerdem muss das Pferd möglichst staubfrei gehalten werden, also mit viel frischer Luft und einer staubarmen Einstreu, z.B. entstaubte Hobelspäne, Hanfstroh, Leinstroh oder Strohpellets.“

Müslis enthalten zu viel Fett und Zucker

Wichtig ist es auch, das Immunsystem zu stärken. Das funktioniert am besten durch artgerechte Haltung und Fütterung: Bewegung, soziale Kontakte, Licht und Luft. „Viele Pferdebesitzer vergessen, wie wichtig diese Faktoren für den Organismus unserer Pferde sind“, sagt Ehrlich. „Als zusätzliche Maßnahme sollten sie überprüfen, ob das Pferd artgerecht gefüttert wird. Qualitativ gutes Heu, Hafer und Mineralfutter reichen in der Regel völlig aus. Müslis enthalten hingegen oft zu viel Eiweiß, Fett und Zucker sowie jede Menge künstliche Zusatzstoffe.“ Auch immunstärkende Ergänzungsfuttermittel aus Pflanzen und Kräutern können helfen. „Wichtig dabei ist, dass sie individuell nach Pferd und Symptomatik ausgesucht werden und vor allem, dass die nur Stoffe enthalten, die auch in der Natur vom Pferd gefressen werden würden“, sagt die Tierheilpraktikerin. „In vielen Fällen hilft eine Ausleitung mit Leber- und Darm-unterstützenden Kräutern oder Pflanzenextrakten“, sagt Ehrlich. Als Regulierungstherapie wendet sie Homöopathie und Pythotherapie an.

Ekzemer: Überreaktion auf Insektenspeichel

Eine der fiesesten Allergien ist das Sommerekzem. Die Anzeichen sind kahle, aufgescheuerte Stellen an Mähnenkamm und Schweif, bis hin zu offenen, eiternden Wunden. Die betroffenen Pferde leiden an starkem Juckreiz und scheuern sich wo es nur geht. „Das Sommer- ekzem ist eine allergische Reaktion auf den Speichel von Mücken, Gnitzen und Kriebelmücken“, erklärt Ehrlich und weiter: „Die Krankheit tritt meist Regel zwischen April und Oktober auf; die schlimmsten Monate sind Mai, Juni und September.“

Allergie-Alarm-toe

Der beste Schutz vor dem Sommerekzem ist der Schutz vor Insekten. Katrin Ehrlich setzt dabei auf insektenabweisende und hautpflegende Produkte, um die Histaminausschüttung zu begrenzen. „Im Notfall helfen Ekzemerdecken, welche die besonders betroffenen Stellen wie Mähnenkamm, Bauchnaht und Schweifrübe verhüllen. Sie stören jedoch die Kommunikation unter den Pferden und können Scheuerstellen hervorrufen. Die Tiere erhitzen unter den Decken und die natürliche Thermoregulierung kann nicht mehr stattfinden. Ich würde sie deshalb nur empfehlen, wenn der Pferdebesitzer keine andere Lösung gefunden hat“, sagt die Tierheilpraktikerin.

Möglichst schon den ersten Stich vermeiden

Das Sommerekzem ist eine Allergie vom Typ 1. „Der Körper merkt sich das Allergen, weswegen das Pferd mitunter bei jedem Kontakt stärker reagiert“, erklärt die Pferdewirtin. „Deshalb fährt schon beim ersten Stich im Frühjahr die Histaminausschüttung hoch.“ Es gilt also, bereits diesen ersten Stich zu vermeiden. „Wenn ein Pferd sich zum ersten Mal scheuert, meist im März oder April, müssen Pferdebesitzer sofort alle Insektenschutz- und Pflegemaßnahmen ergreifen“, sagt die Tierheilpraktikerin.

Die gute Nachricht: Allergien können wieder verschwinden. „Nicht alle Allergietests sind aussagekräftig und wissenschaftlich belegt, sodass man nicht gleich in Panik verfallen muss, wenn z.B. eine Allergie gegen bestimmte Pollen herausgefunden wurde“, sagt Ehrlich. Meist dauert es jedoch eine Weile, manchmal auch ein paar Jahre, bis zur Heilung. „Je früher man mit der Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten auf Erfolg“, sagt die Tierheilpraktikerin.

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